„Sie rauchen wie ein Mann, Madame“
Die rauchende Feministin. Von Lea Susemichel

„Jahrtausendelang haben wir den Männern den Dreck weggemacht und ihre Hemden gebügelt. Und was haben wir davon? Wir dürfen endlich in der Öffentlichkeit rauchen.“ Audrey Meadows gibt diese Worte in „Ein Hauch von Nerz“ der liebestollen Doris Day mit auf den Weg in Cary Grants Arme. Der Film ist von 1962 und allzu lange war es zu diesem Zeitpunkt tatsächlich nicht her, dass Frauen öffentlich rauchen durften, ohne ihren Ruf ernsthaft zu gefährden. In den USA waren Raucherinnen zwar früher als in Europa akzeptiert, mit der hausmütterlichen Pausbäckigkeit Doris Days vertrug sich eine Zigarette allerdings auch dort nur bedingt. In Europa hatten die Nazis zuvor dankbar auf eine Tradition zurückgreifen können, die weibliche Nikotinsucht mit größter Liederlichkeit verknüpfte: Die deutsche Mutter raucht nicht. Gesundheit und Gebärfreudigkeit galt es zu erhalten, weibliches Rauchen wurde unterbunden. In Gaststätten durften keine Zigaretten an Frauen verkauft werden, Schwangere bekamen von vorneherein keine „Raucherkarten“.

Dass rauchende Frauen den Faschismus verhindert hätten, wie Wiglaf Droste in seiner „Liebeserklärung“ an „die rauchende Frau“ behauptet, muss deswegen wohl nicht gleich angenommen werden. („Hätten 1933 mehr deutsche Frauen geraucht, ein Würstchen wie Hitler hätte niemals etwas werden können.“… Von der Roten Armee, die Hitler zu Fall brachte, sind dagegen folgende Verse überliefert: ‚Hört den Russen zärtlich hauchen: Komm Frau! Komm Frau! Du sollst rauchen!‘“)

Durchaus aber kann davon ausgegangen werden, dass weibliches Rauchen etwas mit Widerstand und Emanzipation zu tun hatte. Denn der deutschen Mutter und dem biederbraven Rolemodel Doris Day stand eine Marlene Dietrich gegenüber, die ohne Zigarette im Mundwinkel zweifellos einiges ihrer verheißungsvollen Androgynität eingebüßt hätte. Von Katharina der Großen, die dicke Havanna-Zigarren paffte, bis zu George Sand, deren Eindringen in männliche Domänen eben auch durch ihre Pfeife symbolisiert wurde: Stets signalisierten weibliche Rauchzeichen Selbstbewusstsein und rochen nach großer, weiter Welt. Die Freiheit des Cowboys wurde erst in den 1950ern zum Marlboro-Markenzeichen, zuvor war die Marlboro die erste Frauenzigarette (mit rotem Mundstück, um Lippenstiftspuren zu kaschieren) und versprach vielmehr Genuss jenseits häuslicher Enge denn wildromantische Prärie.

Spätestens Raucherinnen wie Janis Joplin zeigten, dass dieser Eskapismus durch Rauch auch einer des Rausches war und verhalfen Ausdrücken wie „Sauferei des Nebels“ oder „trockene Trunkenheit“, die im 17. Jahrhundert gebräuchlich waren, zu neuem Reiz. Rauchen wurde mit Ekstase, Sinnlichkeit und aufregender Ausschweifung verbunden.

Und natürlich mit emanzipierter Intellektualität. Simone de Beauvoir ertrug Sartres Rauchschwaden nicht nur, sie rauchte selber. Hannah Arendt ignorierte Heidegger, der sich stets an ihrer exzessiven Qualmerei stieß, und rauchte unbeirrt weiter. Virginia Woolf rauchte. Wird heute „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ auf US-amerikanischen Bühnen aufgeführt, ist den SchauspielerInnen das Rauchen dabei verboten. In Paris wird zur großen Sartre-Ausstellung die Zigarette aus dem Gesicht des Philosophen wegretouchiert. Und ist gegenwärtig irgendwo „Frauen rauchen anders“ zu lesen, wie unlängst in der Brigitte, geht’s dabei mit größter Wahrscheinlichkeit um Hautalterung und empfindlichere Lungenflügel. Keine Frage: Nicht nur Hildegard Knef und Ingeborg Bachmann ist das Rauchen letztlich schlecht bekommen. Vielleicht hatte es sich zuvor aber rauchend besser gelebt, gearbeitet und gekämpft. Denn auch wenn sich der Feminismus ganz bestimmt nicht in erster Linie dem Tabakkonsum verdankt, das ein oder andere weibliche Lebenswerk schuldet ihm sicherlich einiges:

„Gewidmet sei das erste der Sonette,
In dem ich völlig mich der Form bemeistert,
Der Zauberin, die mich dazu begeistert:
Der duftenden Havannazigarette.“
Marie von Ebner-Eschenbach

Literatur
Sabina Brändli: „Sie rauchen wie ein Mann, Madame.“ Zur Ikonographie der rauchenden Frau im 19. und 20. Jahrhundert. In: Christoph Maria Merki/Thomas Hengartner (Hg.), Tabakfragen, Zürich: Chronos 1996, S. 83-110.

  Blauer Dunst und Blaue Strümpfe von Anika Susek
  RaucherInnenstudien von Michèle Thoma