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Die Welt ist sexy, schön und geil. Wohin sich unser Blick auch wendet, es springen uns (fast) nackte Körper und „verführerische“ Angebote entgegen. Vor nicht allzu langer Zeit musste sich eine Person, wenn sie Erotik und Pornografie konsumieren wollte, aktiv darum bemühen. Heute ist es umgekehrt: Wer sich gegen Erotik und Pornografie wehren will, wird seine Mühen haben, denn den Blick von den gespreizten Beinen und lüsternen Blicken zu wenden, bleibt meist erfolglos. Auf vielen Seiten lauern schon die nächsten.
Und die Botschaft, die die Bilder begleitet, tönt wie aus einem Chor: Sex für jede/n zu jeder Zeit. Sex als oberstes Ziel, als einziges Ziel. Sex macht schön, begehrenswert, jung, erfolgreich und glücklich. Sex ist einfach, Sex ist alles.
Was aber, wenn das ganze Gerede von und über Sex keine Wirkung hinterlässt? Wenn der Blick auf nacktes Fleisch nichts auslöst? Gibt es so etwas überhaupt? Die Antwort ist ja. Es gibt sie. Und sie nennen sich selbst „Asexuelle“.
Asexuelle sind weder krank oder gestört, noch sind sie traumatisiert oder hässlich und sie leiden auch nicht unter einem Hormonproblem. Sie haben einfach keine Lust auf Sex. Die meisten schon seit sie denken können. Da war kein Aufflammen in der Pubertät und auch später hat sich kein Begehren eingestellt.
hetero-, homo-, bi- oder asexuell-asexuell.
Asexualität ist eine individuelle Kategorie. Man ist also asexuell, wenn man sich persönlich so sieht oder bezeichnen möchte. Trotzdem gibt es ein paar Richtlinien, aufgestellt von AVEN
(Asexual Visibility and Education Network), die es erleichtern sollen, sich der Orientierung Asexualität zugehörig zu fühlen – oder eben nicht. AVEN stellt zur Orientierung vier Gruppen auf, mit dem Hinweis, dass asexuelle Menschen ihre Asexualität häufig als zu einer oder mehreren der vier Gruppen passend beschreiben.
Erstens: Diejenigen, die einen Sexualtrieb haben, aber keine Anziehung empfinden.
Zweitens: Diejenigen, die Anziehung empfinden, aber keinen Sexualtrieb haben.
Drittens: Beides. Menschen, für die sich Sex auf einer biologischen Ebene gut anfühlt und die rein emotionale Anziehung zu anderen empfinden.
Viertens: Weder noch. Diejenigen, die Geschlechtsverkehr als unangenehm und keine Anziehung zu anderen empfinden.
Ganz wichtig ist es zu begreifen, dass Asexuelle nicht zwingend kein Interesse an einer Beziehung haben. Viele von ihnen leben auch in einer Partnerschaft. Entweder mit einem/r anderem/n Asexuellen oder mit einem Menschen, der die Bedürfnisse des Partners/der Partnerin versteht und akzeptiert. Asexualität hat auch keine bestimmte Ausrichtung. Asexuelle sind hetero-asexuell, homo-asexuell, bi-asexuell oder asexuell-asexuell. Die Wahl etwaiger PartnerInnen hängt somit von der „zusätzlichen“ Sexualität ab.
Asexualität ist auch kein Phänomen unserer Zeit. Es ist anzunehmen, dass sich in allen Phasen der Geschichte der Sexualität Menschen gefunden haben, die den allgemeinen Rummel darum nicht verstanden haben. Doch es gibt darüber kaum Aufzeichnungen und Fallbeispiele, keine Forschungen und keine Studien.
AVEN.
Es ist die moderne Technik, die den ausschlaggebenden Impuls für das Auftreten einer ganzen Gruppe von Asexuellen ermöglicht hat. Das Internet ist das Medium, das die entstehende Diskussion erst ermöglicht hat. Wie sonst hätten sich die Asexuellen, die insgesamt doch nur einen relativ geringen Prozentsatz ausmachen , ohne das Internet finden sollen?
AVEN ist die heute größte Internet-Gemeinschaft von Asexuellen. Ziel dieser Plattform ist es, einen Dialog innerhalb der ständig wachsenden Gemeinschaft von Individuen zu schaffen, die sich als asexuell verstehen. Auch Menschen, die sich bezüglich ihrer (A)Sexualität unsicher sind, bietet AVEN eine Anlaufstelle.
Darüber hinaus ist natürlich auch jede/r Interessierte, der/die sich nicht als asexuell sieht, eingeladen, sich über das Thema zu informieren.
AVEN wurde 2001 von dem damals 21jährigen, aus den USA stammenden David Jay gegründet. David gilt als ein attraktiver junger Mann, ohne irgendwelche Störungen wie z.B. Impotenz. Er widerlegt also die gängigsten Vorurteile über Asexuelle, nämlich mangelnde Gelegenheiten und Impotenz. Er hat seine nicht vorhandene Libido auch nie als negativ oder unnormal bewertet, nur seine Umwelt machte ein Problem daraus. Ein junger Mann, der keine Lust auf Sex hat, mit dem kann doch etwas nicht in Ordnung sein.
Um diese Vorurteile zu bekämpfen und vor allem um Gleichgesinnten eine Anlaufstelle und mögliche Antworten zu bieten, beschloss Jay in die Offensive zu gehen und ein Forum für Betroffene zu erstellen. AVEN war geboren.
Zuerst stellte die Website eine einfache Informationsbörse dar, doch dank des großen Zuspruchs wurde ein Forum daraus, das dafür eintritt, dass Asexualität genauso wie Homo-
und Bisexualität eine natürliche Sache ist.
Derzeit hat das amerikanische Forum über 11.000 registrierte NutzerInnen und die deutsche Version kann bis zum jetzigen Zeitpunkt bereits mit knapp 3.200 Anmeldungen aufwarten.
„Lederne Jungfrauen“ statt Amöben.
Doch AVEN war nicht die erste Asexuellen-Website. Bereits Ende der 1990er
Jahre waren im Internet erste Websites und Homepages von Privatpersonen zu finden, die über ihre geringe Libido berichteten. Die „ledernen Jungfrauen“, die „Leatherspinsters“, kämpften gegen Schuldgefühle und soziale
Abwertung.
In den Niederlanden gründete die Studentin Geraldin van Vilsteren das Nonlibidoism-Forum und machte mit kabarettistischen Auftritten auf Asexualität aufmerksam. Yahoo führte das Diskussionsforum „The Haven for the Human Amoeba“ ein und machte auf ironische Weise auf das Thema aufmerksam. Denn zuvor war bei der Suche nach Asexualität im Internet nur von Amöben und Pflanzen zu lesen gewesen.
Akzeptanz und Verständnis.
Aber auch abseits vom Internet versuchen Asexuelle auf sich aufmerksam zu machen.
Sie geben Interviews in Zeitungen,
Radio und Fernsehen und versuchen mit dieser Öffentlichkeitsarbeit neben Akzeptanz und Verständnis vor allem auch andere Asexuelle zu erreichen.
Dirk Walter, Mitglied des deutschen AVEN-Forums, beschreibt dieses Ziel folgendermaßen: „Viele Asexuelle wissen gar nicht, dass sie asexuell sind – woher auch, es hat ihnen ja
niemals jemand diese Alternative
aufgezeigt.
Diese Menschen werden immer mehr oder weniger einen ,Mangel´ an sich sehen – obwohl es in Wirklichkeit natürlich keinen Mangel gibt. Sie sind nicht krank oder abnorm oder gestört – sie sind einfach nur asexuell. Nur wenn diese Menschen wissen, was mit ihnen los ist, können sie sich wirklich entwickeln und so leben, wie sie leben möchten und wirklich glücklich werden.
Die Erkenntnis, dass es so etwas wie Asexualität gibt, ist für viele Asexuelle eine große Erleichterung.“ |