Reich und Schön am Bosporus

Eine türkische Seifenoper sorgt für Aufruhr unter arabischen MuslimInnen.
Von Michaela Maywald

„Ich bin süchtig danach!“ Für Nada gab es in den letzten fünf Monaten einen täglichen Pflichttermin, den sie um keinen Preis versäumt hätte. Und Millionen anderen arabischen Frauen ging es genauso wie der jungen Palästinenserin aus Ramallah. Das, was sie alle an die Fernsehgeräte fesselte, war „Noor“. Die türkische Serie rund um die schöne, junge Noor und ihren Ehemann Mohannad hat weltweit für Aufregung gesorgt und neben einer großen Fangemeinde auch hitzige Diskussionen hervorgebracht. Was ist das Besondere an dieser Soap-Opera? „Noor“ folgt einem bewährten Rezept – schöne, reiche Menschen, viel Melodrama, Gut gegen Böse, Romantik … Es gibt Dutzende ähnliche Serien, und auch in der Türkei war „Noor“ bei der Erstausstrahlung 2005 nichts Besonderes. Im Gegenteil: Die Serie wurde bald wegen zu geringer Einschaltquoten abgesetzt. Für ZuseherInnen in arabischen Ländern aber war die erste Folge im April 2008 eine kleine Sensation. Und das lag nicht nur an dem gutaussehenden Ex-Model Kivan Tatlitug, dem männlichen Hauptdarsteller der Serie.

Glamouröse Tradition.
Schon seit langem sind US-amerikanische, asiatische und mexikanische Soaps in arabischen Ländern täglich Programm. Doch „Noor“ zeigte den melodramatischen Herzschmerz erstmals in muslimischem Umfeld. „Ich liebe ‚Noor‘, weil es glamourös ist wie die ausländischen Serien, aber gleichzeitig eine muslimische Familie zeigt, die ähnliche Traditionen und Bräuche hat wie wir, dadurch können wir uns mit ihr identifizieren.“ Safaa Abdel-Hadi, ein „Noor“-Fan aus Kairo, verrät das Erfolgsrezept der Serie – die Verbindung von muslimischer Tradition und Moderne. Noor und Mohannad sind türkische Muslime. Sie halten den muslimischen Fastenmonat Ramadan ein, und ihre Ehe wurde von den Eltern arrangiert. Ein Kopftuch trägt aber keine der weiblichen Darstellerinnen und es gibt keine täglichen Gebete, dafür wird reichlich Alkohol getrunken. „Die Charaktere in Noor sind Muslime, aber sie sind offener als arabische Muslime“, sagt Laura Abu Sa’ad, die Noor in der arabischen Version ihre Stimme leiht.(1) Noor ist eine selbstständige, unabhängige Karrierefrau, ihr Mann unterstützt sie, ist liebevoll und aufmerksam. Die beiden führen eine gleichberechtigte Partnerschaft, was für die meisten Muslime in arabischen Ländern unvorstellbar ist. Dort wird das Leben der Frauen großteils von Männern bestimmt, und ihre Rolle ist auf die der Ehefrau und Mutter beschränkt. Die Handlung von „Noor“ berührt immer wieder Themen, die in vielen muslimischen, vor allem arabischen, Ländern noch tabu sind. Scheidung, Abtreibung, außerehelicher Sex. „Die Serie zeigt, dass es Muslime gibt, die anders leben“, meint Islah Jad, Professorin für women’s studies im Westjordanland(2).

85 Millionen ZuseherInnen.
Als MBC (Middle East Broadcasting Center) die türkische Serie erstmals in arabischen Ländern ausstrahlte, rechnete niemand mit solch einem Echo. Von April bis August 2008 verfolgten laut MBC 85 Mio ZuseherInnen das Schicksal von Noor und Mohannad. Allein in Saudi-Arabien waren es täglich drei bis vier Millionen Menschen.(3) Der pan-arabische Sender MBC hatte im Ausland nach billigen Alternativen zu arabischen TV-Serien gesucht, die syrische Firma Sama Productions synchronisierte „Noor“ dann für MBC. Dass dafür der populäre syrische Dialekt verwendet wurde, statt wie bei den meisten anderen Serien das klassische Arabisch, dürfte zum Erfolg der Serie beigetragen haben. Die staatlich vorgeschriebene Zensur musste nur bei Liebesszenen berücksichtigt werden, da die türkische Soap keine politischen Themen anspricht. „Wir zensieren in geringem Ausmaß“, meint dazu Adib Khair, General Manager von Sama Productions, „keine Küsse, keine Liebesszenen, keine Nacktheit“. Doch auch die „entschärfte“ Variante erregte Unmut bei vielen gläubigen Muslimen. „Die türkische Serie verbreitet Verdorbenheit und Übel … Sie ist teuflisch und unmoralisch“, warnte etwa der Großmufti von Saudi-Arabien. Das religiöse Oberhaupt des Landes forderte die TV-Stationen auf, ihren „Angriff auf Gott und seine Propheten“ unverzüglich einzustellen. Auch Hamas-Mitglied Hamed Bitawi aus Nablus äußerte sich zu der Soap, sie verstoße „gegen unsere islamische Religion, ihre Werte und Traditionen.“(4) Der oberste religiöse Richter Saudi-Arabiens ging kürzlich in einem Radiointerview sogar so weit, zu erlauben, „die Besitzer von jenen Stationen zu töten, die Verwerfliches und Ausschweifendes ausstrahlen“.

Noor-Tourismus.
Der Erfolg von „Noor“ war trotzdem nicht aufzuhalten. Von den Souks in Tunis bis zu den Märkten in Ost-Jerusalem: Fanartikel mit den Fotos der glamourösen Noor und ihres Model-Mannes gehen weg wie warme Semmeln. „Ich verkaufe mehr als 500 Fotos der Noor-Stars jeden Tag“, sagt Hussein, der seinen Verkaufsstand neben der Universität Damaskus betreibt. Auch T-Shirts, Poster und Chips-Tüten schmücken Fotos der Stars. In Gaza-Stadt wurden Kopien der schicken Designerkleidung der Hauptdarstellerin an die lokalen Standards angepasst:
Ärmellose Blusen werden über einem langärmeligen Shirt getragen. Kaffeehäuser im westjordanischen Nablus heißen jetzt „Noor und Mohannad“, in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad benannten Eltern ihre Kinder nach den türkischen Stars. Einige arabische Zeitungen berichteten, dass in Syrien, Jordanien und Bahrain sogar die Zahl der Scheidungen wegen Ehestreitigkeiten aufgrund der Serie angestiegen sei. Weniger umstritten ist die Tatsache, dass sich der türkische Tourismus über den „Noor“-Boom freuen kann: 2008 sollen etwa 100.000 TouristInnen aus Saudi-Arabien die Türkei besucht haben (2007 waren es ca. 41.000).(5) Der Drehort der Serie, die luxuriöse Villa am Bosporus, ist ein beliebtes Ausflugsziel der „Noor“-Fans, auch werden in der Region immer mehr Grundstückskäufe durch Saudi-Arabier verzeichnet.

Feministisches Edutainment?
Soweit ist die Soap ein großer kommerzieller Erfolg, kann aber eine seichte Serie auch Botschafter für die Gleichberechtigung der Frau sein? Ist wirklich etwas dran an der vielerorts aufgestellten Vermutung, dass „Noor“ tiefergehende Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Regeln der arabischen Länder, allen voran die Stellung der Frau, hat? „Noor motiviert Frauen, ihren Charakter zu entwickeln“, meint Mohammed Azmeh, Lkw-Fahrer aus Ramallah und Vater von vier Töchtern. „Durch die Serie wird meine Tochter eine starke Frau, keine Sklavin ihres Ehemanns, sie wird unabhängig.“ Andere meinen, die Wirkung der Serie werde überschätzt. „Das wäre ja so, als ob man von O.C. California oder 90210 etwas lernen könnte“, schreibt etwa eine junge Kanadierin in einem der zahlreichen Internet-Foren zum Thema „Noor“.
Seifenopern sind erfolgreich, weil sie seichte Unterhaltung liefern, schöne, reiche Menschen zeigen, beliebte Vorurteile und Klischees bestätigen. Und weil sie Zerstreuung bieten und die ZuseherInnen mit den oft künstlich erzeugten Problemen der Serienfiguren von den eigenen Problemen ablenken. Dabei ist ein gewisses Maß an Identifizierung des Publikums mit den HauptdarstellerInnen notwendig. Leben diese in ähnlichem gesellschaftlichem und kulturellem Umfeld, dann erlaubt das den Zusehern, von einer reichen, romantischen Version des eigenen Selbst zu träumen bzw. Abenteuer mitzuerleben, die es im Alltag nicht gibt. Diese Sehnsüchte, die Soaps ansprechen, sind ein wichtiger Teil ihres Erfolgs. „Noor“ hat etwa „die Sehnsucht nach Intimität und Liebe geweckt“, meint Fatima Rabea, Vizepräsidentin der Frauenunion von Bahrain. Lernen wir jedoch von den Noors, Rich Forresters und Brandon Walshs dieser Welt etwas?
Die US-amerikanische Organisation „Population Media Center“ ist von dieser Tatsache überzeugt und macht sie sich zunutze. Sie produziert TV- und Radio-Serien in 15 Ländern, wobei neben dem Unterhaltungs- auch ein Lerneffekt erzielt werden soll. In die Handlung der Serien werden Themen eingebaut, die in den jeweiligen Ländern „problematisch“ sind (etwa HIV-Aids, Familienplanung, häusliche Gewalt etc.) bzw. werden Modelle gezeigt, wie mit diesen Problemen besser umgegangen werden kann.(6) Überträgt man diese Strategie auf arabische Länder, so könnte „Noor“ theoretisch (allerdings ohne Intention ihrer Macher) eine Art „Edutainment“ für arabische Frauen sein. Sie könnten sich Selbstbewusstsein, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von Noor abschauen. „Ich habe meinem Mann gesagt, er soll von Mohannad lernen, wie er seine Frau liebt, behandelt und unterstützt“, sagt Heba Hamdan(7). Die 24-jährige Hausfrau aus Jordanien hat gleich nach der Schule geheiratet. Auch Ala Hamami steht vor einem ähnlichen Schicksal: Sie wurde vor kurzem mit einem von den Eltern ausgesuchten Partner verlobt. Die 17-Jährige sagt, sie „schaut auf zu Noor, denn sie ist unabhängig“.
Eines ist sicher: „Noor“ hat die Gemüter erhitzt und weltweite Diskussionen ausgelöst. Von ergebenen Fangemeinden bis zu wütenden „I-hate-Noor“-Chatgruppen – es wird (unter anderem) über die Stellung der Frau im Islam geredet, und das schafft ein öffentliches Bewusstsein, das mit anderen Mitteln schwer erzeugt werden kann. Ob „Noor“ jedoch nach der Ramadan-Pause (in der nur traditionsbewusste „Ramadan-Serien“ ausgestrahlt werden) immer noch die Massen begeistern kann, wird sich erst zeigen.

(1) www.thenational.ae/article/ 20080728/ FOREIGN/53060852/ 1011/rss
(2) www.baltimoresun.com/entertainment/custom/today/bal-to.soap28jul28,0,3743960.story
(3) www.welt.de/welt_print/article 2281018/Blumen-statt-Schlaege-fuer-die-Ehefrau.html
(4) www.welt.de/welt_print/article 2281018/Blumen-statt-Schlaege-fuer-die-Ehefrau.html
(5) www.reuters.com/article/lifestyleMolt/idUSL633715120080726
(6) http://welovesoaps.blogspot.com/ 2008/09/soaps-for-social-change.html
(7) www.baltimoresun.com/entertainment/custom/today/bal-to.soap28jul28,0,3743960.story