Ich hasse das Wort ‚Frauenband‘
Die Lassie Singers- und Britta-Frontfrau hat ihren ersten Roman veröffentlicht. Im Interview verrät sie Irmi Wutscher, wieso jeder Depp inzwischen ein Buch geschrieben haben muss, erzählt von blöden jungen Typen, die dumme Texte singen, und erklärt, wieso es im Musikbusiness für Frauen heute nicht anders ist als vor fünfzehn Jahren.

Wir treffen Christiane Rösinger in einem Wiener Designhotel in der Innenstadt, wo sie der ORF einquartiert hat. Ganz offensichtlich ist das Ambiente auch für die Musikerin ungewohnt. Wir beschließen aber einfach so zu tun, als wäre das ganz normal. Also: Christiane Rösinger geht in schicken Designhotels auf Lesetour und wir machen dort superprofessionelle Interviews mit ihr.

an.schläge: Bist du Feministin? Kannst du mit dem Begriff Feminismus etwas anfangen?

Christiane Rösinger: Nicht im eigentlichen Sinn. In Deutschland gab es diese Anti-Paragraph-218-Demos, wo es sich politisiert hat. Später mit der Band habe ich dann gedacht: Nee, Feminismus, das ist nix. Das ist uncool, das braucht man auch nicht, man macht sowieso, was man will. Und erst im Lauf der Zeit fällt es einem in so einer rückständigen Branche wie der Musikbranche auf, wie das alles funktioniert. Sodass ich eigentlich jetzt denke, dass sich jede Frau ab einem gewissen Alter und einer gewissen Intelligenz eigentlich als Feministin bezeichnen müsste. Man denkt immer, man müsste sich so abgrenzen. Ich bin Feministin, aber ich bin nicht mit Alice Schwarzer einverstanden. Ich bin nicht dies, aber ich bin auch nicht jenes. Das macht es ein bisschen schwierig.

Was sagst du zur Autorität der „Emma“ in Deutschland?

Ich bin total hin- und hergerissen. Irgendwie denke ich, Alice Schwarzer hat trotz allem viel Pionierarbeit geleistet. Aber dass sie dafür war, dass Angela Merkel Kanzlerin wird und für die Bildzeitung Werbung macht, ist eigentlich unverzeihlich.

Aber es ist schwierig, man darf die wenigen Figuren, die man hat, nicht so arg demontieren. Das ist immer so eine Selbstzerfleischung, die es bei den Linken und bei den Feministinnen gibt. Und im konservativen Lager halten sie zusammen und beweisen Stärke. Man kann sie ja auch kritisieren. Aber wie man bei der DDR sagt: Es war nicht alles schlecht!

Was ist das Feministischste, was du je getan hast?

Ich habe mal so einen Sampler rausgebracht der hieß „Stolz und Vorurteil“ und gedacht, man könnte damit etwas gegen diese Übermacht von Jungsbands tun. Ich habe da lauter Bekannte und Freundinnen auf diesem Sampler versammelt und ein paar Interviews dazu gegeben, um die Öffentlichkeit dafür zu interessieren. Das war schon sehr feministisch. Aber inzwischen bin ich da fast ein bisschen desillusioniert, aber nur in dem Sinne, dass das jetzt einfach auch jüngere Frauen machen müssen. Ich habe gekämpft, damit Frauen in Bands sind. Jetzt müssen einfach die Jüngeren ran. Ich habe immer versucht, mit Freundinnen-Verbänden und mit Frauenbands etwas zu machen. Aber ich weiß nicht, ob das per se schon feministisch ist. Das ist ja auch egoistisch, weil es Spaß macht.

Deine Bands – Lassie Singers und Britta – werden ja immer so in die Frauenband-Ecke geschoben. Bist du damit zufrieden oder war das nicht beabsichtigt?

Das ist so lustig, weil bei den Lassie Singers ja immer ein Schlagzeuger und ein Gitarrist dabei waren. Das führte dann zu so komischen Begriffsfindungen wie „Gemischte Mädchen-Band“, also Dinge, die es gar nicht gibt. Bei Britta waren wir ursprünglich vier Frauen, jetzt spielen wir mit wechselnder Besetzung, auch mit Männern. Und es ist immer noch für die Presse und für ein breites Publikum seltsam, wenn man so eine gemischtgeschlechtliche Band hat. Also zum Beispiel drei Frauen und zwei Männer. Das ist dann eine Frauenband. Weil man es einfach nicht akzeptieren kann, dass es da wie im normalen Leben Männer und Frauen gibt. Und ich hasse den Ausdruck, denn ich finde, wenn man sagt „Frauenband“, dann sind ja alle Bands zwischen Tokio Hotel und Tocotronic und Grönemeyer „Männerbands“. Das ist so eine komische Begriffsfindung, die sagt, eine Band, in der mehr als eine Frau ist, das kann’s gar nicht geben. Und wenn, dann ist es halt so ein komisches Sonderding. Und wenn Frauenband, dann denkt man, das sind eh so nette süße Girls, die Sixties-Tanzmusik machen, oder so was, was Peaches macht. Aber so eine ganz normale Band mit Frauen, von denen es hunderte gibt, die Songs darüber machen, wie sie die Welt sehen, das ist immer noch ein Unding.

Gab’s für euch Vorbilder? Gerade bei Frauenbands?

Als ich so achtzehn war, war ja Patti Smith gerade berühmt. Aber das sind immer diese Einzelgestalten. Eigentlich hat sich das so ein bisschen ergeben. Man sagt ja nicht: Ich will eine Band und zwar eine nur mit Frauen. Das habe ich gar nicht gedacht, sondern meine beste Freundin damals, Almut, und ich, wir haben halt beide gerne gesungen.

Das Schlimme ist, dass das vor fünf- zehn Jahren genauso war wie jetzt. Da hat sich überhaupt nix geändert. Wir waren als Lassie Singers immer die Einzigen. Da wird man dann hofiert. Auf der einen Seite gefällt einem das natürlich. Aber mit der Zeit denkt man: Sag mal, sind da keine anderen? Du spielst auf Festivals, nur Männer auf der Bühne, die einzige Frau, die da ist, ist natürlich hinterm Tresen.

Ich finde halt dieses Gemischte ganz gut. Ich habe überhaupt nix dagegen, dass Männer jetzt mitfahren, aber nicht mehr als ein Drittel in der Besetzung.

Du hast gerade ein Buch mit dem Titel „Das schöne Leben“ veröffentlicht. Wie bist du darauf gekommen, deine Memoiren zu schreiben?

Ich habe immer schon so aus Spaß gesagt: Ich schreibe mal meine Memoiren. Und dann kam die Popliteraturzeit, wo jeder Depp ein Buch geschrieben hat. Und da war schon so ein bisschen eine Goldgräberstimmung, in der man öfters als Musikerin angerufen wurde, ob man nicht auch was hat. Aber damals hatte ich noch nichts fertig und ich habe auch nicht richtig den Anfang gefunden. Ich habe mich aber nicht mehr weiter darum gekümmert, weil ich dachte, ich habe nicht genug Material und das ist ja nicht gut genug und so.

Dann hat aber eine Frau, die beim Verlag arbeitet, mich bei einem Britta-Konzert angesprochen und hat dann den Kontakt zum Lektor hergestellt. Der hat gesagt, es gefällt ihm gut, aber es passt nicht in den Verlag. Fünf Jahre später hat er sich aus heiterem Himmel wieder gemeldet. Ich glaube, indirekt habe ich das Leuten wie Heinz Strunk und Rocko Schamoni zu verdanken, weil die ja auch eine Art Musikerbiografie geschrieben haben. Und das läuft ganz gut und da denkt man sich: Wieso nicht das Gleiche mal von einer Frau?

Und dann auch die Sache mit der Band: Man ist ja sehr beliebt, aber leben kann man davon überhaupt nicht. Auch dieses auf Tour gehen, das zahlt sich nicht aus. Und von daher war es ehrlich gesagt auch so ein ökonomischer Gedanke. Ich mache ein Buch, damit gehe ich auf Tour und vielleicht kann man da ein bisschen Geld damit verdienen. Mehr als mit der Band.

Am 17.4. bist ja im WUK zu Gast, was wird die Leute da erwarten?

Es gibt eine Multimediashow. Wobei das eine ironische Übertreibung ist und von WUK-Seite wirkt das jetzt so arg offiziell … Also: Ich lese, ich singe auch ein paar Lieder – auch ein neues – und es gibt Bilder und ein Video. Das ist für mich ein großes Ding, weil so vorlesen und singen und erzählen, das macht mir kein Problem. Aber alles was mit Bildern und Technik und Beamern zu tun hat ... Andreas Spechtl von der Band „Ja, Panik!“ begleitet mich. Er spielt Gitarre, muss die Show fahren und Bücher verkaufen. Der muss alles machen.

Wie kam es zu der Kooperation?

Wir waren mit „Ja, Panik!“ auf Tour und ich dachte mir schon: Die ganze Zeit spielen da jetzt so junge Typen mit … Ich habe wirklich auch einen natürlichen Ekel vor diesen Indie-Boys. Da gibt es in Deutschland, vor allem in Hamburg, ganz viele blöde junge Typen, die dumme Texte singen. Und dann waren die auch ziemlich verschlossen und morbide, wie der Wiener gerne ist. Irgendwie haben wir uns dann aber angefreundet. Im Laufe der Tour war das dann so nett mit denen, trotz dieses Altersunterschieds, und ich mag auch die Texte sehr gerne.

Und weil ich jetzt etwas mit dem Buch mache, hatte ich auch Lust auf so einen Bruch – also nicht einen Bruch mit der Band, die Band besteht weiterhin – aber ich wollte auch mal mit jemand anderem etwas machen.

Christiane Rösinger war Musikerin der Band Lassie Singers und ist heute noch bei der Band Britta. Sie lebt in Berlin und ist neben ihrem Musikerinnendasein Kolumnistin und Schriftstellerin. Ihre Memoiren sind soeben unter dem Titel „Das schöne Leben“ im Fischer-Verlag erschienen.

www.flittchen.de
Am 17.4. gibt es im Wiener WUK eine Lesung von Christiane Rösinger mit Multimedia-Show. www.wuk.at
3.4., 21.00: an.schläge tv
Christiane Rösinger ist auch ausführlich im an.schläge tv-Interview zu sehen.