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Durch die russischen Schriftzeichen enthält der dicke weiße Katalog selbst – ähnlich vielen Filmen EXPORTS – eine zweite Realität. VALIE EXPORT stellte in einer Personale im Frühjahr dieses Jahres auf der zweiten Moskauer Biennale für Zeitgenössische Kunst aus. Für den Folio Verlag ein Anlass, EXPORTs Medienanalysen und ihre „präzise Sprachanalyse von Bildpolitiken“, wie Herausgeberin Hedwig Saxenhuber schreibt, Revue passieren zu lassen. Die Faszination Österreichs für das riesige Russland, die ehemalige Sowjetunion mit ihren Nachfolgestaaten, wird in vielen Filmen wie gerade in „Import Export“ von Ulrich Seidl, sichtbar und ist mit einer Unmenge an Bildern überfrachtet: Schneeweiße Kälte, graue Straßen, Menschen mit Pelzmützen, dicke Literaturzeitschriften, ArbeitsmigrantInnen, ermordete Journalistinnen, Putin mit freiem Oberkörper ... Zeit für neue, andere Bilder und Bildpolitiken: z. B. die Installation „Kalaschnikow“ (2007), in der die Gewehre nach unten wie auf sich selbst in eine Wanne voller Öl gerichtet sind.
„In EXPORTs neuen Arbeiten ist eine Strategie der subversiven Affirmation und Überidentifizierung im Sinne de Certeaus auszumachen, wenn sie drastische Medienbilder aus dem Internet übernimmt oder die ambivalente Situation der Abrüstung aus einem flüchtigen Zeitungsartikel real im Kalaschnikowturm nachstellt“, schreibt Saxenhuber. Ihre Taktik setze dem „Kalkül der Medien einen radikalen Moment der Reflexion entgegen“. Die Künstlerin äußert sich in für jeden zugänglichen Bildern aus dem Internet, die sonst immer „von einer herrschenden Ordnung aufgezwungen werden“. In Moskau wurde der Schwerpunkt auf die „Pionierleistungen“ des feministischen Aktionismus EXPORTs gesetzt, zwei Installationen der 1990er Jahre und besagter Turm als speziell für Moskau konzipierte Arbeit gezeigt. Die Gliederung des Katalogs folgt dem zeitlichen Ablauf der feministischen, exportistischen Kunstproduktion von über vierzig Jahren.
Warum wir uns gerade nach den wilden 1970er Jahren sehnen, fragt sich die Belgrader Kuratorin und Berliner Kunstkritikerin Bojana Pejic in ihrem spannenden Text „Über Hosen, Panik und Ursprünge“, wo „doch schon damals der öffentliche Raum so mit Bildern kontaminiert“ war. Pejic interessiert der öffentliche Raum, denn anstatt ein Ort der Einbeziehung „für uns, die BürgerInnen“ zu sein, entstehe die demokratische politische Gemeinschaft über Ausgrenzungen. „Nicht Kompromiss und Harmonie, Homogenisierung und Harmonisierung bilden den Kern des öffentlichen Raumes, sondern der Konflikt.“ Nach EXPORTs Meinung würde der öffentliche Raum durch Ausgrenzungen strukturiert, „außerdem durch Versuche, die Spuren dieser Ausgrenzung auszulöschen.“ Ähnlich wie Martha Rosler oder später Sanja Ivekovic propagiere EXPORT einen strategischen Einsatz von Medien. „… die frau muss sich also aller medien als mittel des sozialen kampfes bedienen“, schrieb EXPORT 1972 im Manifest für die Ausstellung „MAGNA, Feminismus: Kunst und Kreativität“. Im Gegensatz zur „Selbstaufopferung als Wurzel aller Weiblichkeit“ spiele EXPORT auf die Angst vor einem neu definierten Konzept von Weiblichkeit an, wie es damals vom Feminismus vorgelegt wurde. Kunst, die öffentlich ist, wie das Poster der „Aktionshose: Genitalpanik“ (1973) erzeuge politischen Raum und stelle selbst einen Raum dar, in dem wir politische Identitäten annehmen.
„Während Lacan behauptet, dass das Unterbewusste als Sprache organisiert ist, behauptet VALIE EXPORT, dass das Unterbewusste als das Optische organisiert ist.“ Die Moskauer Autorin und Journalistin Keti Chukrov benutzt den Film „… Remote … Remote“ (1973), den EXPORT für die Kunstbiennale in Venedig überarbeitete (noch zu sehen bis 21.11. im Arsenale), um ihre Annäherung an den „Körper als politischen Exzess“ zu erläutern: „EXPORT erkennt in den Medien nicht die reproduktive Komponente, sondern die Möglichkeit, die Reproduktion (...) zu blockieren.“ Die Realität würde nicht „im Moment der visuellen Darstellung entworfen“, sondern in „den paradoxen Exzessen, in nicht gegenständlichen Dramatisierungen zwischen Mensch, Raum und Zeit.“
Hedwig Saxenhuber (Hg.): VALIE EXPORT
Sonderausstellung der 2. Moskaubiennale im National Centre for Contemporary Art Moscow (NCCA) und in der Ekaterina Foundation, folio 2007, 29,80 Euro
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