Schutz vor Prügelknaben!
von Burgi Pirolt

1, 2, 3, 4! 1, 2, 3, 4! 1, 2, 3, 4! In letzter Zeit ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich Menschen zähle. Im Park, in der Bim, im Supermarkt, im Lesesaal. Ich zähle Frauen, um genau zu sein. Jede vierte Frau in Österreich wird im Laufe ihres Lebens einmal miss-handelt, weltweit ist es jede Dritte. Ich frage mich, ob die Frau Minister geschlagen wird, deren Konterfei gerade über den Bildschirm flimmert, oder die schwangere junge Frau von Nebenan.

  Manchmal brauche ich mir diese Frage allerdings nicht mehr zu stellen. Im ersten Bezirk sah ich neulich eine nobel und teuer gekleidete Frau mit riesigen Designersonnenbrillen unter deren Rand man noch die Spuren eines schon ins violett bis schwarze gehenden blauen Flecks zu sehen waren, der sich trotz offensichtlicher Bemühungen nicht überschminken ließ. Diesen Sommer sah ich auch noch eine junge Frau mit Kind im Supermarkt mit lauter kleinen blauen Flecken an der rechten Seite ihres Gesichtes von der Stirn bis zum Kinn. Und dann war da noch die Frau vom Kiosk am Westbahnhof. Sie hatte dicke, dunkle Würgemale am ganzen Hals. Würgemale, dass muss man sich mal vorstellen!
Laut einer vom Europarat zitierten Studie ist häusliche Gewalt die Hauptursache für Gesundheitsschädigung oder gar Tod bei Frauen zwischen 16 und 44, noch vor Verkehrsunfällen oder Krebs. Die EU lässt sich die Kampagnen gegen das Rauchen einiges kosten und die Initiativen unserer – um das Wohlergehen ihrer BürgerInnen stets besorgten – Regierung, für mehr Sicherheit im Straßenverkehr gehen so weit, Licht am Tag per Gesetz zu verordnen. Wäre es da nicht angebracht sich mit mindestens ebenso großem Engagement gegen Gewalt an Frauen einzusetzen? Als sich unsere Gesetzgeber endlich dazu durchringen konnten, ein Anti-Stalking-Gesetz zu beschließen, war ich persönlich doch einigermaßen überrascht. Ich dachte doch tatsächlich, es wäre schon längst verboten, andere Menschen zu verfolgen und Psychoterror auszusetzen. Wie naiv von mir!
Ich frage mich manchmal wie sich die Regierungen wohl verhalten würden, wenn die Opfer hauptsächlich Männer zwischen 16 und 44 wären. Der wirtschaftliche Schaden wäre dann vermutlich schon allein durch den Ausfall an Erwerbsarbeit (Männer verdienen ja bekanntlich immer noch mehr als Frauen) größer und erfahrungsgemäß bewegt sich in unserem Land nur etwas, wenn entweder der wirtschaftliche Schaden und/oder der Imageschaden beim Wähler zu groß ist/sind, um das Problem weiterhin zu ignorieren.
78 Millionen Euro Schaden werden von prügelnden Männern jährlich verursacht, heißt es in einer jüngst von Justiz- und Sozialministerium veröffentlichten Kostenanalyse, wobei es sich hier lediglich um eine Mindestsumme handelt. Es ist ohnehin mehr als traurig, wenn erst finanzielle Gründe die verantwortlichen Stellen dazu veranlassen, sich einem Problem mit der angebrachten Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Die vorhandenen Einrichtungen und Maßnahmen, die Opfer zu schützen und zu unterstützen, reichen bei weitem nicht aus. Immer mehr Frauen haben den Mut sich gegen ihre prügelnden Männer zur Wehr zu setzen und wenden sich an Frauenberatungsstellen und Hilfseinrichtungen. Allein die Zahl der Anträge auf Einstweilige Verfügung hat sich in den Jahren von 2000 auf 2005 verdoppelt. Einstweilige Verfügungen oder Betretungsverbote sollten jedoch nicht nur ausgesprochen werden, wenn bereits „genug” gewalttätige Handlungen an den Betroffenen verübt wurden, um diese Maßnahme zu „rechtfertigen”, sondern sobald auch nur der geringste Verdacht besteht, dass es zu gewalttätigen Über- griffen kommen könnte. Ein falsches Urteil können RichterInnen wieder aufheben, doch sie können keine Frau von den Toten erwecken. Misshandelte Frauen brauchen die Unterstützung der Justiz und der Gesellschaft und sie müssen sich in ihrer prekären Lage auf die Hilfe der Frauenschutzeinrichtungen verlassen können. Zur Zeit steigen die den Opferschutz- und Beratungseinrichtungen zur Verfügung gestellten Geldmittel nicht in dem selben Maße wie der Bedarf, was zu dem beschämenden Resultat führt, dass Hilfseinrichtungen vollkommen überlastet sind und sogar Opfer abweisen müssen. Was das für die Betroffenen bedeutet, kann man sich denken! Österreich gehört zu den reichsten Staaten der Welt. Ich finde wir können uns solche Missstände nicht leisten!
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass ein Staat, der es nicht einmal schafft seine Bürgerinnen vor deren (Ehe)Männern zu schützen, sich keine Abfangjäger zuzulegen braucht.