Ein Glückskeks fürs Frauenhaus
von Kathrin Kofler

„Maria liebt Hans. Hans schlägt Maria. Maria ruft an: 0800/ 222 555 – Sagen was ist, verändert die Welt!“ oder „Viele Frauen und Mädchen sitzen zu Hause in der Falle. Vergewaltiger wir kriegen dich!“ und „Sofortige Absicherung und Grundfinanzierung des autonomen Tiroler Frauenhauses!“ und immer: „hellwach – bei Gewalt an Frauen“. So lauten einige der Sprüche in Tirols neuen Glückskeksen, die seit Anfang August die Runde machen.

  Diese Idee, Geheimbotschaften zu verbacken wurde im 13./ 14. Jahrhundert vom chinesischen Widerstand entwickelt um die Mongolen aus dem Land zu vertreiben und nun von den Künstlerinnen Carla Knapp und Angela Zwettler wiederaufgegriffen. Glückskekse, die sogar von Tirols wichtigster Lebensmittelkette verteilt werden, sollen das Thema Gewalt an Frauen auch in die letzten Winkel tragen. Zusätzlich wurde von den Künstlerinnen eine Leuchttafel mit der Aufschrift „hellwach bei Gewalt an Frauen – observe you – we observe you – we observe“ im Innsbrucker Stadtzentrum aufgestellt und leuchtet nun – ganz und gar nicht geheim – mahnend vom Balkon des Landesmuseums. Im Herbst soll die Tafel dann auf Reise gehen und in dörflichen Räumen für Diskussionen sorgen. Sowohl im Gemeinderat, wo die Aufstellung beantragt wird, als auch im Gasthaus, in das die Tafel dann vielleicht sogar hineinleuchtet und die Männerrunden stört. Die Künstlerinnen wollen mit ihrem Projekt nicht nur der Tabuisierung und Verdrängung der Problematik von Gewalt an Frauen in die Privatheit entgegenwirken, sondern auch das autonome Tiroler Frauenhaus, in dem misshandelte Frauen und Kinder Schutz- und Wohnraum finden, unterstützen.

Gewalt. Nach 25 Jahren steht das Frauenhaus nämlich kurz vor dem Aus. Sollte es nicht zu einer Restfinanzierung von 127.000 Euro kommen, sieht sich die Einrichtung gezwungen im Oktober zuzusperren. Aus diesem Grund haben die Frauenhaus-Frauen auch diesen Sommer wieder eine massive Pressekampagne gestartet und die Öffentlichkeit mobilisiert. Wie viele Frauenvereine fürchtet das Frauenhaus seit 1999 immer mehr um seine Subventionen. 2003 kam es dann auch zu Kürzungen durch die Stadt Innsbruck und das Land Tirol um circa dreissig Prozent, also fast einem Drittel der jährlichen Gelder. Die Subventionskürzungen wurden damals von LH Herwig van Staa (VP) lapidar mit der Behauptung begründet, es müsse überall gespart werden. Alexandra Weiss vom Vorstand des Frauenhauses sagt dazu nur: „Das ist absurd und es hat niemand verstanden angesichts der prestigeträchtigen Großbaustellen an fast jedem Eck in Innsbruck. Es fehlt an politischem Willen.“ Dieser Eindruck verschärft sich noch aufgrund der Reaktion von LHStvin Elisabeth Zanon (VP) auf die heurige Darlegung der Finanzprobleme durch das Frauenhaus. Sie schlägt darauf hin eine öffentliche Trägerschaft für das Frauenhaus vor. Einer solchen kann sie nach wie vor einige positive Aspekte abgewinnen, auch wenn nach heftiger Kritik von vielen Seiten diese Variante einstweilen vom Tisch zu sein scheint. „Durch eine solche Lösung würden strukturelle und finanzielle Synergieeffekte zum Tragen kommen, die den Einrichtungen mehr Planungssicherheit geben und – gerade im Verwaltungsbereich – zu Einsparungen führen würden. In einem Gespräch mit den Vertreterinnen der Tiroler Einrichtungen habe ich jedoch bereits klargestellt, dass eine öffentliche Trägerschaft nicht Muss für eine künftige Lösung ist.“ So Zanon eineinhalb Monate nach dem Vorschlag.
Genug. Dennoch scheint das Fass nun endgültig übergelaufen zu sein und ein Welle des Protests gegenüber einer schikanösen Politik an einer der ältesten und anerkanntesten autonomen Tiroler Fraueneinrichtungen wurde ausgelöst. Mitte Juli gründete sich in Innsbruck ein unabhängiges „Personenkomitee zum Erhalt des Autonomen Tiroler Frauenhauses“, welches einen Aufruf verfasste und eine Unterschriftenaktion startete. Ziel ist es nicht nur seiner Wut gegenüber der Politik Ausdruck zu verleihen, sondern auch dem Frauenhaus Solidarität, Anerkennung und Würdigung für seine Arbeit zukommen zu lassen. In drei Tagen wollte das Komitee zwei- bis dreihundert Unterschriften sammeln. „Was darauf folgte, hat uns selbst überrascht, ja überwältigt: innerhalb von 36 Stunden waren bereits neunhundert Unterschriften eingelangt“, erzählt das Personenkomitee auf seiner Homepage. Nun – Mitte August – sind es bereits über 3000 Unterschriften, die auf der Homepage einzusehen sind. Die Wirkung dieser breiten Öffentlichkeit hat sich dann auch insofern gezeigt, als das Frauenhaus nun wieder in Finanzverhandlungen steht. Allerdings vorerst nur bezüglich der letzten drei Monate des Jahres 2006. Sowohl die Schulden des Vorjahres als auch der Antrag auf eine Erhöhung der Sockelfinanzierung und auf Mehrjahresverträge der Subvention werden nicht verhandelt, stellen für das Frauenhaus aber ihr Ziel dar. Dieses dürfte Sozialreferent LHStv. Hannes Gschwentner (SP) und zukünftig Verantwortlicher für die Subventionen wahrgenommen haben. „Ich will eine längerfristige finanzielle Absicherung des Frauenhauses.“ Wie genau diese dann ausschauen soll, lässt er aber offen.
Warum Mehrjahresverträge so wichtig wären verdeutlicht Alexandra Weiss vom Frauenhausvorstand: „Eigentlich ist die momentane Situation für uns unökonomisch: jedes Jahr neu ansuchen, dann wird die beantragte Summe gekürzt, Nachtragansuchen von unserer Seite bei Stadt und Land, dann verhandeln ...“ Und das alles neben der eigentlichen Arbeit mit miss-handelten Frauen und Kindern. Scheint da eine öffentliche Trägerschaft nicht doch eine Lösung zu sein? Aus mehrerlei Gründen wird das vom Frauenhaus selbst und seinen UnterstützerInnen vehement abgelehnt. Denn, in den 1970er und 1980er Jahren wurden, als Folge der Kritik an der männlichen Sozialstaatsbürokratie, welche die Bedürfnisse von Frauen meist ignorierte, autonome Fraueneinrichtungen, unter anderem die Frauenhäuser, gegründet. Diese können unabhängig von parteipolitischen Interessen aber im Interesse und nach den Bedürfnissen der Frauen Schutz und Hilfe anbieten. Würde eine Einrichtung wie das Frauenhaus eine Landes- oder Bundeseinrichtung, so hätten die Mitarbeiterinnen die Pflicht beim Vorliegen eines Gewaltkonfliktes sofort Anzeige zu erstatten. Aber: „Das geht an den Bedürfnissen der Frauen oft vorbei und ist nicht unbedingt eine Vorgehensweise in ihrem Sinn. Auch die Anonymität ist wichtig und wäre nicht mehr gegeben“ meint Alexandra Weiss.

Ein Glückskeks. Überhaupt macht es den Anschein, dass die betroffenen Frauen und Kinder im Frauenhaus, so wie die Mitarbeiterinnen bei der ganzen Debatte um die Finanzierung ein wenig aus dem Blickwinkel geraten. Die ohnehin schwere Situation in einem Haus, das seit Jahren ausgelastet ist und mittlerweile eine Warteliste besitzt, dürfte an die Grenze des Erträglichen gehen. Doch die Mitarbeiterinnen bemühen sich die Situation so gut es geht vom öffentlichen Trubel und den Existenzbedrohungen unbeeinflusst zu lassen, um die Hilfesuchenden nicht zusätzlich zu belasten. Das scheint auch zu gelingen, denn eine Mitarbeiterin meint: „Ab und zu fragt eine, aber sie haben genug Vertrauen, dass wir das schon machen. Eher rufen Frauen an, die früher mal bei uns waren und erkundigen sich.“ Das Stimmungsbild unter den Mitarbeiterinnen schwankt zwischen deprimiert und hoffnungsvoll hin und her. Sie beginnen einerseits laut über Kündigungen nachzudenken, andererseits baut sie die große öffentliche Anteilnahme auf. „Wir haben auch total viel Rückenstärkung erfahren“ freut sich eine.
Die Frage die nun noch offen bleibt ist, ob die Politik – auch angesichts des nicht mehr kleinen öffentlichen Problembewusstseins von Gewalt an Frauen – weiterhin keine Handlungen folgen lässt.