Guilty Pleasure
„Wie viele Feministinnen braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?” Antwort: „Das ist nicht lustig!“ Der einzig geläufige Feminismus-Witz bestätigt das Klischee: Eine Feministin ist schmallippig und humorlos. Feministinnen sehen das anders. Eine Runde Humoristinnen berichtet Lea Susemichel vom Heroismus eines campy Humors, von Humor als Notwehr und als Überlebensstrategie, von Minderheiten-Chauvinismus und anatomisch komischen Giraffen.

an.schläge: Wenn Feministinnen Humorlosigkeit vorgeworfen wird, liegt das vielleicht einfach daran, dass man ihren Humor nicht versteht? Und gibt es ihn überhaupt, den spezifisch feministischen Humor? Ist beispielsweise Elfriede Jelinek witzig? Oder VALIE EXPORTs tätowierter Straps?

Nana Swiczinsky: Also den finde ich nicht witzig. Das gehört für mich zu diesen Opfer-Performances, bei denen der Kanarienvogel in Wachs gegossen, viel Blut vergossen wird, die Finger abgeschnitten werden etc. Aber das Tapp- und Tastkino z. B. ist wirklich witzig.

Jaye (KlitClique): Und die Aktionshose Genitalpanik im Pornokino finde ich auch sehr lustig.

Bea Bösinger: Ich hab mich auf die Diskussion vorbereitet und vorher gegoogelt: „Feminismus & Humor“ gibt so gut wie keine Resultate. Ich bin sofort auf diese Veranstaltung hier gestoßen. Das ist schon bezeichnend…

J.: Es ist für jede Minderheit schwierig, Schmähs zu machen. Im Rap gibt es eine unglaublich große sexistische Palette, wie man erniedrigen kann. Aber die lässt sich von Frauen nicht einfach umdrehen. Wenn ich sage: „Ich habe deinen Schwanz gefickt, aber nach zwei Sekunden war er kaputt“ ruft das regelrecht Hass hervor.  Bei Dave Chappell klappt das bspw. nur, weil die Weißen sich als Mehrheit nicht bedroht fühlen. Er ist der freundliche Typ, der sie dazu bringt, ein bisschen über sich selbst zu lachen. Was bei uns nicht funktioniert. Wir können nicht einfach die männliche Art des freien und aggressiven Sprechens über Sexualität übernehmen. Das mögen sie gar nicht.

Limit (KlitClique): Wenn wir versuchen, uns mit ihren Mitteln zu wehren, wird das nicht akzeptiert. Auch der Witz dabei wird nicht erkannt und wir werden weiterhin unbeirrt als die humorlosen Feministinnen abgestempelt.

J.: Das ist für mich die Herausforderung und ein Grund, weshalb ich Rap mache. Die Frage: „Was kann ich zurücksagen?“ Ich kann einen Typen nicht einfach auch „bitch“ nennen, viel zu ficken ehrt ihn ja. Wie kann ich ihn also fertig machen – möglichst auch über seine Sexualität.

B. B.: Ich finde es sehr interessant, dass Humor hier vor allem als Kampf thematisiert wird.

Gabi Szekatsch: Ich denke, Humor ist eine Form von Strategie, eine Lebensstrategie. Und ich kann sie eben auch als Waffe einsetzen, um mich bspw. in einer Männerrunde zu behaupten. Humor als Drohgebärde: ursprünglich soll das Lachen ja vom „Zähne zeigen“ kommen. Natürlich hat es auch mit Macht zu tun: Ob man sich kränken lässt oder eine demütigende Situation triumphierend lächelnd mit „wenn Sie sich bitte ins Knie ficken könnten“ verlassen kann. Humor ist auch eine diffizile Kampfkunst und erfordert Durchsetzungskraft.
Mit Witzen versichern sich Gleichgesinnte ihrer Zusammengehörigkeit. Das kann bei sexistischen, rassistischen, antisemitischen Witzen durch den abwertenden Ausschluss anderer erfolgen, bei marginalisierten Gruppen durch denselben Mechanismus aber wichtig, weil identitätsstiftend sein…

N. S.: Es ist auch für Mehrheitsangehörige identitätsstiftend. Auch der weiße, christliche, Hetero-Vollangestellte muss sich ja seiner Identität versichern. Aber er ist normal – alle Seifenopern handeln von ihm. Und wenn er angegriffen wird mit „ Du Hetero-Goi“, und damit von anderen definiert wird, dann ist alleine das schon ein Affront.
In ihrem Text „Queer Humor“ nennt Therese Roth folgendes Beispiel:  „Was sagen zwei Lesben nach dem ersten gemeinsamen Sex? ‚Schatz, stell’ den Wecker, der Umzugswagen kommt um acht‘“…

N. S.: Nein, der geht so: Was bringt der Kerl zum zweiten Date? Nix. Es gibt keines.  Was bringt die Lesbe zum zweiten Date mit? Den Umzugswagen.
… Roth hat den Witz ihren Freundinnen erzählt. Die Heteras haben verständnislos geschaut und auf eine Pointe gewartet, während die Lesben gelacht haben. Meine Frage ist, ob es zufällig ist, dass die Strategie hier Selbstironie ist oder ob Marginalisierte grundsätzlich häufiger selbstironisch Identität schaffen.

J.: Es gibt so viele intelligente, wunderbare, selbstironische Judenwitze, die sich Juden und Jüdinnen untereinander erzählen!

N. S.: Ich glaube schon. Weil die Schaffung deiner Identität als Minderheitenangehörige/r ein viel bewussterer Prozess ist als der von Mehrheitsangehörigen. Was du bist, bist du bewusster und erst dieses Bewusstsein macht Selbstironie möglich.

Aber es gibt natürlich auch Minderheiten-Chauvinismus – wie diesen lustigen, männerfeindlichen Witz z. B. : Was ist der Unterschied zwischen einem Mann und einem Foto von einem Mann?

J.: Das Foto riecht besser?

N. S.: Das Foto hat eine Entwicklung durchgemacht.

Iris Hajicsek: Ich hab den Eindruck, dass wir über einen verkürzten Humorbegriff reden, weil es die ganze Zeit nur um Angriff und Abwehr zwischen sozialen Gruppen geht. Wenn ich von meiner Erfahrungswelt ausgehe, besteht die Strategie vor allem darin, mit Humor die eigenen Krisen zu überwinden. Wenn ich einen beschissenen Tag habe, das Elend so zu übersteigern, bis ich es schon wieder ironisch finden kann.

N. S.: Camp ist da ein gutes Beispiel. Ich amüsiere mich über Doris Day und Rock Hudson und die ganzen furchtbaren Filme und eigne mir an, was an heteronormativer Unterhaltungsgehirnwäsche eben da ist. Camp ist nicht lustig, kitschig, Barbie, wie oft geglaubt wird. Es ist eine Überlebensstrategie. Irgendwas witzig zu finden bei den Dingen, die in keiner Weise dein Lebensgefühl beschreiben. Ich persönlich bin mehr auf der Rock Hudson-Seite, obwohl das nichts mit mir zu tun hat. Aber eben immer noch mehr als Doris Day. Und so lässt sich immerhin noch ein schöner Samstagabend rausschlagen. Das ist der Heroismus eines campy Humors. Es ist Humor auf die eigenen Kosten. Und trotzdem ist es eine Überlebensstrategie.

B. B.: Das ist guilty pleasure.
Gibt es humoristische Strategien, die per se antifeministisch sind? Ist Minderheiten-Chauvinismus legitim?

N. S.: Ja, der ist gerechtfertigt! Humor als Notwehr finde ich legitim. Finde ich oft sogar witzig. Aber er sollte sich nicht darauf beschränken. Nicht zuletzt deshalb, weil ich in vielerlei Hinsicht auch Mehrheitsangehörige bin.
Sophie (Seichte Mädchen): Wir haben in einem unserer Lieder einen Reim über eine Giraffe, die anatomisch komisch ist. Was würdet ihr sagen, welche Strategie steckt da dahinter?

B. B.: Spontan würde ich einen verformten Phallus, der anatomisch nicht ganz korrekt ist, assoziieren.

G. S.: Ich würde die Giraffe sehr politisch interpretieren. In der Tradition von Filmen wie Freaks von Tod Browning beispielsweise. Alles, was der Norm nicht entspricht, das Freakhafte, das Queere.

N. S.: Unerwartete Assoziation ist witzig. Groteskkopplung, wie es die Surrealisten genannt haben: Giraffe und Anatomie. Dann ist anatomisch-komisch ein Reim, funktioniert rhythmisch, ist komisch. So Sachen sind einfach witzig. Ich hab mit neunzehn in einer Fabrik gearbeitet und auf dem Fließband kamen den ganzen Tag Flaschen mit Pickerln, Pickerln, Pickerln vorbei. Das war überhaupt nicht lustig. Und plötzlich kommt eine Flasche, auf der das Etikett verkehrt herum klebt, und ich musste darüber lachen. Das war lustig, einfach, weil sie verkehrt zusammengesetzt ist.

I. H.: Regelverstöße sind meistens lustig.

Aber lässt sich nicht zwischen einer Art von Humor unterscheiden, die gegen Regeln, Normen, Ordnungen verstößt, die subversiv ist, und einer, die dazu beiträgt diese Ordnung aufrechtzuerhalten? Die Flüsterwitze im Nationalsozialismus über die Brüder SASS z. B. Entlädt sich da nicht auf recht harmlose Weise ein Widerstandspotenzial?

G. S.: Ja, sicher hat Humor immer auch eine Ventilfunktion.

N. S.: Aber auch dann ist er überlebenswichtig. Auch wenn die Ghettomauern weiterhin stehen. Du lebst einen weiteren Tag.
Die so genannten Regelbrüche werden mittlerweile ja eher von konservativen Anti-PC-Idioten betrieben. Sechs Millionen ermordete Juden sind einfach nicht lustig. Kann man sich auf diesen Minimalkonsens bitte einigen!

G. S.: Eine ethische Grundhaltung beim Humor ist unerlässlich.

Rührt der Vorwurf der Humorlosigkeit von Feministinnen also einfach daher, dass sie sich weigern, über diskriminierende Witze zu lachen? Oder beerben sie vielleicht eine linke Tradition, die sagt „vergnügt sein heißt einverstanden sein“?

G. S.: In einer linken Tradition stehen sie insofern, als dass sie unbezahlt für eine bessere Welt arbeiten. Und sich mit der totalen Identifikation mit ihrer Arbeit bezahlen müssen. Und ich denke, ein humorvoller Mensch darf sich nicht zu hundert Prozent identifizieren und ernst nehmen.

Das heißt, dass Humor immer eine bestimmte Distanz braucht?

N. S.: Mit einem possessiven Tunnelblick fällt er zumindest ziemlich schwer.

G. S.: Es ist auch einfach eine Frage von Kreativität, von Selbstvertrauen: Es gibt kein Geld, die Frage ist also, was traue ich mir zu, was mache ich daraus. 

N. S.: Barbara Musil hat z. B. eine Diplomarbeit daraus gemacht. Telefonbuchdick, aus 500 Absagen für von ihr eingereichte Förderansuchen, Stipendien, Kunstprojekte etc. Und dafür immerhin einen Magistratitel bekommen.

G.S.: Mich würde interessieren, ob Humor vermittelbar ist, ob Feministinnen das in Workshops lernen können. Mir fehlt der Humor. Es würde uns sehr helfen, wenn wir eine humorvolle Konfliktkultur entwickeln könnten. Und gerade in Zeiten von Queer wäre eine humorvolle Differenzkultur sehr förderlich.

B. B.: Mich interessiert, was ihr als Feministinnen lustig findet. Worüber lacht ihr?

J.: Nietzsches Antichrist. Und Cartoons, die Simpsons.

G. S.: Ich liebe Situationskomik. Und improvisierte Komik.

N. S.: Georg Kreisler! Ich finde aber auch Jelinek witzig, um auf die Anfangsfrage zurückzukommen. „Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft“ z. B. Das ist so brutal, richtiger österreichischer ich-schlag-dich-tot-Humor. Aber Simpsons sind genauso brutal. Wenn du über Simpsons lachen kannst, bist du eh schon auf Jelinek-Level.

S.: Dolores Schmidinger. Die find ich ziemlich gut.
Es ist oft auch weniger eine Frage des „worüber“ als vielmehr „mit wem“. Meine beste Freundin Kathrin ist sicher auch deshalb meine beste Freundin, weil ich mit ihr lachen kann wie mit niemandem sonst. Über nix letztlich. Und alles.

B. B.: Ja, das ist selten. Und schafft so ein schönes Gemeinschaftsgefühl: Wir beide gegen den Rest der Welt.

N. S.: Was ich hingegen ganz, ganz furchtbar finde, ist die Aneignung des Selbstausdrucks einer Minderheit durch Mehrheitsangehörige. Dass die z. B. keinen Respekt haben vor der ästhetischen Leistung von Tunten, die Lebenszeit investiert haben, um Schönheit zu erzeugen. Eine unrasierte Person zieht sich irgendwas an – das ist noch nicht mal Trümmer-Transe – und glaubt, sie ist lustig. Eine superschöne Transe, die so hochkultiviert ist, dass selbst der letzte Idiot sie schön finden muss und nicht mehr sagen kann, die schlag ich jetzt blutig. Dieses Switchen funktioniert einfach nicht.
Anders ist es wieder beim totalen Sell-Out dieser Kultur, wenn irgendwelche Bauerntölpel Dolce & Gabbana anhaben, ohne zu wissen, dass sie schwule T-Shirts tragen. Das ist natürlich schon wieder sehr komisch.

B. B.: Darüber können wir uns dann wieder totlachen, wenn eine subversive Strategie unwissentlich adaptiert wird.

Fehlt Frauen vielleicht auch einiges im Repertoire des körperlichen Witzes? Weil Selbstentstellung bei weiblichen Körpern nicht goutiert wird?

N. S.: Natürlich. Sich überfahren lassen ist nicht sexy, die ganzen brachialen Slapstick-Methoden fallen dadurch weg. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt.  Ein Typ von Jackass wurde in einem Interview mal gefragt, warum es bei ihnen keine Frauen gibt. Und er hat geantwortet, dass es einfach nicht witzig ist, eine Frau zu erniedrigen. Das spielt eine Rolle. Mit der Folge, dass es eine Form von präziser Körperkomik gibt – die ich sehr liebe –, bei der Männer uns weit voraus sind.

G. S.: Aber auch das ist vor allem eine Frage des Selbstbewusstseins. Hella von Sinnen hat am Anfang Lawinen gehässiger Schreiben bekommen. Dass eine fette Frau wie sie eine Beleidigung des ZuschauerInnenauges sei etc. Woraufhin sie diese Texte in ihrer Sendung vorgelesen hat – auf dem Laufband liegend und sich dabei Pralinen in den Mund steckend. Das müssen wir uns einfach trauen. Frauen achten ja auch noch beim Lachen darauf, wie sie dabei ausschauen.

J.: Was Männer den Frauen auf jeden Fall voraushaben, ist tatsächlich ein unkompliziertes Verhältnis zu ihrem Körper. Männliche Rapper müssen nicht geil sein. Bis auf Schwarze natürlich, bei deren Sexualisierung gibt es die Parallelen zu Rapperinnen. Der Schwarze wird in seiner animalischen Körperlichkeit und Triebhaftigkeit inszeniert und muss ebenfalls sexy sein. Eminem hingegen musste sich nie ausziehen.

Tine Plesch hat in einem Text über Frauen und Humor geschrieben: „Sich selbst mit einem Lachen herunterzumachen, bevor andere es tun und dann womöglich niemand etwas zu lachen hat, ist eine mögliche Humorstrategie. Dürfen wir raten, dass Frauen sie öfter anwenden als Männer?“ Die Aspekte Notwehr und Selbstironie beim feministischen Humor wurden hier tatsächlich häufig genannt…

G. S.: Genau damit sollten wir aufhören: Humor nur als Notwehr-Technik und als reaktives Moment zu betrachten. Humor ist auch aktiv, damit zwinge ich andere, reagieren zu müssen. Ich kann etwas setzen, womit sich andere dann auseinandersetzen müssen. Aus diesem Jammertal „noch schnell selbst lachen, bevor es wer anderer tut“ – da müssen wir raus!

I. H.: Mir geht die ganze Zeit ein Zitat von Wolfgang Neuss durch den Kopf. Der hat mal in der taz geschrieben: „Ich mache keine Witze mehr über Helmut Kohl. Ich lache gleich über ihn.“ So eine Strategie empfehle ich dem Feminismus.

B. B.: Warum hat das nur ein Mann gesagt?

I. H.: Na ja, der Wolfgang Neuss war am Ende seines Lebens ziemlich queer.

Nana Swiczinsky ist Animations- und Illustratorinsdesignerin, www.nanaswi.com

Bea Bösinger ist Redakteurin der Zeitschrift fiber und hat eine Satire-Sendung auf Radio Orange 94.0

Seichte Mädchen: Kleinkunst-Duo bestehend aus Sophie Kindermann und Julia Ruthensteiner, www.myspace.com/seichtemaedchenmusik

KlitClique: Jaye und Limit, Freestyle-Battle-Rapperinnen gegen den Malestream, www.myspace.com/klitcliquerappers

Gabi Szekatsch ist freie Künstlerin in und um die Bereiche Comics, Bildende Kunst, Film, Grafik, Performance & Multimedia, Mitbetreiberin des Frauencafes
www.szekatsch.com

Iris Hajicsek ist Technische Assistentin an der Universität Wien, Mitbetreiberin des Frauencafes und Bezirksrätin der Grünen Andersrum