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Eine Bewegung … eine Gestik … ein Streifblick … ein Ruck … Durch ihr ästhetisches Empfinden definierte Yvonne Rainer den zeitgenössischen Tanz neu. Es ist nicht nur ihr Empfinden des Körpers, das dabei ausschlaggebend ist: Statt Virtuosität und Perfektion, linearer Bewegungen und durchchoreographierter Strukturen, soll der Tanz ein Ausdruck des Alltäglichen sein, sagt sie. Der Tänzer ein „neutraler Ausführer" und die Bewegungen prosaisch im Stile eines Fußgängers. Der Tanz solle eine Rückkehr zum „alltäglichen Körper" werden. Seit den 1960er Jahren beeinflusst die Ikone der New Yorker Avantgarde Szene Generationen von KünstlerInnenn. Und das aus gutem Grund – Rainer machte den zeitgenössischen Tanz für jedermann und jedefrau zugänglich, imitierbar und daher physiologisch wie mental zugänglicher als je zuvor.
Yvonne Rainer wurde 1934 in San Francisco als Tochter eines norditalienischen Einwanderers und einer New Yorkerin aus Brooklyn geboren. Die jüdischen Eltern ihrer Mutter wanderten im 19. Jahrhundert von Warschau nach Amerika aus. Ihr Vater änderte seinen Namen Rainero in Rainer um „amerikanischer" zu klingeln. Wegen psychischer Probleme der Mutter wurde sie mit ihrem Bruder in ein Pflegeheim für Kinder geschickt. „Meine Mutter war sehr instabil und konnte zwei aktive Kinder, insbesondere meinen sehr eifersüchtigen älteren Bruder, nicht handhaben. Sie haben sich auf meine Ankunft nicht vorbereitet", sagt sie. Ihre großen, ehrlichen, braunen Augen blicken hinter einer eckigen Brille in meine Richtung. „Wir waren ungefähr fünf Jahre lang im Pflegeheim. Es war ein riesiges Haus mit vielen Kindern. Das war schwer, aber viele Kinder haben ein schlimmeres Leben, als wir es hatten." Ob sie ihre Kindheit in ihrer Arbeit verarbeitet hat? „Oh ja, in ‚Film About a Woman Who …‘ gibt es die Aussage: ‚Sie dachten, ihre Scheiße war wichtiger als sie.“ „Wir mussten uns jeden Morgen in einer Reihe anstellen, um scheißen zu können und es wurde inspiziert. Wer nicht gehen konnte, bekam Rizinusöl. Man musste jeden Tag zu gleicher Zeit gehen, mit allen anderen. So ein Ort war es."
Anarchismus und Kultur. In ihrer Arbeit spricht sie viel über Sexualität. In ihrem außergewöhnlichen Essayfilm „Film About a Woman Who...“ (1974) sieht man ein junges Mädchen in seinem Bett schlafend, das seine rechte Hand unter dem Bauch versteckt hält. Die Hand eines Erwachsenen nähert sich und zieht die Mädchenhand nach oben, wo sie sichtbar bleibt. „Ich denke, meine Eltern hatten Angst vor der Masturbation," erklärt sie. „Wenn du auf deinem Bauch schliefst und deine Arme nicht draußen waren, dann mussten sie irgendwo sein, wo sie nicht hätten sein sollen. Es passierte nur einmal, ätzte sich aber in meine Erinnerung: zu schlafen während jemand deinen Arm unter dir raus zieht."
Ihre Eltern waren AnarchistInnen, aber in sexueller Beziehung sehr puritanisch. Ihr Vater behauptete, vor seiner Hochzeit nie Sex gehabt zu haben. Er heiratete Rainers Mutter mit 35. „Sie waren ungebildete Leute. Die Großeltern beiderseits waren Sozialisten. San Francisco hatte eine Tradition italienischer AnarchistInnen und Radikaler. „Ich wurde sehr widersprüchlich erzogen. Auf der einen Seite waren sie sehr regierungskritisch, auf der anderen extrem konservativ was Frauen anbelangte. Das war schwer. Alle italienische Anarchisten waren anti-progressiv, wenn es ums Privatleben ging." San Francisco war aber auch ein Ort, wo sich radikale New YorkerInnen und die Bohème versammelten, um mit alten italienischen Radikalen zu verkehren – ein Schmelzpunkt verschiedener Altersgruppen. Rainer war mit diesen Einflüssen schon im frühen Alter konfrontiert. Es war jedoch New York, wo sich die innovative, experimentelle Kunstszene in den 1960er Jahren entwickelte, und diese zog Rainer an.
Sie begann in New York Schauspiel zu studieren, stelle jedoch schnell fest, dass ihre Liebe zur Performance sich mit Schauspielerei nicht gut ausdrücken ließ. Die KritikerInnen bemängelten, sie wäre zu „zerebral" und nicht glaubwürdig. Sie suchte weiter und „stolperte in den Tanzunterricht hinein", in dem sie ihren künstlerischen Ausdruck fand. Ihr Interesse am Tanz hatte seinen eigentlichen Ursprung in den kulturellen Ambitionen ihrer Mutter. Rainers Mutter war jedoch nie in den Genuss von Bildung und Intellektualität gekommen und war eine ungebildete Frau. „Sie kam aus einer Familie, in der geglaubt wurde, Italiener wären Leute vom nächsten Block, die Kohle in der Badewanne lagerten und nie badeten – und dann heiratete sie einen Italiener. Sie hatte all diese Vorurteile, auch den Schwarzen gegenüber". Aber die Mutter liebte die Oper und nahm die kleine Yvonne zu Oper- und Ballettvorstellungen mit. Und zeigte ihr eine Kultur, die Yvonne Rainer nicht fremd blieb.
Emotionen und Sex. Rainer experimentierte mit verschiedenen Formen, bis sie ihre Formel entwickelte; eine Formel, in der der Sexualität und den Emotionen Schlüsselfunktionen eingeräumt werden. Beachtenswert ist das erste Kapitel ihrer Autobiographie „Feelings are Facts: A Life“ das mit der Beschreibung einer Sexepisode aus ihrer Jugend beginnt. „Ein Weg, um den Leser in das Buch zu ziehen", erklärt sie.
Emotionen und Sex – für Rainer eine untrennbare Kombination, die sich in ihren Choreographien wie auch in ihren Filmen immer wieder findet. „Film About a Woman Who...“ war eine Reaktion auf den früheren formalistischen Film. Ich dachte mir, ich werde minimalistische Ideen anwenden für die Zeitaufnahmen und das Framing, den sexuellen Inhalt einbinden und sehen, was passiert." Schockierte ihre sexuelle, ungewöhnlich offene Herangehensweise damals in den 1960ern? „Ja-ha", nickt sie, „aber es war damals noch schockierender, dass ich in meinem Film Emotionen so ins Zentrum stellte." Ihre Auseinandersetzung mit der weiblichen Auffassung von Sexualität war revolutionär. Ihre Auseinandersetzung mit dem Gefühlsleben und der Sexualität ist aber auch heute noch außergewöhnlich kraftvoll. „Es war nicht mein Interesse, das Publikum dazu zu bringen, über Sex und Emotionen zu sprechen, sondern einen Raum voller Menschen zu haben, die etwas über Sex und Emotionen lesen. Das Lesen ist normalerweise eine Privatsache – wie einen Roman lesen. Im Film gibt es den Satz ‚Now she's thinking of his penis'. Das zu lesen, bringt das Publikum dazu, sich seiner selbst auf eine völlig andere Weise bewusst zu werden.
Kinematographie und Konservatismus. Mit „Film About a Woman Who …“ ließ Rainer die Grenzen zwischen auditiven und visuellen Komponenten verschwimmen, indem sie Kinematographie, Literatur, Performance, Theater, Erzählkunst und Klang miteinander auf eine bisher ungesehene Weise verband. Sie missachtete alle Regeln und Geschlechternormen und schuf eine Metapher, die zugleich real und surreal wirkt. Der Film gilt bis heute als bahnbrechend und beeinflusste die feministische Filmtheorie der 1970er maßgeblich.
Danach schlug sich die reaktionäre Welle des Konservatismus der Politik der 1980er Jahre unweigerlich auch in der Kunst nieder. Dieser Konservatismus war auch mit der Kommerzialisierung der Kunst im weiten Sinne verbunden und glaubte, ein breites Publikum sei nicht imstande – oder nicht willens –, sich mit existentiellen Fragen und kritischen Themen auseinanderzusetzen. Filme müssten auf einem für alle zugänglichen Niveau gehalten werden: einem Niveau, das die Mediokrität der Masse bedient, statt Kreativität zu fördern.
Das mehr und mehr nichtkommerzielle Filme zu Kultfilmen werden, beweist jedoch, wie falsch die großen Produktionsfirmen damit liegen. Und es beweist, dass innovative Künstlerinnen wie Yvonne Rainer unverzichtbar sind.
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