Heißer Frauenraum
von Katharina Nagele

Früher wurde sie schlicht Kurhalle genannt, jüngere Generationen beginnen sie bereits „Spa“ zu nennen, jene fast schon Alt Wiener Institution. Sie birgt einen Bereich, der nur von Frauen genutzt wird. Richtig orientalisch mutet er an, sowohl vom Konzept her als auch von der gefälligen Einrichtung. Hier sind Frauen unter sich, um sich von einer Außenwelt, die sie mit Männern teilen müssen, zu erholen. Aber auch, um sich für diese Welt herzurichten. In diesem Frauenraum trifft sich nicht die Speerspitze der Kämpferinnen weiblicher Emanzipation, jedenfalls ist er dafür nicht eingerichtet. Die Frauen hier repräsentieren den Durchschnitt der weiblichen Bevölkerung, was Alter, Beruf, Herkunft und politische Ansichten anbelangt. Um diesen Frauenraum emanzipatorisch zu nutzen, bedarf es einer besonderen Ingredienz: des harten Kerns von Saunagängerinnen, Stammgäste sozusagen, der sich hier wöchentlich trifft. Es wird über den Beruf, den Ehemann – wiewohl eher selten über die Partnerin –, es wird über die Kinder geredet. Und so kam es, dass ich das Glück hatte, folgende Unterhaltung zu hören:
Eine große, blonde Frau Mitte Fünfzig macht den Aufguss. Es wird geklatscht, „ah“ und „oh“ gestöhnt, zufrieden setzt sich die Frau. In die träge Hitze hinein sagt sie: „Meine Tochter heiratet diese Woche.“ Eine ruft: „Mazzeltov!“. Es wird wieder geklatscht. Eine etwa sechzigjährige Frau mit künstlerischem, rot gefärbtem Kurzhaarschnitt meint: „Na ja, ich würde ja nicht mehr heiraten, wenn ich noch mal jung wäre. Bei dem antiquierten Ehegesetz, das wir in Österreich haben. Da wird ein Hausfrauenmodell festgeschrieben, wo gibt’s denn sowas noch in der EU?“
Hört, hört, denke ich mir. Da kann ich ja auch etwas beitragen: „Da kann ich Ihnen nur Recht geben. Die Partner sind zum Beispiel verpflichtet, unentgeltlich im Betrieb des jeweils anderen mitzuarbeiten. Und nachdem meistens die Männer die Betriebe besitzen, arbeitet die Frau oft gratis.“
Die rothaarige Frau: „So? Na das wusste ich nicht. Aber ich finde es sowieso schlecht, dass man irgendwie vom anderen profitiert. Das Gesetz handelt ja nur von solchen wirtschaftlichen Dingen, wer nach der Scheidung was bekommt. Das hat ja überhaupt nichts mit Liebe zu tun. Also ich habe meinem Sohn gesagt, er soll bloß nicht heiraten.“
Nun mischt sich eine andere Frau ein, etwa 40, mit schulterlangem, braunem Haar: „Ja, aber wenn die Frau nicht heiratet, dann kann sie die ganze Zeit arbeiten, und alles für den Mann und die Kinder tun, und steht bei einer Trennung dann mit nichts da.“
Die Rothaarige: „Es gibt aber auch die Frauen, die einfach nur zu Hause bleiben, weil sie nicht arbeiten gehen wollen. Bei einer Scheidung bekommen die dann Geld vom Mann, während eine andere, die immer arbeiten gegangen ist, nichts bekommt. Ich versteh’ wirklich nicht, warum sich die Schwulen und Lesben so um die Ehe reißen.“
Die Brünette: „Na ja, da geht’s ja auch um so Sachen, wie dass der Partner benachrichtigt wird, wenn man im Krankenhaus liegt, oder dass er einen im Krankenhaus besuchen darf. Da geht’s um Mietverträge, um’s Erben und so weiter. Da sind sie schon ganz schön benachteiligt.“
Es folgen zustimmende Ausrufe, soweit eine in der Hitze die Kraft dazu findet. Eine polnische Saunagängerin erzählt von der Unterdrückung von Lesben und Schwulen in ihrem Heimatland. Eine andere berichtet, welch enormen Schuldenberg ihre Schwester für ihren Exmann abbezahlen muss, der mit seiner Firma in Konkurs gegangen war.
Jede ist betroffen oder kennt Betroffene. Daher verwundert es auch nicht, diese Diskussion nicht in einem eigens dafür geschaffenen Frauenraum zu führen, sondern sozusagen in der freien Wildbahn.

Und es wundert folgerichtig auch nicht, dass sich „bunte Vögel“ wie ÖVP-Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky und BZÖ Peter Westenthaler inzwischen auf Veranstaltungen wie dem Life Ball blicken lassen. Die Diskussionen sind, wie obiges Beispiel zeigt, aber wesentlich weiter gediehen, als solch ein Auftritt aufholen könnte. Welche den „Hi Society“ Beitrag auf ATV+ über den Life Ball sah, konnte daher auch mit Genugtuung verfolgen, wie Peter Westenthaler von Life-Ball-Gästen ausgepfiffen wurde.