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Wer nach Kenya, vielleicht überhaupt nach Afrika, reist, sollte keinesfalls ausschließlich eine Hauptstadt – oder sogar nur einen Konferenzort - besuchen. So wunderschön und unendlich reich an Eindrücken ist das Land.
„South coast“ Mombasa
Diani Beach ist eine dieser atemberaubend schönen Küsten am pazifischen Ozean, wo der Sand wirklich fast weiß und das Meer je nach Tageszeit und damit Wasserstand smaragdgrün, türkis oder dunkelblau ist. Die Hotelkomplexe sind an der Landseite mit Mauern und Schranken abgeschirmt. Gegen die Dörfer, obwohl auch ausgedehnte Spaziergänge höchstens zu Kaufangeboten der Einheimischen aus kleinen Geschäften mit Kunsthandwerk, Telefonwertkarten oder für begleitete Tagesausflüge nach Mombasa führen.
Die „Beziehungen“ und Strukturen – wie überall im Gastgewerbe – sind von diesem seltsamen gegenseitigen Abhängigkeits-Verhältnis Beschäftigte/Gäste geprägt; und doch ganz anders, weil heillos rassistisch unterlegt: alle Gäste sind EuropäerInnen oder Weiße (schon an den passenden Begriffen ein Mangel), alle Beschäftigten AfrikanerInnen.
Aber in allen Arbeitsbereichen Männer und Frauen egalitär, im Service, beim Zimmeraufräumen und an der Rezeption. Erst später zeigen sich auch hier Hierarchien: Taxis werden ausschließlich von Männern gefahren, Polizisten, die mit Straßensperren alle paar Kilometer schon auch mal ein bisschen Extra-Geld abkassieren, ebenfalls ausschließlich Männer.
Hingegen sind auch HändlerInnen entlang des Strandes Frauen und Männer, die farbenprächtige Tücher, Holzschnitzereien, Sandsteinfiguren, Muschelketten oder „sehr persönliche Dienstleistungen“ in durchaus nachgehender Weise anbieten. Von ihnen sagt eine deutsche Urlauberin, dass der Strand zwar wunderschön, die Einheimischen aber fürchterlich lästig seien, ganz so, als ob Strand und Meer ihr selbstverständlicher ohne Einheimische erschienen.
Fünf Seen, the Big Five und Afrikanischer Himmel
Rund um die Seen breiten sich hell grün leuchtende Wiesen auf roter Erde aus, die so vielen Tieren Nahrung und Schutz bieten und deren friedliches Grasen ein so typisches Bild afrikanischer Nationalparks abgibt. Lake Baringo und Lake Bogoria mit seinen Gysieren, aus denen heißer Wasserdampf aufsteigt, Büffelherden und der ebenmäßig blaue Himmel, auf den dichte weiße Wölkchen wie künstlich montiert erscheinen, weil sie – von keinem Wind bewegt - stundenlang reglos über der Landschaft stehen, wirkt auf europäische Blicke wie eine in einem Bann festgehaltene Zauberlandschaft. Nilpferde, Nashörner, Giraffen und Elefanten – vier VertreterInnen der „Big Five“ – sind aus nächster Nähe und in aller Ruhe zu beobachten. Nur die Katzen, nämlich Leoparden und/oder Löwen halten sich fern. Als JägerInnen sind sie selbst auf's Beobachten spezialisiert und lassen sich nicht blicken.
Mitten im Lake Naywasha liegt eine kleine Insel, die als Drehort für den Film „Out of Africa“ eigens mit Büffeln, Flamingos und Gazellen bevölkert wurde. Die Filmcrew ist abgezogen, die Tiere sind geblieben und führen ein ungestörtes und friedvolles Leben auf ihrer Insel.
Kleinere Städte auf dem Weg zwischen den Seen, wie Nyhere und Nakuru sind unglaublich buissy, alle Straßen und Plätze ständig dicht bevölkert, der ununterbrochene Auto- und Fahrradverkehr gehorcht schwer erkennbaren Regeln, bei denen FußgängerInnen jedenfalls im Glücksfall keine – ansonsten eine Opfer-Rolle spielen.
Das Weltsozialforum
Das siebte Weltsozialforum. Schon. Keine ganz neuen Debatten mehr. Auch die Widersprüche und Probleme schon zuvor ausgesprochen, reflektiert, nicht zum ersten Mal Gegenstand der Diskussionen. Die Fragen der künftigen Entwicklung der Forumsbewegung drehen sich vor allem darum, ob sie sich, nachdem „sie es erfolgreich geschafft habe, im kollektiven Gedächtnis die Möglichkeit einer Alternative zur neoliberalen Globalisierung zu verankern, nun zur Schaffung eines neuen historischen Subjekts gelangen müsse, das neben der ArbeiterInnenklasse wie im 19. und 20. Jahrhundert, heute auch einen breiten Fächer sozialer AkteurInnen und Bewegungen einschließen müsse“. (Samir Amin, Francois Houtart in „Le monde diplomatic“ im Mai 2006 zur Vorbereitung des WSF in Nairobi). Oder, wie andere TeilnehmerInnen des Prozesses – zum Teil – energisch vertreten, dass ganz wesentlich das Selbstverständnis des Forums als sozialer Raum ist, in dem Austausch stattfindet und allenfalls Verabredungen zu neuen Allianzen oder Aktionen, unter denen, die sich jeweils daran beteiligen und sich bewusst dafür entscheiden.
Beide Positionierungen gibt es seit Beginn der Bewegung, beide haben gute Argumente und VertreterInnen und gegen beide lässt sich Berechtigtes einwenden.
Vom sinnlosen sozialen Getratsche in einem internationalen Durchhaus wurde da schon einmal gesprochen und von der Illusion der unsichtbaren Hand, die so wie angeblich den freien Markt auch das Forum regeln solle. Und anderseits davon, dass einige Linke ihre alten und doch gründlich gescheiterten Vorstellungen von Vereinheitlichung und Disziplin wieder einer neuen Bewegung aufdrängen wollen.
Der Stellenwert dieser Debatten und Selbstreflexionen wird in meiner Wahrnehmung relativiert durch eine ganz neue Erfahrung: die reale Verschränkung des Forums mit der afrikanischen Wirklichkeit. Sie beginnt für viele TeilnehmerInnen bereits am Flughafen, wo sie mit Transportproblemen in die Stadt konfrontiert sind, oder dann mit der Erfahrung der Überbuchung des Hotels, in dem sie endlich doch angekommen sind. Sie können in Guesthouses am Rand der Stadt ausweichen, die aber nicht allen Vorstellungen von angereisten TeilnehmerInnen gerecht werden.
Die Verschränkung gelingt auch am Forum selbst nicht in allem: Gerade jene Foren, die den Prozess der Forumsbewegung selbst reflektieren, sind europäisch und US-amerikanisch geprägt, manche sogar ausschließlich von Weißen besucht.
Vielleicht das Unbehagen mit diesem Umstand macht den Vorwurf der zu hohen TeilnehmerInnen-Gebühr, die von KenyanerInnen verlangt wird, am Forum so populär. Obwohl im Grunde alle, auch die nicht mit feministischen Diskursen Vertrauten, wissen, dass Zugangshürden nicht wesentlich aus sechs Euro Beitrag, sondern aus einem dichten Wall von Hindernissen unterschiedlicher Art bestehen, bleibt diese Frage an allen Tagen des Forums wichtig. Sicher, der Betrag ist umgelegt so hoch, dass eine Slum-Familie damit für eine Woche Nahrung bekommen könnte – wenn es aber nur um den Beitrag gegangen wäre, hätte man auch vor Ort noch spontane Solidaritäts-Abgaben der europäischen TeilnehmerInnen sammeln können.
Dennoch, die Hälfte der ca. 60.000 TeilnehmerInnen sind AfrikanerInnen und die meisten natürlich aus Kenya. Obwohl sich so viele Menschen im Kasarani Moi Stadion an diesen Tagen durch Workshops, Konferenzen und Gespräche arbeiten, erkennt uns ein ganz junger Mann, dem wir im Hotel bei Mombasa begegnet sind, augenblicklich. Er sei zum ersten Mal auf so einer Veranstaltung, habe sich vom Trinkgeld, das er für das Fotografieren von TouristInnen aus dem Hotel bekommen habe, die Reise hierher leisten können und sei glücklich, so viele neue Menschen und Gedanken kennenzulernen. Er strahlt eine solche Neugierde und Freude aus, die die Diskussionen über die innere Verfasstheit des Forums unendlich abstrakt erscheinen lassen. Auch nehmen sich die afrikanischen TeilnehmerInnen und Organisationen tatsächlich den Raum, den das Forum darstellt, für ihre Bedürfnisse und Belange: die Debatten mit den meisten afrikanischen BesucherInnen handeln von sauberem Wasser, seiner Privatisierung und dem Kampf dagegen, von Land, das den Frauen auch gehören muss, vom Schuldendienst der afrikanischen Länder, den einseitig zu beenden jedenfalls gerechter ist, als ihn fortzusetzen. Der Raum rund um das Stadion, der die einzelnen Eingänge verbindet, gehört täglich mehr den HändlerInnen, die zum Teil um ihren Zugang ohne Teilnahme-Gebühr gerungen und ihn durchgesetzt haben.
Bereits bei der Eröffnungskundgebung im Uhura-Park fällt auf, dass für die Rede-Beiträge mehrheitlich Frauen eingeladen wurden; für die sozialen Bewegungen aus Südafrika, Palästina, Indien und für Via Campesina sprechen starke Frauen und finden klare Worte für die Situationen, in denen ihre Schwestern – und Brüder – leben müssen und wen sie dafür verantwortlich machen: die kapitalistischen Weltorganisationen, wie IWF und Weltbank und die Regierungen der USA und der europäischen Unionsstaaten. Diplomatischer, aber durchaus mit dem glaubwürdigen geschichtlichen Bezug zu den antikolonialen Kämpfen, spricht der ehemalige Präsident Sambias als prominentester Redner der Kundgebung.
So sind auch die Tage des siebten Weltsozialforums mit prominenten und berühmten TeilnehmerInnen – von Bischof Desmond Tutu über fünf NobelpreisträgerInnen aus verschiedenen Kontinenten bis zum Alternativ-Nobelpreisträger Chico Whitaker doch nicht durch diese dominiert. In der unglaublich bunten Vielfalt – der inhaltlichen Diskussionen, der farbenprächtigen Verkaufsstände und der Herkunft der TeilnehmerInnen - haben sie ihren Platz, ohne als Gurus zu wirken.
Die Slums von Nairobi
Nachdem das Forum selbst schon beendet ist, treffen sich viele der TeilnehmerInnen in Korogocho zu einem mehrstündigen Marsch durch die Slums von Nairobi. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung der Hauptstadt lebt wenige Kilometer von Downtown Nairobi entfernt in den Elendsvierteln der Stadt.
Aber auch diese Wohnstätten sind (verhältnismäßig) teuer: Pro Raum, der ca. 2 x 3 Meter misst, werden 1.000 k Sh (kenianische Schilling) also ca. 12 Euro kassiert. Eigentümer dieser Baracken sind übrigens Einheimische mit Geld, die sie illegal errichten und wenn sich eine Regierung entschließt, sie schleifen zu lassen, alsbald an einem anderen Platz wieder neue aufstellen lassen.
Wer die Miete nicht bezahlen kann, deren bisschen Hab und Gut wird auf die Straße geworfen oder auch einfach die „Eingangstüren“, Verschläge mit Vorhangschlössern, ausgehängt, was ein Aufruf an Banden innerhalb des Slums zur Plünderung ist.
Manche BewohnerInnen, die einen regelmäßigen Erwerb haben – zum Beispiel eine Nähmaschine besitzen, oder ein kleines Fleckchen Erde, auf dem sie Erdäpfel oder Spinat ziehen können – bewohnen zwei solche Räume. Die meisten Slum-BewohnerInnen sind aber allein erziehende Mütter (gelegentlich auch Väter), die mit drei bis sieben Kindern in einem Raum leben und täglich Sorge haben müssen, ob es ihnen gelingt, zu einer Mahlzeit zu kommen. Die Mehrheit der Bevölkerung Kenyas, nämlich 60 Prozent, kann sich keine drei Mahlzeiten am Tag leisten.
Lautes und fröhliches Kinderkreischen, das sich erst nach geraumer Zeit als Howdoyoudo-Chöre erkennen lässt, begleitet die Mzungus, wie die Weißen genannt werden, durch die Slums. Sehr beliebt und von Neugierde und ein bisschen Gruseln angetrieben ist das Anfassen dieser europäischen BesucherInnen bei den Kindern der Slums, weil ihnen die Farbe ihrer Haut anscheinend so seltsam erscheint, dass sie ihren Augen alleine nicht trauen mögen.
Leicht gekränkt weil schon ein bisschen stolz auf die Bräune nach drei Wochen afrikanischer Sonne, nehmen wir daher auch die aufmunternd gemeinte Bemerkung: „Ah, ihr wart eine Woche an der Küste bei Mombasa, deshalb seid ihr schon so rot.“
Krankheiten, die von „totem Wasser“ kommen, sowie Fieber und AIDS, sind allgegenwärtige BegleiterInnen der BewohnerInnen der Slums. Auch eine sehr große Zahl der Kinder kommt mit dem HI-Virus infiziert bereits zur Welt.
Und dennoch gibt es einen Alltag des Lebens in diesen Vierteln, der gelebt und täglich neu organisiert wird. Und zu diesem gehört auch der Wunsch der allermeisten Mütter und Väter, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Zwar gibt es öffentliche Schulen, die im Gegensatz zu den privaten, die in allen Preisklassen existieren, keine Gebühren einheben, aber es sind Schuluniform, Schuhe, Bücher und Lernmaterialien zu kaufen. Ungefähr 7.000 K Sh müssen für ein Schuljahr in Nairobi aufgebracht werden, doppelt so viel wie in einer durchaus gleichwertigen Schule am Land, wo die Lebenshaltungskosten generell wesentlich niedriger sind. So versuchen auch viele Slum-BewohnerInnen wieder in ihre ehemaligen Dörfer zurück zukehren, weil sich ihre Träume vom Leben in der Stadt nicht erfüllt haben. Aber auch eine solche Übersiedlung und ein Neuanfang kosten Geld. Insbesondere christliche afrikanische und europäische Organisationen bieten in den Slums Unterstützung, wenn es um den Schulbesuch der Kinder oder aber die Rücksiedlung in das ursprüngliche Dorf geht.
In einer der Familien, die wir besuchen, taucht die Frage auf, wann denn das Sozialforum wieder in Nairobi stattfinden werde. Wir müssen darauf antworten, dass noch nichts entschieden sei, dass das erst eine breite Debatte in einigen Wochen ergeben werde. Wahrscheinlich sei es aber nicht, dass das nächste Forum 2009 wieder nach Nairobi komme, nicht einmal dass überhaupt wieder eines in Nairobi stattfinde. Die Anwort erzeugt völliges Unverständnis: „Ja, wie wollt ihr dann wissen, was ihr bewirkt habt?“ Diese Reaktion zeigt uns ein letztes Mal während dieser Reise, dass die vielen Welten noch in vielfacher Weise zusammenwachsen müssen, um eine „andere Welt“ abzugeben.
Claudia Krieglsteiner ist Mitglied des Bundesvorstandes der KPÖ. |