Tokyo Pride
von Jenny Unger

Anfang August in Tokyo. Es ist Samstagabend. Unsere Haut schmeckt salzig vom Tag. Es ist heiß hier. Vierzig Grad – nicht so schlimm. Aber die Luftfeuchtigkeit. Neunzig Prozent, wahrscheinlich sogar mehr. Stehen allein ist anstrengend und sitzen selten möglich. Wir kommen uns oft in die Haare, wir sind das Klima nicht gewohnt, wir sind genervt – oft vom Surren der Klimaanlagen, manchmal voneinander. Jetzt gerade nicht. Wir suchen ein Hotel für die Nacht. Ein Love-Hotel. Eines, wo das Zimmer für ein paar Stunden gemietet werden kann oder auch für die Nacht, die nach dem Ausgehen beginnt. Im Reiseführer lesen wir, dass gleichgeschlechtliche Paare abgewiesen werden. Wir versuchen es trotzdem. Ich rede einfach nicht, dann bin ich ein junger Mann. Laß sie alles machen und wir werden schon einen Platz finden.

 

Wir sind in Tokyo und das also ist der Stadtteil Shinjuku. Ich werde angequatscht. Eine Stripshow – will ich sie sehen? Nein. Pachinko, japanischer Flipper mit Stahlkugeln als Einsatz, überall. Es ist wie im Prater. Nur noch mehr. Nur noch viel mehr. Und dann die Hotels, die Love-Hotels. Eines neben dem anderen und dann noch eines. Alles ist anonym. Kein Portier, keine Portierin. Nur Bilder von den Zimmern und die Kreditkarte regelt den Eintritt. Oder soll es noch anonymer sein? Dann Bargeld. Rein in den Schlitz, auf geht die Tür und das Liebesnest mit Fernseher im Bad mit Whirlpool gehört dir, gehört uns – wir sind müde und wollen schlafen.

Shinjuku-Ni-Chome. Aber noch sind wir nicht so weit. Gegenüber in einem anderen Viertel ist das, was wir sehen wollen: Shinjuku-Ni-Chome. Shinjuku-Ni-Chome ist ein kleiner Fleck auf dem Stadtplan von Tokyo. Es ist der Fleck auf dem sich die Szene tummelt. Die schwule auf jeden Fall. Die lesbische auch. Die Bi, stellt sich dann raus, tummelt sich hier auch und das Andere, das wissen wir nicht. Hier gibt es Bären und SM und Kingsize, einen Sexshop mit Regenbogendildos und einer Ecke nur für Männer. Nur für Frauen? Zu sehen ist keine. Wir finden fünf- und mehrstöckige Häuser und in jedem Stock eine Bar links, eine Bar rechts und, wenn das Haus breit genug ist, dann noch eine Bar in der Mitte. Shinjuku-Ni-Chome – lesen wir irgendwo – das sind mehr als zweihundert Lokale innerhalb von fünf Blocks. Nur fünf Blocks. Viel Platz ist das nicht.
Die Mars Bar, ein Restaurant, ist nur für Frauen, aber wir haben schon gegessen. Iyan und Hug und Peach und mehr gibt es noch, aber für kinswomyn entscheiden wir uns. Kein Eintritt. Das war leicht. Wir wollen nur kurz etwas trinken. Ein Bier – sie, Umeshu – ich. Die steilen Treppen in den fünften Stock hoch, kurz Luft holen, ein Lächeln ins Gesicht. Sollen wir anklopfen? Oder gleich die Tür aufmachen? Was ist dahinter? – Immer wieder die Fragen und das Gefühl. Jede neue Stadt, jede neue Bar. Wie groß ist der Raum dahinter? Wie ist er überhaupt? Wie sind die Frauen? Drehen sich alle um und mustern mich? Oder bemerkt es keine, dass ich komme? Und immer das Lächeln, das aufgesetzt selbstsichere und die Unbeholfenheit dann hinter der Tür, die dann am größten ist, wenn ich mit einer anderen komme. Wie funktioniert es hier? Türklinke in die Hand nehmen und erstaunt sein. Kinswomyn ist klein. Die Barfrau von der Tür vielleicht einen Meter fünfzig entfernt. Platz haben zehn Frauen. Die sind auch hier. Sehen uns an. Das Winken der Barfrau macht das Eintreten leichter und das Glas zum Festhalten hilft noch mehr. Ich bin erstaunt, unter den ausschließlich japanischen Gästen, die ich erwartet habe, finden sich drei deutsche und zwei britische. Wir sind hier. Smalltalk.
Parade. Nächstes Wochenende. Geht ihr hin? Gehen wir hin? Wann ist sie genau? Die Japanerin neben uns spricht ein wenig englisch. Ja, nächstes Wochenende. Samstag oder Sonntag? Keine Ahnung, am Wochenende eben. Wir gehen hin.
Flyer und Plakate helfen weiter, auch wenn ich sie nicht lesen kann. Zeichen und Farben sprechen für mich. Samstag, 12. August, 15.00 Uhr. Die Freundin, die japanisch spricht, und das Internet bestätigen. Letzteres beglückwünscht zusätzlich. 2002, 2003 und 2004 gab es keine Tokyo Lesbian and Gay Parade. Warum finde ich auch auf der Parade selbst nicht heraus. Die eine Seite spricht kein Japanisch, die andere selten Englisch und wenn, reicht es nicht, und manchmal fehlt auch noch der Mut. Aber das Übliche wahrscheinlich.

Der Tag der Parade. Das Wetter scheint zu halten, doch eine Stunde vor Beginn kommt ein Gewitter auf. Es regnet stark. Schirme gehen kaputt. Hüte fliegen durch die Luft. Menschen drängeln sich unter Unterführungen und Dachvorsprüngen. Ein Bilderbuchgewitter. Ich male mir schon aus, wie die andere Seite, die homophobe Seite, den Regen als Warnung deuten wird, als von Gott gesandt, wie letztens in diesem Kirchenblatt und dann ist zu Beginn alles vorbei, aber ich denke auch nicht mehr an die andere Seite. Ich will sehen, wie es hier ist. Wir wollen sehen, wie es hier ist. Wir erzählen uns von Paraden, auf denen wir waren. Wir benennen die Unterschiede sofort. Bewerten sie auch. Hier gibt es keine Dykes-on-bikes. Dafür aber Blasmusik. Jede Menge Blasmusik. Die Art, die eine mögen kann. Aber wo sind die Wägen, die mit Musik und tanzenden, oft nackten Körpern darauf? Wo sind die bloßen Körper überhaupt? Gehen die alle zu Fuß? Ist das jetzt kleiner oder größer als in Wien? Unter Lesbian and Gay Parade hat weniger Platz als unter dem Regenbogen, sagen wir uns. Und dann fotografieren wir die Speicherkarte voll und laufen mit, sobald alle an uns vorbeigezogen sind, wir glauben, alles gesehen zu haben. Rote Ampel, wir bleiben stehen. Das Taxi, den grauen Toyota und den Linienbus noch schnell überholen, dann sind wir beim Wagen mit dem doppeltem Frauenzeichen. Die Straßen sind nicht gesperrt und die Verkehrsregeln gelten. Alles verliert sich, die Parade wirkt klein. Zusammenhänge gehen verloren. Die Transparente gehen unter. Verlieren sich in den Straßen von Tokyo. Einzelne TeilnehmerInnen und Gruppen wirken isoliert. Vielleicht bewußt. Der Wagen mit den Frauenzeichen ist leer, hat keine Musik. Die Zugehörigkeit zur Parade scheint uns fraglich. Wir laufen nur kurz. Schnell ist alles vorbei. Das war sie. Ein Park am Endpunkt. Getränke, hauptsächlich Bier, Essen und Paraden-Merchandising. Ich kaufe mir ein T-Shirt. TLGP2006. Grün. Eine Rede gibt es auch, aber nur wenige hören zu. Es beginnt wieder zu regnen.

After Pride. Wir gehen weg, gehen essen, gehen am Abend wieder nach Shinjuku-Ni-Chome. Die Straßen sind etwas voller als am Wochenende zuvor. Eine Regenbogenflagge hier und da und irgendwo der club ArcH. Ein Zentrum. Das Zentrum. Hier soll After Pride-After Spice stattfinden. 3000,- Yen Eintritt. 300,- Schilling. 22,- Euro. Ein wenig viel. Vor der Tür steht einer mit Flyern. Ein Stückchen die Straße weiter rauf noch einer. Sie wirken verloren. Das Lokal wirkt verloren. Aber freundlich werden wir weiter gebeten. Wir warten noch, gehen nicht rein, beobachten. Zwei Männer am Eingang sind kein gutes Signal. Keine geht rein. Keiner geht rein. Vielleicht sind wir zu früh und außerdem, wenn wir ehrlich sind, eine Nur-Frauen-Sache wäre uns schon lieber. Also gut. Noch mal die Liste durch. Iyan ist ganz in der Nähe. Der Eintritt nicht hoch. Wir erwarten ein Fest, aber wieder finden wir eine Bar im letzten Stock eines fünfstöckigen Hauses. Kaum größer als kinswomyn. Es gibt Klimaanlage und Karaoke. Die Klimaanlage läuft. Karaoke ein wenig später. Schmalzige Lieder mit schmalzigen Bildern von Heteropaaren am Meer und jede Zweite im Lokal singt. Solange wir da sind mindestens ein Lied. Als wir gehen ist es kurz vor Mitternacht.