No Human Nature

Elfriede Jelinek hat in ihrem Text „Über Tiere“ das Feilschen um den Wert junger Mädchen aus Osteuropa anhand der Abhörprotokolle eines Wiener „Begleitservice“ verarbeitet. Christine Gaigg inszenierte die Jelineksche Sprachflut.
Von Saskya Rudigier

„Für diesen Abend lasse ich mich also vorbestellt, aber eben nicht vertrieben sein. Wäre ich vertrieben, ich würde was kosten. Warum zahlen, wenn es billiger geht? Warum etwas gratis nehmen, wenn man dafür zahlen kann?“
Die Inszenierung ist knapp und präzise. Christine Gaiggs Stil. Sie hat sich auch Alternativen überlegt, um dem Ganzen mehr Zeit zu geben, aber gegen den Jelinekschen Rhythmus zu arbeiten, langsam zu sein, geht fast nicht. Der Text hat diese Sogwirkung, es war nicht notwendig, zusätzlich noch zu brechen oder zu beschleunigen. Genau das gefällt Gaigg daran. Dass es so funktioniert. Dass sie die Sogwirkung normalerweise mit Bewegung herstellt, mit zeitgenössischen Tanzchoreographien, trifft sich gut. In ihrer ersten Theaterinszenierung, im Juni im Zürcher Theater am Neumarkt uraufgeführt, verteilt sie die Textfläche auf vier, über den Raum verteilte, Stimmen. „Das hat mit den Telefonprotokollen zu tun. Die Leute reden nicht von Angesicht zu Angesicht miteinander. Abgesehen davon, dass man nie weiß, wer nun wirklich miteinander redet. Das ist das, was überbleibt von einem akustischen Raum, dass auch Dinge, die sehr weit voneinander stattfinden, sich aufeinander beziehen, ohne dass man was dazu sieht. Es hat mit dem Medialen – telefonieren und nicht anwesend sein – zu tun.“
Auf den zwölf „Bänken“ bewegen sich die TänzerInnen, jede hat ihr eigenes Bewegungsvokabular, das manchmal vom Brustkorb ausgeht. Bewegungsmuster, die man dem Weiblichen zuschreibt und die bei der Aufführung in Wien auch von zwei Männern ausgeführt werden.
„Es ist schwierig, diesen ersten Teil beim ersten Hören zu verstehen“, sagt Gaigg, aber „das habe ich auch gelernt, aus diesen Jelinekinszenierungen, die ich mir angeschaut habe, dass man diese monolithischen Texte sowieso nicht fassen kann und dass es reicht, wenn ich als Zuschauerin mit drei Sätzen heimgehe.“
Worum es ihr geht, ist, dass man auch beim ersten Zuhören das Gefühl hat, durch einen Sprachfluss zu gehen. „Das ist der Rhythmus, der einen trägt, manchmal versteht man was und manchmal bringt man es in Zusammenhang mit anderen Dingen – oder auch nicht. Es ist auch durchaus erlaubt, dass man abgleitet. Dafür hat man auch die Tänzerinnen, man kann hinschauen oder nicht.“

Transitraum. Gaiggs Intention für die Entwicklung des Bühnenbildes war: eine Situation schaffen, in der die ZuschauerInnen mit sich selbst übrig bleiben. Und der Text an manchen Stellen direkt an das Publikum gerichtet werden kann. Die Bank als Transitraum, in dem man eingeschlossen ist, man nicht genau weiß, was nachher passiert. Auf eine gewisse Weise sehr symbolisch, die Mädchen wissen ja auch nicht, was mit ihnen passiert, es könnte genauso gut sein, dass sich ihr Traum von der westlichen Welt so erfüllt, wie sie es sich wünschen. Die gewählte Ästhetik liegt darin begründet, dass die Freier in diesem speziellen Fall sexueller Ausbeutung einer höheren Gesellschaftsschicht angehören. Deshalb beziehen sich die Farben auch mehr auf Lounges in Flughäfen und Chefetagen, weniger auf Bushaltestellen.
Grundlage für das Stück „Über Tiere“ waren die polizeilichen Überwachungsprotokolle eines Wiener Callgirlrings im gehobenen Rotlichtmilieu. Florian Klenk hat den Fall 2005 in der Wochenzeitung Falter aufgedeckt. Der Frauenhändler wurde mittlerweile zu vier Jahren Haft verurteilt, die Freier wurden – sie beteuerten, vom zarten Alter ihrer „Bestellungen“ nichts gewusst zu haben – nicht belangt.
„Das, was Jelinek geschrieben hat, ist politisch. Die Aufgabe der Inszenierung ist es meiner Meinung nach, das sichtbar oder hörbar zu machen.“

Kein Polittheater. Ist das nach Gaiggs Selbsteinschätzung gelungen? Ob ihre Lösung die Beste ist, kann Gaigg nicht beantworten, aber „Über Tiere“ als Polittheater aufzuführen, wäre ebenso falsch wie das Ganze auf eine Bühne zu stellen und dort als rein ästhetisches Werk zu präsentieren. Denn dann verschwindet die Vielschichtigkeit des Textes über den gegenwärtigen globalisierten Frauenhandel möglicherweise. „Deshalb bin ich auch auf dieses Konzept gekommen. Wenn man beide Seiten repräsentiert, das Voyeuristische und das Sich-Bedroht-Fühlende, wenn das Publikum dieses Bedrängt-Werden aushalten muss, dann ist es zumindest in dieser Stunde auf beiden Seiten gewesen.“
Die einzelnen Aufführungen sind, je nach Situation und Publikum, sehr unterschiedlich. Mal sehr aufgeregt, dann wieder sehr beklommen – so wie der Text. Die SchauspielerInnen gehen auf die Stimmung ein. Gaigg beobachtete geschlechtsspezifische Verhaltensweisen: „Es ist sehr interessant, wie Männer und Frauen bei der Vorstellung reagieren. Wie Paare reagieren. Männer sind meist sehr genervt und tun ein bisschen an ihrer Freundin herum, während Frauen eher mitleiden.“

Voyeuristische Umkehrung. Das Konzept geht nur auf, wenn man im ersten Teil die neutral gekleideten Körper der TänzerInnen mit ihren Tierfellkappen wie auf einem Seziertisch beobachten kann, während sie, wie getrieben, auf den Bänken ihre Loopbewegungen vollführen. Wenn das Publikum die Freiheit hat, ganz nahe hinzugehen oder Abstand zu halten, je nachdem, wie es sich gerade fühlt. Es ist ein Gruppenprozess, in dem man sich mit den anderen ZuschauerInnen arrangieren muss. Es sind zum Teil unbehagliche Erlebnisse, aber um diese Erlebnisse und darum, wie die ZuschauerInnen mit ihrer ZeugInnenschaft umgehen, geht es Gaigg. „Wir haben eine kurze öffentliche Probe gemacht. Die Rückmeldung war: Es ist unangenehm diesen Tänzerinnen zuzuschauen, weil es offensichtlich weh tut.“ Aber genau das will Gaigg: „Jemandem zuschauen, dem etwas wehtut.“ Und die Reflexion: „Wie gehe ich damit um und was tue ich, tue ich was dagegen?“
Im zweiten Teil von „Über Tiere“ darf man zwar sitzen, wird dabei aber bedrängt und der voyeuristische Blick dreht sich um. „Es ist ein relativ unangenehmes Gefühl, das sich in dieser sozialen Situation einstellt, man sitzt ja Leuten gegenüber und man ist ihnen dabei sehr nahe. Es ist nicht so, dass ich das provozieren wollte, es entsteht einfach.“
Der Schlüssel des Konzepts ist die Zusammengehörigkeit der beiden Textkörper von „Über Tiere“. Besteht der vorangestellte aus einem Monolog über die Liebe, montiert Jelinek im zweiten Teil die Protokolle der Telefonate zwischen MädchenhändlerInnen, Kunden und VermittlerInnen.
Gaigg ist zum Schluss gekommen, dass die Grundlage dessen, was im zweiten Teil passiert, bereits im ersten Monolog als Struktur vorhanden ist. Dass die kapitalistischen, patriarchalen Strukturen schon so internalisiert sind, dass sich der männliche Blick in der Art und Weise spiegelt, wie Frauen über sich selbst sprechen.

Sie sieht sich in dieser Annahme durch die Analyse von Interviews mit Jelinek bestätigt. „Viele dieser Interviewer waren Männer, und viele fragen dann so, wie man den Text nach dem ersten Mal Lesen versteht, nämlich: ‚Na und, das haben wir eh gewusst, dass Männer so sprechen. Was ist das Neue daran?‘ Daraufhin sagt Jelinek: ‚Ja, das stimmt, das habe ich auch gewusst, das hat auch keinen großartigen Neuigkeitswert. Aber es gibt ja auch den ersten Teil. Die Frau im ersten Teil wird zwar nicht verkauft, sie ist schon verkauft, sie weiß es nur nicht.‘“