Vero La Reine: Bikutsi.
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Buchhandlung
Frauenzimmer, 1070 Wien,
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Bikutsi gibt Kraft

Der Musikstil Bikutsi ist neben Makossa die beliebteste Musikrichtung Kameruns, aber in Europa bei weitem nicht so bekannt. Dem möchte Vero La Reine abhelfen. Ein Interview von Kerstin Kellermann

Vero La Reine wurde in Movog Manga, einem Dorf einige Kilometer südlich von Yaounde, der Hauptstadt Kameruns geboren. Sie ist wirklich eine Art von Königin, da ihr Großvater ein "Stammeskönig" der Amagou Anaba war, obwohl sie ihren Künstlerinnennamen aus ihrem Ehenamen "Lamreiner" baute. Sie widmet sich der Musik speziell von Frauen über Frauen.

an.schläge: Deine Musik steht in der Tradition von Frauenliedern?

Vero La Reine: Der Rhythmus meiner Musik heißt Bikutsi und wurde von Frauen erfunden, um ihre Gefühle auszudrücken, ihre Geschichte zu erzählen. Das ist eine schon mehr als hundert Jahre alte Tradition, die mündlich weitergegeben wird. Als ich auf die Welt kam, war Bikutsi schon da. Meine Mutter hatte es von meiner Großmutter bekommen und meine Töchter singen es auch. Das Spezielle an Bikutsi ist, dass das ganze Leben fröhlicher wird. Bikutsi gibt Kraft. Man fühlt sich gut. Ohne diese Musik wäre der Stamm der Beti-Frauen, die diese Musik erfunden haben, ich weiß nicht wo gelandet. Das Leben ist für Frauen überall hart. Bikutsi ist wie eine Therapie. Wir Beti haben eine eigene Sprache, Musik und überhaupt Art zu leben. Wir sind ungefähr eine Million oder noch mehr.

Ist der 6/8 Takt nicht sehr schwierig? Zwei Triolen auf zwei Viertel?

Diese Art zu zählen verstehe ich nicht, das ist europäisch. Für jemand, die Musik kennt, ist das nicht schwierig, man muss nur richtig zuhören - es ist eine Mischung von Reggae und Jazz. Viele lateinamerikanische Rhythmen kommen eigentlich ursprünglich aus Afrika - Reggae gab es auch, sogar Jazz. Die SklavInnen haben diese Rhythmen mit in die USA genommen, schau Dir den Blues oder die religiösen Messen an. Alle diese Musikrichtungen findest Du schon im Bikutsi angelegt. Den Rhythmus von Bikutsi gibt es nicht nur in Kamerun, in einer anderen Region heißt er anders. Ich nehme an, dass der Bikutsi ursprünglich ein Bantu-Rhythmus ist und die Bantu waren überall zu finden. Die Bantu-Männer waren Krieger, und die Frauen sangen, um ihnen und sich Mut zu machen. Bikutsi und Reggae leisten heutzutage die gleiche Arbeit - es geht um soziale Ungerechtigkeit. Das ist der Kampf heutzutage.

Wovon handeln deine Texte?

Von vielem, aber in der CD spreche ich mehr über Frauengefühle, unsere Probleme, unser Wollen, unsere Erwartungen, Hoffnungen. In dem Song "Cherie ma boya" nehme ich z.B. den Platz einer alten Dame ein, die mit ihrem Mann 25 Jahre lang verheiratet war. Der lernt eine Jüngere kennen und sagt zu ihr: "Du kannst gehen, ich will nichts mehr mit dir zu tun haben! Du bist zu alt für mich!" Und da fragt die Frau: "Schatzi, was soll ich tun? Wohin? Mit wem?" Sie ist verzweifelt nach so vielen Jahren, in denen sie nicht arbeiten durfte, sondern für die Familie da sein musste. Das sind die Sachen, die wir erleben. Ich musste etwas machen, mich ausdrücken, damit die Männer einmal wissen, wie es uns geht.

Sind dein Zielpublikum nicht die Frauen?

Ich erzähle die Geschichten von Frauen, wie es uns geht, mit der Hoffnung, dass auch Männer zuhören und erst mal nachdenken, bevor sie eine Frau nicht mehr wollen, nur weil sie schon alt ist. Mir gefällt es nicht zu sehen, was Frauen durchmachen müssen - was wir uns immer von Männern anhören müssen: "Du bist zu fett, zu alt, zu klein, nicht mehr hübsch etc." Ich glaube, dass Frauen mehr zu bieten haben, als nur die "Schönheit". Ich weiß, mit meiner Musik werde ich viel erreichen. Sie ist eine gute Waffe, wenn man jemand liebt. Niemand erhält gerne Ratschläge, doch wenn du die Musik liebst hörst, du gerne zu. Das ist mein Kampf. Frauen durften lange nicht Karriere mit der Bikutsi-Musik machen, die Männer beherrschten die Szene. Es gibt eine Frau, Anne Marie Nzie, die ihr Leben lang Bikutsi gemacht hat, aber nur eine CD in 73 Jahren veröffentlichte. Ich bete jeden Tag, dass sie nicht stirbt, denn ich möchte nächstes Jahr ihre Stimme auf meiner CD haben! Sie ist schon 83 Jahre alt. Sie sagte einmal zu mir: "Ich habe gekämpft und viel erreicht, aber ich weiß nicht, wie es weiter geht. Du wirst mehr erreichen." Die Bikutsi-Szene ist sehr hart. Ich bin nicht die einzige Frau, die Bikutsi macht, doch die Produzenten zwingen die vielen anderen dazu, nur zum Thema Sex zu singen. Man sieht es in den Videoclips. Ich bin meine eigene Produzentin und habe mich entschlossen, nicht über dieses Thema zu schreiben, denn das ist eine Demütigung. Die meisten Männer in Kamerun glauben, dass Frauen über Pornografie schreiben wollen, dabei werden sie dazu gezwungen. Ein Kameruner hier in Österreich sagte mir einmal, ich müsste mehr zeigen, um weiter zu machen. Sonst ginge das nicht. Ich werde es ohne das schaffen.

Wie sehen deine Pläne aus?

Ich stelle gerade eine Band in Wien zusammen, ich habe noch eine Band in Paris und eine in Villach, wo ich wohne. Ich möchte möglichst viele Auftritte auf der ganzen Welt haben! Bikutsi Jazz soll das Projekt in Wien werden, mit MusikerInnen aus der ganzen Welt. Gerade die Musik ist es, was die Völker verbindet, das ist die Sprache, die jede(r) versteht. Ich will zeigen, dass auch eine Frau Bikutsi bekannt machen kann - so wie Manu Dibango Makosa auf der ganzen Welt berühmt machte. Speziell, weil es Frauenmusik ist, halte ich es für eine Verpflichtung, dass eine Frau diese Musik bekannt macht und nicht ein Mann.

Wie hat es dich nach Kärnten verschlagen?

1998 lernte ich in Kamerun einen Kärntner kennen. 1999 war ich das erste Mal auf Urlaub in Österreich und es hat mir gefallen, die Menschen, der SchneeŠ Bei uns haben wir nur im Kühlschrank Schnee. Ich habe kein Problem mit Kärnten. Mir geht es gut und meinen Töchtern ebenfalls. Es dauert ein bisschen, bis man Leute kennenlernt, aber dann hat man gute FreundInnen. Rassismus gibt es überall auf der Welt. Ich habe in China gelebt, in Saudi Arabien, in Nigeria - da kenne ich Rassismus schon. Ein normal gescheiter Mensch ist kein(e) RassistIn, nur jemand, die/der mit sich selber unzufrieden ist und die/der zu viel Zeit hat!

Wie reagierst du, wenn jemand rassistische Bemerkungen macht?

Ich beachte ihn gar nicht! Ich denke, dass hat nichts mit mir zu tun, sondern das ist sein Problem. Am Anfang habe ich mit den Leuten geredet, denn manche wissen gar nicht, was sie sagen. Viele alte Damen z.B. Speziell in Österreich ist es sehr notwendig, dass die AusländerInnen mit den InländerInnen reden. Ich habe immer erlebt, dass ÖsterreicherInnen Abstand nehmen, weil sie nicht wissen, wie sie mit dir umgehen sollen. Sie haben Angst - die einen werden dann aggressiv, die anderen ziehen sich zurückŠ

Gefällt dir Polka?

Die richtige Volksmusik gefällt mir. Ich tanze es gerne. Ich liebe eure Kultur. Auf der ganzen Welt gibt es nette Leute, nur weil die ÖsterreicherInnen wenig Ahnung von Afrika haben, sind sie ein bisschen seltsam. Die nächste Generation wird anders ein, denn sie wachsen bereits mit AfrikanerInnen auf. Die Älteren hatten dazu nicht die Möglichkeit.

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