Piano-Herbst in schwarz-weiß

Fortissimo, crescendo, pianissimo mit Silke Graf und Vina Yun.

Das Klavier – egal ob nun Flügel oder Pianino – ist aus der Popmusik nicht mehr wegzudenken. Es ist ein machtvolles, schönes Instrument, in dessen Klang immer ein wenig Dramatik, Melancholie und Verderben mitschwingen. Die US-Amerikanerin Amanda Palmer sagt mit einem Zwinkern, hätte sie eine Schaffenspause, würde sie gerne einmal Klavier spielen lernen. Auf ihrem ersten Solo-Album Who killed Amanda Palmer? beweist sie, dass sie das eigentlich schon ganz gut kann – um nicht zu sagen: cinematoskopisch gut. Nach sieben intensiven Jahren mit The Dresden Dolls erholt sich Bandkollege und Schlagzeuger Brian Viglione nach einem „Chick-Dude-Konflikt“, wie Ms. Palmer das nennt, im Punk-Cabaret-Projekt The World/Inferno Friendship Society, während Amanda gemeinsam mit „very 70s“ Ben Folds in einem eineinhalbjährigen Prozess das Album mit der David-Lynch-Referenz im Titel einspielte. Ein anderer Held der sympathischen Sängerin, Pianistin und gekonnten Selbstdarstellerin, Neil Gaiman, verfasst für sie derzeit Kommentare zu einem Amanda-Palmer-Fotoband, der in Kürze erscheinen soll. Der Entstehungsprozess des sehr gelungenen Albums lässt sich übrigens unterhaltsam und minutiös im Netz nachlesen, kurz: Amanda-Palmer-Fans haben’s gerade ziemlich gut!

Nicht ganz so mitteilungsbedürftig, jedoch keineswegs weniger virtuos am Piano, spielt sich die junge, aus dem Nirgendwo eines kleinen steirischen Dorfes kommende Anja Plaschg alias Soap&Skin seit einigen Jahren aus dem Schatten nach vorne ins Zwielicht. Nach einem ersten 12-Inch-Release auf Shitkatapult gibt es nun den nächsten Zwischenschritt auf dem Weg zum ersten großen Album zu bewundern: Die unbetitelte EP kommt mit drei Stücken und einem sanft-klirrenden Fennesz-Remix von „Xray Heartland“ daher. Herausragend ist die Bearbeitung von
Christa Päffgens (besser bekannt als Nico) „Janitor Of Lunacy“ (frei übersetzt „Türwächter des Irrsinns“), in dem Plaschgs Stimme dunkel-düster in vielen überlagernden Schichten die Kraft eines griechischen Chors sucht. Episch auch „The Sun“, dessen monotone Pianoklänge im Verlauf des Stücks zunehmend von elektronischen ergänzt und intensiviert werden. Nicht ohne Grund ziert ein Fahrrad das Cover: Nico starb unter der Sonne Ibizas bei einem Fahrradunfall.

Mehr als drei Jahre nach Erscheinen des von der Musikpresse begeistert aufgenommenen Albums „I Am A Bird Now“ (2005) machen auch Antony and the Johnsons wieder von sich reden: Another World heißt die fünf Stücke umfassende EP, die eigentlich nur ein Teaser für das neue Album „The Crying Light“ ist, das Anfang 2009 erwartet wird. Trotz der längeren Schaffenspause war Sänger Antony Hegarty alles andere als abwesend, trat er doch erfolgreich beim New Yorker Disco-Projekt Hercules & Love Affair sowie als viel gefragter Gastvokalist und Duett-Partner für andere Künstler_innen wie z.B. Björk in Erscheinung. Auf der aktuellen EP begegnet uns Antony wieder als kompositionsreicher Balladeer auf dem Klavier mit vertraut bittersüßen, dunklen Liedern, dessen androgyne Stimme und zerbrechlicher Vibrato zum Markenzeichen geworden sind. Fast scheint es, als wollten Antony & The Johnsons zu sehr auf bereits Bewährtes setzen, da erregt ein plötzlicher stilistischer Bruch Aufmerksamkeit: „Shake That Devil“ offenbart sich als ein von Swing/Boogie-Rhythmen inspiriertes, an Gospel-Strukturen angelehntes Call & Response-Stück, das mit schwungvollen Drums und Saxophon schnell Hochstimmung aufkommen lässt.
Etwas dezenter pflegt die isländisch-italienische Musikerin Emilíana Torrini ihre Melancholia. Die in klassischer Opernmusik ausgebildete Sängerin, die sich ebenso für HipHop wie Trash-Metal begeistern kann, schrieb einst, zusammen mit ihrem Produzenten und Kollaborateur Dan Carey, für Kylie Minogue den subtil-verführerischen Electronic-Hit „Slow“. Nun präsentiert sie ihr drittes Album Me and Armini, das sich – nach dem von schlurfender Trip-Elektronik charakterisierten Debüt „Love In The Time of Science“ (1999) und dem lauschiger Akustik verpflichteten Follow-Up „Fisherman’s Woman“ (2005) – stilistisch äußerst versiert gibt: Reggae-Rhythmen, Tango-Elemente, klassischer Rock’n’Roll. Aufgenommen in England und Island, funktioniert das Album am wenigsten in seinen Coffee-Shop-kompatiblen, von der Akustikgitarre geleiteten Singer-Songwriter-Momenten, am besten in den mehr als Track denn als Song strukturierten Stücken, in denen die sanften elektronischen Akzente durch ihren brüchigen Einsatz dem sonst so sanften Profil Emilíana Torrinis Ecken und Kanten verleihen. Davon wünschen wir uns mehr!

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