Ideen vom Hirn raspeln
von Petra Öllinger

Ich steh’ am hohen Balkone am Turm, umstrichen vom schreienden Stare und lass’ gleich einer Mänade den Sturm mir wühlen im flatternden Haare.” Ähnlich wie im Gedicht Annette von Droste-Hülshoffs „Am Turm”, das eine am Anfang der Ausstellung begrüßt, wehen einer bald tatsächlich die Haare im kühlen Lüftchen Ursula Neugebauers Installation „tour on l’air”. Sieben Dekor-Büsten mit roten Kleidern hängen in einem Kreis angeordnet an der Decke. Eine Büste beginnt sich zu drehen, die anderen folgen, immer schneller werden sie. Ein unheimliches Rauschen. Stille. Nach ein paar Minuten erneut ein Drehen, Rauschen. Wehen.

 

Ballet knackt Rollenklischee. Tour on l’air, ein strenger Stil aus dem Ballett, ursprünglich nur Männern vorbehalten, wird von zeitgenössischen ChoreographInnen gekippt: Auch Frauen dürfen durch die Luft wirbeln, es soll Mut gemacht werden, die traditionellen Rollen zu brechen, erklärt die junge spritzige Frau, die durch die Ausstellung begleitet. Eines wird schnell deutlich: Eine Führung ist auf alle Fälle ratsam, auch wenn anhand kurzer Textpassagen versucht wurde die einzelnen Ausstellungsschwerpunkte (unter anderem „Bäuerinnen, Mütter, Alte: Von der Wirklichkeit im Bild, „Erotik”, „Die rebellische Frau. Identitätssuche”) zu skizzieren.

Vieles bleibt unentdeckt. Es bleibt beim Versuch. Wie so oft in österreichischen Museen gelingt die Balance zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig an (Text-)Information nicht. Unbedarfte der Kunstgeschichte bleiben wahrscheinlich unbedarft, Lebensdaten oder Kurzbiografien der Frauen sind in der Ausstellung nicht vorhanden, der Katalog schafft nur marginale Aufklärung. Sehr schade, denn die Hintergrundgeschichte jeder Einzelnen, sei es als Künstlerin oder als „nur” Porträtierte ist dermaßen anregend, dass Spätfolgen des Ausstellungsbesuchs nicht ausbleiben.
Sogar Gustav Klimt eröffnet neue Perspektiven. Die von ihm gemalte Sonja Knips war eine der wichtigsten KunstmäzenInnen und Sammlerin von Arbeiten der Wiener Moderne.
Einige Werke weiter holt der genaue Blick auf ein kleinformatiges Selbstbildnis dieses aus seiner vermeintlichen Unscheinbarkeit: „Sofonisba Anguissola virgo – seipfam facit 1554” steht auf den Seiten des Buches, das die Frau in der Hand hält. Der Satz macht klar: Sie hat dieses Bild selbst gemalt. Für eine Frau des 16. Jahrhunderts zwar ungewöhnlich, aber nicht unmöglich: Die italienische Malerin gehörte zu den erfolgreichsten KünstlerInnen der Renaissance.
Ohne Hintergrundinfo stünde frau etwas ratlos vor einem Glaskasten: eine weibliche, beinamputierte, aus vielen Stoffflicken zusammengenähte Puppe, ein Messer ist über dem Brustkorb angebracht. Louise Bourgeois „femme couteau” entpuppt sich als Verletzung des weiblichen Körpers. Gäbe es das schützende Glas nicht, könnten BesucherInnen die Verstümmelungen fortsetzen.
Was bedeutet eigentlich „eigene fotografische Ästhetik”? Rineke Dijkstras Fotografien machen diese Formulierung greifbar: Ein junges Mädchen an einem Strand in Polen, seine Position erinnert an Botticellis „Geburt der Venus” doch haftet ihm nichts Künstliches, bewusst Posenhaftes an.

Folgen einer Ausstellung. Die anfängliche Skepsis gegenüber einer bereits in vielen Medien rezensierten scheinbaren Mainstream-Ausstellung verpufft trotz der oben genannten „Meckerpunkte”. Die vom Hirn geraspelten und im Museumshop-Sackerl (im Bereich der Museumsläden hat sich in den letzten Jahren doch einiges zum Positiven verändert, lässt frau die dreißigtausend Versionen von Klimt-, Schiele- und Kokoschka-Motiven in Form von Magneten, Glasuntersetze, Regenschirmen und anderen Wahnsinnigkeiten einmal beiseite) verstauten Ideen werden mit nach Hause genommen. Bedauerlich, dass im Shop nicht mehr Literatur zur aktuellen Ausstellung aufliegt.
Später zu Hause geht es richtig los. Die vielen Eindrücke wollen gebändigt, weiterverfolgt, reflektiert werden: Bücherbestände abklappern, Nachschlagewerke zücken, Internet durchforsten. Auf in anregende Frauen-Seelen-Körper-Gesichtswelten.