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„Männer, Frauen, Kinder – es ist mir egal, wer es ist, ich werde da sein und an ihrer Seite stehen, auch wenn ich die Einzige bin, die das tut“, erklärte sie einmal in einem Interview. Auch wenn sie sich durchaus auch mit feministischen Themen befasst und Frauen immer wieder als Protagonistinnen in ihren Filmen auftreten, als Feministin will Alanis Obomsawin nicht gesehen werden. Feminismus ist ein Label, ein weißes Label, eines das zu kurz greift, um ihre Arbeit zu beschreiben. Die ihrem Engagement zugrundeliegenden Werte wurden ihr in ihrer Kindheit vermittelt, als von Feminismus noch kaum die Rede war.
Abenaki.
Wie bei den meisten First Nations(2) der Region waren (und sind) Frauen auch bei den Abenaki hoch angesehen und besaßen viel Macht und Einfluss. Bis heute geben sie die Traditionen, Mythen, Gesänge und Geschichten an die nächste Generation weiter und sichern damit das Weiterbestehen der Abenaki als eigenständige Kultur. Diese Kultur ist Ausgangspunkt und bis heute Bezugspunkt für das Leben von Alanis Obomsawin.
Erzählt die 75jährige von ihrer Kindheit, klingt es beinahe wie Mythologie: Als sie wenige Monate alt war, fiel sie ins Koma. Niemand konnte eine Ursache dafür finden. Ihre Mutter gebar zuvor schon vier Kinder, von denen keines das erste Jahr überlebt hatte. Eines Abends kam eine alte Abenaki Frau zur Tür herein, wickelte das kranke Baby in eine Decke und verschwand in die Nacht. Die besorgten Eltern erfuhren, dass die Frau ihr Kind in eine Hütte auf die Abenaki Reservation gebracht hatte. Erst unschlüssig, was sie nun unternehmen sollten, entschieden sie sich, das Vorgehen der Ältesten zu respektieren. Was in den sechs Monaten, die das kranke Kind bei der alten Frau verbrachte, geschah, weiß niemand. Aber Alanis Obomsawin überlebte. Wieder vereint mit ihren Eltern, verbrachte sie ihre Kindheit in Odanak im Territorium der Abenaki. Hier wuchs sie mit den Geschichten und Traditionen ihres Volkes auf. Und mit der Sprache der Western Abenaki, in der die Worte „Mutter“ und „Großmutter“ mit hoher Wertschätzung verbunden sind und in der es keine Entsprechung für die Worte „sie“ und „er“ gibt. Zu dieser Zeit war eben diese Lebensweise Veränderungen unterworfen und wurde vor neue Herausforderungen gestellt, nicht zuletzt durch die Begehrlichkeiten Weißer, welche die Ressourcen des Gebietes für ihre eigenen Zwecke nutzen wollten. Als Alanis neun war, zogen ihre Eltern nach Trois Rivières, wo sie in ihrer Wohngegend die einzige First-Nation-Familie waren. Hier wurde Alanis mit Vorurteilen, Sexismus und Rassismus konfrontiert. Ihre Kindheitserfahrungen prägen und beeinflussen ihre Arbeit bis heute.
Mother of Many Children.
Ihre künstlerische Karriere begann Obomsawin als Sängerin und Geschichtenerzählerin. Sie trat bei Festivals und Powwows auf und trug Geschichten und Lieder der Abenaki vor. Bei einem dieser Auftritte wurden Leute vom National Filmboard of Canada (NFB) auf sie aufmerksam, die sie als Beraterin engagierten. Bald jedoch begann sie, selbst Filme zu drehen. Sie wollte die Geschichte(n) der First Nations aus der Sicht einer der ihren erzählen, anstatt Außenstehende bei dem Versuch, dies zu tun, zu unterstützen. Sie wurde zur ersten First Nations FilmemacherIn am NFB.
„Mother of Many Children“ war einer ihrer ersten Filme. In dieser Dokumentation porträtiert Obomsawin die Lebensabschnitte von Frauen verschiedener First Nations. Frauen spielen eine zentrale Rolle im sozialen, religiösen und kulturellen Leben dieser Völker, in der Öffentlichkeit stehen sie jedoch kaum jemals. Sie wollte diese Frauen sichtbar machen, ihr Leben und ihre Leistungen würdigen und auch von ihren Problemen und Sorgen erzählen. Ein spannendes Thema für einen Dokumentarfilm, wie sie dachte. Allerdings schien diese Ansicht kaum jemand zu teilen. Niemand wollte diesen Film finanzieren, weder das NFB(3) noch das Department of Indian Affairs noch andere filmfördernde Stellen. „Ich habe Briefe, in denen steht „Vergessen Sie’s!‘“, erinnert sie sich. Was sie nun unternahm bezeichnete sie einmal als „standing up in a canoe“: Sie fuhr nach Ottawa und sprach persönlich bei allen möglichen Stellen vor, bis sie schließlich vom Secretary of State einen kleine Betrag erhielt, gerade genug, um die erste Sequenz zu filmen. Als diese fertig war, kam sie wieder und suchte erneut um Unterstützung an. Auf diese Weise kam schließlich ein fast einstündiger Film zustande. Der Secretary of State sprach später von der besten Investition in einen Film, die er je getätigt hatte.
Oka Krise.
Ihre bekanntesten Werke sind allerdings die vier Filme über die Oka Krise. Im Sommer 1990 errichteten Mohawks in Oka, Quebec, Straßensperren, um gegen die Pläne der Stadt zu protestieren, die auf ihrem Land dicht an einem Friedhof einen Golfplatz anlegen wollte. In der 1.800 EinwohnerInnen zählenden Stadt rückten 1.000 Polizisten und 2.600 bewaffnete Soldaten an, um den Aufstand zu beenden. Es herrschte Ausnahmezustand. Als Obomsawin davon hörte, fuhr sie sofort mit einem Team hin. 78 Tage verbrachte sie hinter den Barrikaden bei den aufständischen Mohawks. Ihre zu Recht besorgten KollegInnen vom NFB baten sie vergeblich, die Arbeiten abzubrechen. Sie blieb, am Ende ganz alleine – ihr Team hatte sie aus Sicherheitsgründen nach Hause geschickt. Aus dem unter schwierigsten Bedingungen gefilmten Material entstand „Kanehsatake: 270 Years of Resistance“, ihr wohl bekanntester Film. Über die Folgen des Aufstandes für die beteiligten Mohawk und ihre Gemeinden drehte sie drei weitere Dokumentationen: „Rocks at Whiskey Trench“, „Spudwrench – Kahnawake Man“ und „My Name is Kahentiiosta“ – das bemerkenswerte Portrait einer kämpferischen Frau, die in der Folge des Aufstandes festgenommen wurde.
Alanis Obomsawin war und ist unbequem und vielleicht gerade deshalb hochgeehrt. Die Liste ihrer Auszeichnungen wäre länger als dieser Artikel. Heuer feiert sie das vierzigste Jahr ihres Schaffens am National Filmboard. Mit ihrer Arbeit möchte sie zu einem besseren Verhältnis zwischen First Nations und der Kanadischen Bevölkerung beitragen. „Wenn ich dass zuwege bringe“, meint sie, „dann habe ich meine Aufgabe erfüllt.“
(1) Zitat von Tom Perlmutter, Comissioner des National Filmboard of Canada
(2) In Kanada hat sich der Begriff First Nations eingebürgert und die vielfach negativ besetzte und historisch belastete Bezeichnung „Indianer“ ersetzt. Als Äquivalent wird in den USA „Native Americans“ verwendet.
(3) Vom NFB wurde sie dazu angehalten, auch Mittel aus anderen Quellen aufzutreiben. Es gab begrenzte Unterstützung, die alleinige Finanzierung wollte das Filmboard aber nicht übernehmen.
Weitere Informationen:
Lewis, Randolp: Alanis Obomsawin. The Vision of a Native Filmmaker, University of Nebraska Presss, Lincoln 2006
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