Into the Groove
Der Sound des Sommers: poppig, progressiv, politisch. Von Silke Graf und Vina Yun

Auf der Suche nach deepen Klängen, auf denen es sich groovig und ein wenig weltfremd-verträumt durch den Sommer reiten lässt? Wie wär’ es dann mit etwas Tech-House, aus dem Hause Mobilee Records vielleicht? Anja Schneider hätte da gerade ein Debütalbum im Angebot, das uns nicht hinters Licht führt, sondern noch ein Stückchen weiter raus, da, wo es „Mole“, „Maki“ und „Safari“ gibt, dort, wo sich progressiver Afterparty-Sound mit solidem Minimal-Techno bei Sonnenaufgang trifft. Der sinnliche Ort trägt den Namen Beyond the Valley (Mobilee) und ist eine Art Konzeptalbum – koproduziert von Paul Brtschitsch, mit dem Schneider auch schon bei der erstaunlichen Single „Loop de Mer“ zusammen gearbeitet hat. Begonnen hat Anja Schneider als Radio-DJ, fing dann an in Clubs aufzulegen und ist nun seit drei Jahren Chefin von Mobilee – und damit neben Ellen Alien und ihrem Label „BPitch Control“ die einzige deutsche weibliche Labelbetreiberin in diesem Genre.

Für jene, die melodisch-verspielten Klängen repetitivem Bass den Vorzug geben, könnte Lykke Li die richtige Wahl sein, um Leichtigkeit mit Tiefgang zu kombinieren. Ihr Geburtsjahr (1986!) ist schon einmal sehr stimmig mit dem Titel des Albums: Youth Novels (Atlantic UK). Als schwedisches Hippie-Kind wird Lykke Li manchmal bezeichnet, die Musik für Leute macht, die lieber Tee statt Bier zu ihrer Popmusik nehmen. Die spartanischen Songs sind voller Charme, Lis Stimme – die ein wenig an Stina Nordenstam erinnert – ist stets nah und fragil. „Little Bit“ ist bereits ein kleiner Hit und „Dance, Dance, Dance“ dreht sich von hinten in den Gehörgang wie ein lauernder Tiger. Fast schon minimalistisch kommt „Let It Fall“ daher – ein Basslauf und etwas Perkussion machen das Tränen-Fallen-Lassen zur entspannendsten Sache der Welt, während einer „My Love“, im Vergleich dazu pompös und kitschig, das Warten auf die Liebe hoffentlich austreibt.

Ohne sie ging in den letzten 25 Jahren auf dem Dancefloor kaum was: „Like an Icon“ Madonna, von der die US-amerikanische Journalistin Annalee Newitz einst meinte, Madonna sei keine Musikerin, sondern das beste Beispiel kontinuierlicher Selbsterfindung in Form eines „Bündels von Images“ – Grund genug, dass sich Kultur- und Medienwissenschaften, feministische Theorie oder Queer Studies und prominente TheoretikerInnen wie Judith Butler, bell hooks oder Jean Baudrillard immer wieder auf das häufig als „postmoderne feministische Ikone“ bezeichnete Pop-Phänomen beziehen. Hard Candy (Warner) ist das elfte Album der bekanntesten und bestverdienenden Musikerin des Planeten, die wie gewohnt die Geister scheidet: Bejubeln die einen den nächsten großen Wurf der Sängerin aus Detroit, die mit der ersten Single aus dem aktuellen Album, „4 Minutes“, gar den lange unerreichten Elvis Presley in der Kategorie der meisten US-Top 10 Singles schlug, wollen die anderen Ms. Ciccone endlich in Rente gehen sehen. Mit u. a. den Hit-Garanten Timbaland, Pharell Williams und Justin Timerlake an ihrer Seite ging Madonna jedenfalls auf Nummer sicher und wendet sich – nach kräftigen Anleihen aus Eurodance- und progressiven Elektro-Sounds – wieder verstärkt dem US-amerikanischen Popstream mit seiner Vorliebe für HipHop und R’n’B zu. Zugleich erinnert „Hard Candy“ stellenweise deutlich an Madonnas frühe „Like A Virgin“-Phase mit ihren afroamerikanischen Disco- und Funk-Einflüssen wie die Songs „Dance 2night“ und „Heartbeat“ beweisen. Die nächste Mädchengeneration, die zu Madonna tanzt, dürfte gesichert sein.

La Beat goes on – das gilt auch für Bernadette La Hengst, die – wie auch schon auf ihrem Solo-Debütalbum „Der beste Augenblick in deinem Leben“ (2002) und „La Beat“ (2005) – mit Machinette (Richie/Trikont/Hoanzl) die Landkarte des politischen Popsongs neu zeichnet: Hamburg macht wieder Schule, auch wenn die eben zur „Hamburger Schule“ zählende Musikerin (ehemals bei „Die Braut haut ins Auge“ und „Huah!“) mittlerweile in Berlin ihre Zelte aufgeschlagen hat. Dabei geht es weniger um geografische Gegebenheiten als um ein politisches Moment, bei dem Agitprop und melodiöser Pop eine (im Vergleich zum Vorgänger-Album weniger elektronisch orientierte und doch) höchst swingende Verbindung eingehen – ein äußerst charmanter Seniorinnen-Chor inklusive (siehe die Nummer „Das Echo unserer Eltern“). „Machinette“ bewegt sich zwischen den thematischen Grundpfeilern Freiheit, Liebe und Revolution und propagiert – platitüdenfrei und sympathisch undogmatisch – die mobilisierende Kraft von Kollektivität, die auch außerhalb der Musik wirkt: Zuletzt stellte La Hengst, die 2003 auch beim Ladyfest in Hamburg mitorganisierte, das Puppentheaterprojekt „Die engagierten Finger“ und den Mobilisierungsfilm „Kasperle Gib 8“ anlässlich des G8-Gipfels in Heiligendamm auf die Beine – zu sehen auf Youtube.

Anja Schneider: Beyond the Valley
Lykke Li: Youth Novels
Madonna: Hard Candy
Bernadette La Hengst: Machinette

Links:
www.anjaschneider.com
www.lykkeli.com
www.madonnamusic.de
www.lahengst.com