Der glücklichste Tag
Von Silke Pixner

Am 4. November 2008 wurde Barack Obama zum neuen US-Präsidenten gewählt und somit der unsäglichen Bush-Ära endlich ein Ende gesetzt. Doch nicht alle Wahlen an diesem Tag lieferten ein erfreuliches Ergebnis. 36 Millionen KalifornierInnen stimmten parallel zur Präsidenten- und Kongresswahl auch über einen Verfassungszusatz namens „Proposition 8“ ab, der Ehen auf Beziehungen zwischen Mann und Frau beschränken soll. Das Ergebnis: 59 Prozent der WählerInnen stimmten dafür. Gleichgeschlechtliche Ehen werden in Kalifornien somit wieder verboten. Dabei wurden sie erst dieses Jahr erlaubt. Im Mai entschied das kalifornische Verfassungsgericht, dass ein Referendum aus dem Jahr 2000 gegen das Gleichbehandlungsgebot der Verfassung verstößt. In diesem stimmten 61 Prozent der BürgerInnen gegen die Homo-Ehe. Die neue Volksabstimmung sieht daher eine Verfassungsänderung vor. Ein ewiges Hin und Her also, an dessen Ende es für kalifornische Homosexuelle wieder heißt: zurück an den Start. Wieso aber war die Proposition 8 so erfolgreich bzw. welche Argumente überzeugten die Mehrheit der kalifornischen BürgerInnen, sich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe auszusprechen? Vielleicht kann uns ein junges Paar auf dem Highway Auskunft geben. Sie diskutieren gerade über die Homo-Ehe. Er ist dafür. Sie ist dagegen. Er will wissen, warum. Sie hat keine Ahnung. Aber das ist kein Problem, denn sie kennt eine Website, die die ultimative Antwort für alle GegnerInnen der Homo-Ehe bereithält. Diese Szene stammt aus einem Werbespot von GegnerInnen der gleichgeschlechtlichen Ehe. Die Website heißt www.protectmarriage.com, und da ist es auch tatsächlich zu finden, das Argument für die Proposition 8: „Dadurch, dass der kalifornische Gerichtshof entschieden hat, dass es nicht darauf ankommt, wer eine Ehe schließt, wurde allen Arten der Heirat Tür und Tor geöffnet. Das untergräbt den Wert einer Ehe. Die Proposition 8 schützt unsere Kinder und ergänzt die Verfassung um den simplen Zusatz, dass eine Ehe nur zwischen Mann und Frau bestehen kann.“ Und wovor sollen die Kinder geschützt werden? Etwa vor einer Adoption durch zwei sich liebende Menschen, die ihre Pflichten gegenüber dem Kind genauso ernst nehmen wie jedes heterosexuelle Paar? Oder vor bösen Menschen, die laut der Website schon im Kindergarten damit beginnen, den Kindern einzuimpfen, dass eine Homo-Ehe genauso normal ist wie eine Ehe zwischen heterosexuellen Menschen? Leider zeigen solche, auf diffuse Ängste zielenden Argumente anscheinend Wirkung. Die Entscheidung, die in Kalifornien getroffen wurde, wird Signalwirkung für das ganze Land haben, denn auch in anderen Bundesstaaten, wie etwa in Florida und Arizona, stehen ähnliche Referenden zur Abstimmung. Dass die Proposition 8 solch große Unterstützung erfährt, hat die dortige lesbischwule Community nicht erwartet, denn eigentlich gilt Kalifornien als fortschrittlicher Staat. In den ersten Monaten war der Gay-Community noch ein Sieg gewiss, die Umfragen zeigten ein deutliches „No“ für die Vorlage.
Der Grund für die Kehrtwende dürfte vermutlich im harten und mit viel Geld geführten Abstimmungskampf liegen, der von Kirchen und einem Teil der Republikaner, darunter auch John McCain, unterstützt wurde. Dass auch die GegnerInnen der Proposition 8, darunter auch Hollywood-Stars wie Brad Pitt, T.R Knight und Steven Spielberg, tief in die Tasche griffen, hat anscheinend nicht gereicht. Ellen DeGeneres, die im August 2008 ihre langjährige Freundin Portia De Rossi endlich heiraten durfte, kaufte Werbezeiten im Fernsehen im Wert vom 100.000 Dollar, um gegen die Änderung der Verfassung zu kämpfen. „Ich habe geheiratet. Es war der glücklichste Tag in meinem Leben, und es gibt Menschen da draußen, die Millionen von Dollar sammeln, um mir dieses Recht wegzunehmen“, so DeGeneres im Spot. Doch der Kampf ist noch nicht vorbei: Homosexuellen-Verbände, Bürgerrechtsbewegungen und die Städte San Francisco und Los Angeles beantragten bereits am Tag der Abstimmung beim Obersten Gerichtshof, dass das Referendum für ungültig erklärt werden soll.
Ob sich Barack Obamas viel strapaziertes Motto „Change“ auch für die Schwulen und Lesben Amerikas bewahrheiten wird, bleibt abzuwarten. Er unterstützt zwar die GegnerInnen der Proposition 8, ist aber auch kein glühender Anhänger der Homo-Ehe.