Witwen, Gräten, HIV

Frauen verarbeiten die Abfälle aus den Fischfabriken des Viktoriasees. Viele sind HIV infiziert und betreuen Aids-Waisen. Die in Wien lebende Künstlerin Louise Prinz, die selbst Verwandte durch Aids verloren hat, bemüht sich um eine Destigmatisierung der Krankheit. Ein Interview von Kerstin Kellermann.

an.schläge: Du betreust beim Projekt „Austrian Impact“ Frauen in Kenia, die HIV positiv sind oder bereits Aids haben. Wie sieht die Lage momentan aus? Angeblich gibt es eine Menge Sextourismus in bestimmten Teilen von Kenia.

Louise Prinz: Der Sextourismus betrifft nur die Frauen an der Meeresküste. An den Küsten um den Viktoriasee hingegen, woher ich komme und wo wir unser Empowerment-Projekt durchführen, leben die Frauen von den Nebenprodukten der Fischfabriken –, in einem Gebiet, das „Homabay“ heißt. Die Frauen nennt man „Mgongo Wazi“, das bedeutet „ohne Rücken“ und weist auf die Fischgräten hin. Hast du den Kinofilm „Darwin’s Nightmare“ von Hubert Sauper gesehen? Sauper thematisierte den Nilbarsch, einen Raubfisch, der 1960 dort ausgesetzt wurde und alle anderen Fischarten vernichtete. Die Frauen verwenden die Abfallprodukte des Nilbarschs, kochen die Gräten auf und machen Suppen und Schmorgerichte daraus. Sie benutzen dieses Nahrungsmittel zur Selbstversorgung und verkaufen den Rest. Da die Gräten des Fisches nicht für das Überleben ausreichen, müssen die betroffenen Frauen noch andere Wege finden. Daher müssen viele als Prostituierte arbeiten. Das führte zum Anstieg von HIV und Aids. Fast alle Frauen in unseren Gruppen sind vom Virus infiziert oder betreuen einen Aids-kranken Angehörigen. Zusätzlich kümmern sie sich um die vielen Aids-Waisen.

Hast Du Hubert Sauper kennengelernt?

Ich wollte einen ähnlichen Film über die Fischfabrik und die an Aids sterbenden Frauen machen. Meine Schweigermutter sah die Vorschau von „Darwins Nightmare“ und dachte, das wäre ein Film von mir! Also kontaktierte ich Sauper, wir wurden Freunde. Sein Dokumentarfilm zeigt genau, was dort damals vor sich ging – die Realität. Sauper wollte die Welt für diese Vorgänge sensibilisieren. Wenn er den Film nicht gemacht hätte, dann hätte das jemand anderer verfilmt – ich zum Beispiel! (lacht)

Ist eure Initiative ein spezielles Frauen-Projekt, weil viele Männer schon gestorben und nur Frauen übrig geblieben sind?

Durch die vielen Todesfälle zwischen 1998 und 2002 verloren Frauen im ganzen westlichen Teil von Kenia ihre Ehemänner. Damit verloren diese Frauen auch ihre soziale Sicherheit, viele wurden von der Familie aus ihren Häusern verstoßen. In unserem Projekt sind daher alle Frauen Witwen. Meiner Erfahrung nach liegt die Ursache für dieses Massensterben im Mangel an Erziehung und Bewusstseinsbildung zur damaligen Zeit. Das Stigma, das die Krankheit umgab, führte dazu, dass nur wenige Kranke medizinische Hilfe suchten. Die meisten Betroffenen ließen sich schon gar nicht testen, weil sie Angst hatten. Ohne Wissen über die Krankheit dachten sie: „Ich bin HIV positiv, das ist das Ende des Lebens für mich“ oder fanden andere Erklärungen, wie: „Oh das ist Voodoo, jemand hat mich verhext.“ Armut war und ist ein zusätzlicher wichtiger Grund dafür, dass die Menschen in so großer Anzahl starben. Die meisten dieser Menschen leben von weniger als einem Dollar pro Tag, und sie müssen davon noch ihre Kinder ernähren … Eine Frau würde fast alles tun, um Milch für ihre Kinder kaufen zu können. Kondome sind teuer. Diese Menschen überleben von Tag zu Tag, was morgen kommt, weiß nur Gott. Die Situation war sehr verzweifelt, als wir das Projekt „Austrian Impact“ 2002 begannen. Mit den Jahren gab es aber viele Verbesserungen in unserem Gebiet. In Uganda z.B. warb eine Theatergruppe für Kondome, und der Präsident investierte viel Geld in Bewusstseinsbildung, die Infektionsrate sank sehr stark. Die Erfolge zur Destigmatisierung der Krankheit Aids waren erstaunlich.

Wie wurde „Austrian Impact“ gegründet?

Durch die Organisation „Women International Network“ (WIN), in der 45 in Österreich tätige Frauen aus englischsprachigen Ländern zusammenarbeiten. Als wir 2002 von Frauen aus „Homabay“ auf das Thema angesprochen wurden, schufen wir das Projekt „Austrian Impact“. In Kenia betreuen wir vier Gruppen mit durchschnittlich je vierzig Frauen. In den Gruppen werden zusätzlich zu den eigenen Kindern der Frauen achtzig Aids-Waisen von verstorbenen Freundinnen versorgt. Am Anfang musste ich immer weinen, wenn ich mit den Problemen konfrontiert war. Wir bieten auch Training für die Heimkrankenpflege an, damit die Leute nicht ins Krankenhaus müssen, sondern zu Hause bleiben können. Man kann in einem gewissen Stadium nicht mehr viel machen, außer sie zu pflegen. Mittlerweile verlieren wir aber nicht mehr so viele Gruppenmitglieder.

Was macht die Regierung selbst gegen HIV und Aids?

Als wir mit dem Projekt begannen, war die Lage zum Verzweifeln, denn die Frauengruppen wurden vom Innenministerium nicht anerkannt, und es herrschte große Unsicherheit. Das Land, auf dem sie ihre Marktbuden haben, gehört der Gemeinde. Daneben ist auch die Fischfabrik, und wir haben unsere Büros und Komitees dort, die Mitglieder rekrutieren und die Gruppen leiten. Die Frauen erhielten Drohungen vom Gesundheitsministerium, den Platz freizumachen, denn ihre Arbeitsbedingungen waren unhygienisch. Wir versuchten, das Gesundheitsministerium für uns zu gewinnen, das unsere Gruppen schließlich anerkannte und einigen der Mitglieder Hygiene-Trainings anbot. Das Areal, in dem unsere Gruppen tätig sind, ist jetzt ziemlich sauber. Die Regierung versucht, auf dem Land Zentren einzurichten, die „Freiwillige Beratung“ und „Freiwilliges Testen“ heißen. Wenn du HIV positiv bist, werden dort die notwendigen Maßnahmen ergriffen, wie Beratung und Behandlung. Das hilft sehr dabei, die Krankheit zu destigmatisieren, damit die Leute nicht so viel Angst haben müssen. Sie merken, Aids ist eine Krankheit wie alle anderen auch, und du kannst dir Hilfe holen. Die Regierung bemühte sich sehr, antivirale Medikamente zu bekommen und damit das Leben unserer Leute zu verlängern. Es gibt inzwischen einen leichteren Zugang zu Medikamenten.

Aber die Medikamente sind sehr teuer …

Gewisse Menschen sind berechtigt, Behandlung und Medikamente gratis zu erhalten. Es muss aber noch eine Menge getan werden. Was wir nicht tun sollten, ist dasitzen und auf die Regierung warten, um etwas für die Betroffenen zu tun. Die Leute sollten in Komitees zusammenkommen, Organisationen in den Gemeinden aufbauen und sich von dort aus den Zugang zu Medikamenten erarbeiten. Ein Komitee ist eine der einfachsten und effizientesten Arten, wie sich Individuen gegen eine Krankheit, eine Seuche – gegen diese reale Situation wehren können. Deswegen ist es wichtig, kleine Organisationen wie „Austrian Impact“ zu haben.

Wie werden die Aktivitäten in den Gruppen koordiniert?

Ich arbeite mit ExpertInnen zusammen, die Gruppen unterrichten, wie sie ein Komitee mit Vorsitzenden, KassierInnen und den verantwortlichen Mitgliedern bilden können. Die Frauen können in Mikrokrediten Geld von diesen Komitees ausleihen und damit den Fischabfall kaufen und verkaufen. Sie bringen dann das Geld zurück und es geht zur nächsten und zur nächsten Frau. Diese Mikro-Finanzierungen haben wir für unsere Gruppen erreicht. Wir brachten jene Frauen, die lesen und schreiben können, dazu, Trainingseinheiten der Regierung zu besuchen, wo sie Basistätigkeiten lernten, wie z. B. das Internet zu benutzen. Ich bin stolz, denn 2005 suchte dann eine unserer Gruppen direkt über das Internet um Förderung bei der Elton John Foundation an. Mit dem Geld kauften sie ein Grundstück und bauten einen Kindergarten darauf. Das war wirklich erstaunlich. Mit 2.000 Dollar, nicht viel Geld eigentlich. Wir müssen etwas tun, denn es macht einen großen Unterschied.

Spenden an Austrian Impact:
Oberbank, BLZ 15090, Charity Account
Nr. 1213269/46