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„Ich mache keine Selbstporträts. Ich versuche in den Bildern immer soweit wie möglich von mir wegzugehen.“ Diese Aussage der amerikanischen Künstlerin Cindy Sherman ist gleichsam Programm. Weder versteht sie sich als performative Künstlerin, noch thematisiert sie ihre eigene Identität, Weiblichkeit oder die Auswirkungen von Verkleidung und des Schauspiels auf ihr Befinden. Ihre kritische Reflexion von repräsentierten Machtstrukturen in Film, Fernsehen, Werbung usw. parodiert eindeutige Wahrnehmungsstrukturen der westlichen Welt. Kulturell geprägte Verständnisse von Repräsentation, Authentizität und vom dualistischen Modell der Geschlechter werden von Sherman mit ihren Fotografien irritiert. Cindy Shermans Inszenierungen lassen das eigene Bildrepertoire erkennen und offensichtlich werden, wie persönlich und subjektiv öffentliche Bilder funktionieren, wie sie prägen und sich als Werte festsetzen.
Das Medium Fotografie verstärkt im Grunde genommen den Mechanismus, der so tut, als gäbe es eine unleugbare Verbindung zwischen Realität und Abgebildetem. Als zeige es den Sinn, der stets unter der Oberfläche vorhanden ist und nur selten ans Tageslicht käme.
Zu diesen „Kopien ohne Original“ in intermedialer Form meint Sherman: „Es handelt sich hier um Abbildungen von personifizierten Gefühlen mit ganz eigenem Wesen, ganz sich selbst darstellend – und nicht mich. Die Frage nach der Identität des Modells ist genauso wenig von Belang wie eine etwaige Symbolik irgendeines anderen Details. Ich muss mir bei der Vorbereitung jeder einzelnen Figur darüber im Klaren sein, wogegen ich angehe; dass die Leute nämlich unter dem Make-Up und den Perücken nach jenem gemeinsamen Nenner suchen werden, nach dem Erkennbaren. Ich versuche andere dazu zu bringen, etwas von sich selbst wiederzuerkennen anstatt von mir.“
Viele Protagonistinnen ihrer (früheren) Arbeiten sind weiße Frauen, Teilhaberinnen einer liberalen Marktwirtschaft. Von Sherman in linkischen Momenten zwischen schön und hässlich, glücklich und unglücklich arrangiert. Vor allem in ihren Film-Stills ist – obwohl nie sichtbar, Sherman fotografiert sich immer allein – ein männliches Gegenüber auszumachen. Nicht nur als Teil einer imaginativen Handlung, sondern auch auf der Produktionsebene scheint ein Betrachter oder Fotograf automatisch verortet.
Im Laufe der Jahre weichen die Darstellungen stereotyper Passivität eher phantastischen, opulent-schauerlichen Bildgenres wie z. B. in „Fairy Tales“ (1985) und „Disasters“ (1986-1989). Geschlechtsunterschiede verwischen in ihren Bildern ab Mitte der 1980er Jahre zusehends; der reale Körper Shermans löst sich auf, wird durch Körperprothesen, Masken oder Körperflüssigkeiten ersetzt, analog einem Hervorbrechen des Monströsen hinter einer zuvor stark betonten, kosmetischen Fassade. Neben den so genannten Ekelportraits sind vor allem die Sex Pictures (1992) und History Portraits (1988-1990) von zentraler Bedeutung bei der Dekonstruktion fragwürdiger Konventionen. Seit 2003 beschäftigt sich Sherman mit der Inszenierung absonderlicher Clownfrauen. Auch hier wird Affekt durch Unbehagen ausgetauscht: Stillstand und verdrängte Sterblichkeit in grotesker Aufmachung.
Cindy Sherman unterlässt die deskriptive Betitelung ihrer Arbeiten – mit Ausnahme der „Film Stills“ ist ihr Schaffen titellos. Die Strategie eines assoziationsfreien Spielraums, die Hervorhebung der eigenen Produktionsmittel und Materialität verhindern den Prozess „beruhigender“ Eindeutigkeit.
Wenn Benennungen aus den Augen verloren werden, finden wir in jedem Bild eine Referenz, die nicht in Innen und Außen getrennt werden kann. Wo die Durchlässigkeit von Grenzen oder scheinbaren Gegensätzen aufgezeigt und Gegenüberstellungen fragwürdig werden, geht es um zufällige Zuschreibung und nicht um moralische Wertungen.
Bedrohlich und im selben Atemzug subtil komisch – Sherman zeigt uns die Zunge statt dem, was wir eindeutig zu sehen meinen.
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