Diagnose Gewalt

Die gesundheitlichen Folgen von Gewalt sind nicht für alle Frauen gleich. Migrantinnen haben mit zusätzlichen Problemen zu kämpfen. Von Martina Madner

Heute geht es Frau M. wieder gut. „Zumindest zu 90 Prozent, denn das Trauma ist noch nicht ganz verarbeitet, die Ängste tauchen nach wie vor auf“, erklärt Slavica Blagojevic, Beraterin des Frauengesundheitszentrums Fem Süd. Es ist erst zwei Jahre her, dass Frau M. massiver familiärer Gewalt ausgesetzt war.
Frau M. kommt aus Ex-Jugoslawien, hat drei Kinder im Alter von 13, 15 und 17 Jahren und war mit ihrem Mann 17 Jahre lang verheiratet. Ihr Ehemann war krankhaft eifersüchtig, besessen von dem Gedanken, dass sie ihn betrügt. Für jedes noch so harmlose Gespräch mit einem anderen Mann musste sie sich rechtfertigen, ständig kontrollierte er ihre Wege, ständig stand sie unter Druck. Deshalb dachte sie bereits nach der Geburt des ersten Kindes daran, sich von ihrem Mann zu trennen. „Sie hatte damals aber immer noch die Hoffnung, dass er sich ändert, dass er akzeptiert, dass sie ihm treu ist“, meint Slavica Blagojevic. Frau M. blieb.
Vor zwei Jahren eskalierte die Situation schließlich: Ihr Mann entführte sie in ein kleines Hotelzimmer nach Ungarn, folterte sie mit kaltem Wasser und bedrohte sie mit einem Messer. Sie sollte gestehen, dass sie ihn betrog. Die Kinder blieben alleine in Wien zurück. Die Eltern des Ehemanns alarmierten die Polizei, die Frau M. nach drei Tagen fand und aus ihrem Gefängnis befreien konnte.

Gewalt macht krank.
Bei dieser Geschichte handelt es sich um kein Einzelschicksal: Mangels verlässlicher Daten schätzt man in Österreich, dass eine von fünf Frauen von häuslicher Gewalt betroffen ist. Zwanzig bis dreißig Prozent davon sind nach Angaben der „Interventionsstelle gegen Gewalt“ Migrantinnen.
Eine repräsentative Studie aus Deutschland von 2004 zeigt sogar, dass jede vierte Frau einmal in ihrem Leben der Gewalt ihres Partners ausgesetzt ist. Und diese Gewalt bleibt nicht folgenlos, denn in der Studie wird außerdem betont: „Alle Formen von Gewalt können zu erheblichen gesundheitlichen, psychischen und psychosozialen Folgen für Betroffene führen.“ ÄrztInnen und das medizinische Pflegepersonal sind in 75 Prozent der Fälle von häuslicher Gewalt die ersten AnsprechpartnerInnen für Frauen. Körperliche Folgen werden meist erkannt und deshalb auch behandelt. „Schwieriger ist es bei seelischen Wunden“, sagt Slavica Blagojevic, „diese sind schwerer zu diagnostizieren, meistens auch tiefer und deshalb langwierig zu behandeln. Das braucht Zeit und Vertrauen.“
Die „Plattform gegen Gewalt“ hat es sich deshalb in den vergangenen zwei Jahren mit einem eigenen Projekt zur Aufgabe gemacht, österreichweit über die gesundheitlichen Auswirkungen von häuslicher Gewalt aufzuklären und die MitarbeiterInnen des Gesundheitswesens in ihrer Arbeit mit den Opfern zu unterstützen. Die Ergebnisse wurden nun von Projektkoordinatorin Maria Rösslhumer, der Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser, in einem Abschlussbericht präsentiert. „Zwar fehlt es vielen ÄrztInnen nach wie vor an Sensibilität; das Pflegepersonal, Psycho- therapeutInnen und Hebammen konnten wir aber durchaus für das Thema gewinnen. Es zeigte sich jedoch auch, dass der Zugang zu Unterstützung nicht für alle Frauen gleich ist. Für Österreicherinnen ist er in ländlichen Regionen schwieriger und Migrantinnen haben besonders viele Hürden zu überwinden, um an Hilfe zu gelangen“, fasst Rösslhumer zusammen.

Hürden auf dem Weg zur Hilfe.
Migrantinnen sind nicht „nur“ der Gewalt an sich und deren Folgen ausgesetzt, viele haben, anders als Österreicherinnen, auch mit strukturellen Problemen wie den Fremdengesetzen und einem erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt zu kämpfen. Gerade wenn die Frauen noch nicht lange in Österreich leben, fehlen darüber hinaus auch noch soziale Netze und Freundinnen außerhalb der Familie. Susanne Brugger, Sozial- und Familienberaterin bei Lefö, weiß deshalb: „Der Stresspegel bei Migrantinnen ist meistens noch höher, vor allem wenn die Frauen vermeintlich oder tatsächlich von ihrer Umwelt isoliert sind.“ All das kann psychosomatische Beschwerden verursachen, erschwert aber auch die Loslösung vom Gewalttäter und verlängert damit die Gefährdung der Betroffenen. Der Projektbericht betont deshalb, dass „Frauen mit Migrationshintergrund durch die größere Abhängigkeit vom Täter oft schwerwiegendere Gewalt erleiden.“
Zusätzlich wachsen sich rassistische Vorurteile, Sprachdefizite bei den Betroffenen, aber auch beim Gesundheitspersonal, und mangelnde Informationen zu gewaltigen Hürden aus. Es gibt sehr wenige ÄrztInnen, die muttersprachliche Beratung anbieten können, und selbst mit Hilfe von DolmetscherInnen können kulturelle Missverständnisse oft nicht ausgeräumt werden.
Aber selbst Frauen, die so wie Frau M. bereits lange in Österreich leben, berufstätig sind und sehr gut Deutsch sprechen, brauchen spezielle Unterstützung. „Die Gewalterfahrung und die damit verbundenen Auseinandersetzungen laufen in der Muttersprache ab. Deshalb wäre es eine zusätzliche Belastung in der Therapie, all das auf Deutsch übersetzen zu müssen“, erklärt Slavica Blagojevic.

Lösungsvorschläge.
„Das Angebot an muttersprachlicher und kostengünstiger Therapie ist generell nicht ausreichend“, lautet der Befund des Projektberichts. Fem Süd bietet bereits jetzt Psychotherapie, psychologische Beratung und Krisengespräche auf Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch, Türkisch und Serbokroatisch an. Als Gewaltprävention werden unter anderem auch Konfliktlösungskurse veranstaltet. Außerdem werden wie bei Lefö Patientinnen beim Arztbesuch begleitet. Muttersprachliche Unterstützung und Therapie für von Gewalt betroffene Frauen gibt es auch bei den Vereinen AMBER, „Miteinander Lernen“ und „Frauen beraten Frauen“.
Maria Rösslhumer sieht hier aber nach wie vor Ausbaubedarf: „In den Spitälern sollten mehrsprachige Infos aufliegen, mit kultureller Mediation könnten Unterschiede im Gesundheitswesen erklärt werden. Und Psychotherapie auf Krankenschein, oder zumindest eine Erweiterung der sozialen Staffelung der Kosten wären ebenfalls sinnvoll.“
Susanne Brugger von Lefö wünscht sich darüber hinaus mehr ÄrztInnen, die ganzheitlich arbeiten: „Wenn die Frauen nicht losgelöst von ihrem Umfeld betrachtet werden und sich verstanden fühlen, werden sie eher offen über Gewalterfahrungen als mögliche Krankheitsursache sprechen.“ Slavica Blagojevic von Fem Süd setzt deshalb bei der Integration als Ganzes an: „Einerseits sollten sich die Frauen selbst noch mehr mit der Sprache, dem Land und dem System auseinandersetzen, wenn sie nach Österreich kommen und Neues nicht blockieren. Zur Integration gehört aber auch die andere Seite, dass zum Beispiel berücksichtigt wird, dass Migrantinnen oft sehr stark in die Familie eingebunden sind und man deshalb auch die Männer in die Problemlösung im Gesundheitsbereich mit einbezieht.“

Auch der Forderungskatalog des Projekts der „Plattform gegen Gewalt“ setzt auf Komplexität und ist deshalb ein langer: Neben den von Rösslhumer genannten Maßnahmen im Gesundheitsbereich umfasst er ein eigenständiges Aufenthaltsrecht unabhängig vom Ehepartner, einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt und zu sozialen Leistungen, die rasche und unbürokratische Anerkennung von Qualifikationen sowie kostengünstige Wohnungen. Denn nur so können sich von Gewalt betroffene Migrantinnen schneller aus ihrer Abhängigkeit vom Täter lösen und ein neues Leben beginnen. Schließlich haben sie mit den Folgen der Gewalt ohnehin zu kämpfen: Frau M. wird simples kaltes Wasser wohl trotz Scheidung und Unabhängigkeit von ihrem Exmann nie mehr losgelöst von der erlebten Folter sehen.