 |
Schwarze Europäerinnen.
Diese Bezeichnung ist Beatrice Achaleke sehr wichtig. Denn schwarze Menschen, die in Europa geboren sind oder aufwachsen, sind EuropäerInnen. Aber selbst wenn sie eine europäische Staatsbürgerschaft besitzen, werden Schwarze als Angehörige sogenannter „sichtbarer Minderheiten“ immer noch als MigrantInnen betrachtet. Auch die Kategorisierung „Zweite Generation“ besitzt etwas Diskriminierendes, sagt Achaleke. Denn durch sie wird ein Unterschied markiert, der deutlich macht, dass die so Klassifizierten nicht als gleichberechtigte BürgerInnen wahrgenommen werden.
„Rat europäischer schwarzer Frauen“ (Black European Women's Council, BEWC) nennt sich deshalb die von Achaleke mitgegründete Organisation, die am 9. September in Brüssel ihr offizielles Launching hatte. „Im Hauptquartier der Europäischen Kommission“ will der BEWC im von der EU ausgerufenen Jahr des interkulturellen Dialogs seine „Bereitschaft zum Dialog signalisieren. Wir nehmen dieses Jahr als Anlass, um zu sagen: ‚Wir sind da, wir wollen teilnehmen.‘“
Strukturen.
Die Soziologin bemüht sich seit über sechs Jahren um die politische Partizipation schwarzer Frauen. Um die Anliegen dieser Frauen an die Öffentlichkeit zu bringen, war es nötig, eine Struktur zu schaffen. Nach dem Tod des Mauretaniers Seibane Wague, der 2003 bei einer Polizeiaktion in Wien ums Leben kam, gründete sich zu diesem Zweck die österreichische Selbstorganisation „Schwarze Frauen Community“. „Aber im Zuge der Arbeit dort ist mir einfach klar geworden, dass wir diese Diskussion nicht nur auf österreichischer Ebene führen können. Die Diskussion muss auch auf europäischer Ebene stattfinden, weil nicht zuletzt die Migrationspolitiken in den Mitgliedsstaaten maßgeblich von der EU beeinflusst werden“, erklärt Achaleke die neuen Zielsetzungen.
Schon im vergangenen „Jahr der Chancengleichheit“ stellte der vom Verein AFRA – International Center for Black Women's Perspectives initiierte1 erste Kongress schwarzer europäischer Frauen die Frage: Wie sieht es mit Chancengleichheit aus unserer Perspektive aus? Knapp hundert Frauen aus nahezu zwanzig EU-Ländern, der Schweiz und den USA nahmen teil und verabschiedeten die „Wiener Deklaration“(vgl. an.schläge 11/07). Neben der generellen Forderung nach einer Implementierung des Empowerments schwarzer Frauen als politisches Kernthema werden darin z.B. auch verpflichtende Antirassismustrainings in öffentlichen Einrichtungen sowie der Abbau von Diskriminierung am Arbeitsmarkt eingefordert. Ein weiterer Punkt ist die Unterstützung beim Überwinden der psychosozialen Folgen von Rassismus. Denn die psychischen Schäden durch alltäglich erlebte Diskriminierungen sind immens. Und dabei geht es nicht nur um die offen rassistisch- sexistischen Attacken. „Man muss ständig erklären, warum man hier ist, muss immer das eigene Dasein rechtfertigen“, sagt Achaleke.
Strategien.
Der Kongress im letzten Jahr fand großes internationales Medienecho, aber die Veranstaltung „sollte nicht einfach ergebnislos als eine weitere Konferenz vorübergehen“. Zu ihrem Abschluss gründete sich deswegen der schwarze Frauenrat. „Die Gründung des Council war wichtig, um uns auf EU-Ebene weiter zu vernetzen, unsere Themen als Netzwerk lancieren und die öffentliche Meinung beeinflussen zu können. Wir wollten eine Kontinuität schaffen.“ Aus diesem Grund wurden die Ergebnisse des Kongresses auch veröffentlicht. Mit „Voices of Black European Women. Reflections, Challenges and Strategies from the Vienna Congress“ existiert nun erstmals auch ein Dokument über die Situation schwarzer Frauen in Europa. Denn inzwischen gibt es über nahezu jede Minderheit EU-Berichte. „Nur über uns gab es bislang nichts“, kritisiert Achaleke.
Im März 2008 fand dann wieder in Wien eine Strategiesitzung des BEWC statt, auf der – schon mit Blick auf das Launching – die Strukturen des Rates entwickelt wurden. Denn Ziel ist es, 2010 einen fixen Sitz in Brüssel zu haben. „Der Rat strebt an, ein Ansprechpartner für die EU zu sein, in allen Belangen, die schwarze Frauen betreffen“, so Achaleke. „Er soll einen konsultativen Status erlangen und eine Institution werden, an die sich alle EU- und UNO-Einrichtungen wenden können. Zu Working Groups, Konferenzen u.ä. sollen außerdem Expertinnen geschickt werden, die unsere Anliegen vertreten.“ Die eigenen Kompetenzen sollen so genutzt und deshalb zuvor erst einmal geklärt werden, welche Expertisen es im Netzwerk gibt. In der Folge soll eine Datenbank entwickelt werden, mit deren Hilfe Expertinnen gefunden und der EU zur Verfügung gestellt werden können.
Damit wird umgesetzt, was ganz oben auf der politischen Agenda des BEWC steht: endlich dafür zu sorgen, dass schwarze Frauen in Europa entsprechend ihrer Qualifikationen arbeiten dürfen. Denn nicht alleine die rigide an den Aufenthaltsstatus gekoppelte Arbeitserlaubnis verhindert dies häufig. Außerhalb der EU erworbene Qualifikationen werden oftmals einfach nicht anerkannt, weshalb eine Änderung der rechtlichen Lage ein erster wichtiger Schritt ist, um Frauen durch adäquate Arbeitsplätze finanzielle Unabhängigkeit zu sichern. Und um schließlich auch zu gewährleisten, dass schwarze Frauen irgendwann in allen gesellschaftlichen Entscheidungspositionen vertreten sind. „Weder der Nationalrat noch der Gemeinderat sind ein Spiegelbild der Gesellschaft, wenn wir davon ausgehen, dass 35 Prozent der Wiener Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben“, bilanziert Achaleke, die sich auch um eine Kandidatur auf der Bundesliste der Grünen beworben hatte, bei der Abstimmung aber gegen Alev Korun unterlag.
Stellung beziehen.
Neben der allgemeinen Forderung nach Partizipation und dem zentralen Bereich des Arbeitsmarktes gibt es eine Fülle weiterer
politischer Themen, die für schwarze Frauen in spezifischer Weise von
Belang sind und denen sich der BEWC annehmen will. So sollen Policy Papers zu Gesundheits-, Bildungs- oder
Entwicklungspolitik ebenso verfasst werden wie etwa auch Stellung zu FGM oder Frauenhandel bezogen werden soll. Natürlich könne „man nur die großen Themen aufgreifen und bspw. ausreichend Kinderbetreuungseinrichtungen und den Anspruch auf medizinische Versorgung fordern oder qualitative Sprachkurse für alle Frauen, die sie brauchen“. Um daneben weiterhin auch auf die individuellen Bedürfnisse und Probleme von Frauen aus den einzelnen Mitgliedsländern eingehen zu können, sind die Organisationen auf nationaler Ebene unerlässlich. Denn schwarze Frauen brauchen auch bei
alltäglichen Belangen Unterstützung und Vernetzung, z.B. wenn ihre Kinder in der Schule mit Rassismus konfrontiert sind. Das Netzwerk soll deswegen in allen EU-Staaten mit Bedarf repräsentiert werden, ein nächster Schritt wird ein Capacity-Building sein, das all jene, die in ihren Ländern ein Komitee bilden wollen, begleitet und unterstützt.
„Die Kraft, die Motivation und der Enthusiasmus der Frauen ist ungeheuer groß“, erzählt Achaleke. Frauen, die über kaum ein Einkommen verfügen, haben die Kosten für Reise und Unterkunft irgendwie selbst aufgebracht, um vom Kongress bis zum Launching an allen Veranstaltungen teilnehmen zu können. „Alles, was bislang geschehen ist, verdankt sich diesem Engagement. Das zeigt, wie dringlich es ist und dass die Sache vorangetrieben werden muss.“
Links:
Achaleke, Beatrice (Hg.): „Voices of Black European Women.
Reflections, Challenges and
Strategies from the Vienna Congress“,
ISBN: 978-3-200-01298-1
Über die Entstehung des BEWC wird es demnächst auch einen Film geben: „The Birth of the Black European Women's Council“.
Nähere informationen unter: ,
, |