
"Auf Flößen arbeiten"Stella Rollig ist ab erstem Mai die Leiterin des wunderschönen Lentos Kunstmuseum Linz. Eine Feministin als Museumsdirektorin klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Doch die ehemalige Bundeskuratorin und Gründerin des Wiener Depots hat Großes vor. Ein Interview von Kerstin Kellermann
an.schläge:War es bis jetzt nicht ein Widerspruch, Feministin und Museumsdirektorin zu sein?
Stella Rollig: Diese Verbindung ist sicher etwas Neues für Österreich. Ich fand es immer kontraproduktiv, wenn Frauen in hohen, sogenannten Führungspositionen betonen, eigentlich keine Feministin zu sein. Da halte ich es eher mit Pipilotti Rist, die sagt, dass sie nicht versteht, wie eine Frau eine denkende Frau und Nicht-Feministin sein kann. Ich halte Deklarationen grundsätzlich für politisch notwendig. Doch der Widerspruch wird mir deswegen schon bewusst, weil es Arbeitsbereiche gibt, die sich mit dem Status eines Museums ändern, in denen mehr Repräsentation gefordert wird und bekannte Namen. Konventionellerweise bedeutet eine Einzelausstellung in einem Museum, dass es schon eine Werk- und Ausstellungsgeschichte gibt und das Museum dann noch einen weiteren Schritt der Anerkennung darstellt. Und da merke ich sofort, dass es weniger Künstlerinnen als Künstler gibt, die einen solchen Status haben. Im Theoriebereich ist dieser Mangel noch viel eklatanter. Vielleicht ist dieser Umstand auch gar nicht so verwunderlich, wenn man Kunst im allgemeinen Bewusstsein noch immer mit Ästhetik und Formfindung verbindet, die Theorie aber mit dem Intellekt und dem Etwas- zu-sagen-Haben und Das-auch-sagen- Dürfen. Dann wird Frauen viel weniger zugestanden. Bei der konzentrierten Recherche für Veranstaltungsreihen - für eine Reihe zum Museumsbegriff z.B. - da merke ich, dass in diesem Zusammenhang auf einmal viel weniger Frauen in der Öffentlichkeit präsent sind. Auch trans- und international.
Wie sehen Ihr Konzept und Ihre Schwerpunkte für das Lentos aus?
Das Museum muss immer mehrere Aufgaben erfüllen, mehrere Linien im Programm verfolgen. Auf der einen Seite gibt es die wissenschaftliche Arbeit, die Arbeit mit der Sammlung, die Kooperation mit anderen Museen und dann gibt es den in der Öffentlichkeit viel stärker wahrgenommenen, weil sichtbaren Teil der Ausstellungen. Das Konzept, mit dem ich mich beworben habe, sah vor, dass die Sammlung unter verschiedenen Gesichtspunkten immer wieder neu präsentiert wird und die Wechselausstellungen auf zeitgenössische Kunst fixiert sind. Im Grunde interessiert mich Kunst und auch die Beschäftigung mit Kunst, wenn sie mit der Auseinandersetzung mit politischer und sozialer Realität verknüpft ist. Kunst als Mittel, um die Welt zu verstehen, Stellung zu beziehen, um soziale, politische und ökonomische Bedingungen zu analysieren, aber auch individuelle Befindlichkeiten in diesem Zusammenhang. Mit einer rein eskapistischen Kunst, die nur ein schönes, ausgepolstertes Refugium vor der Unbill der Welt zur Verfügung stellt, kann ich wenig anfangen. Der Blick auf die Sammlung sollte auch unter solchen kritischen, politischen Gesichtspunkten erfolgen.
Wie ist die Sammlung aufgebaut?
Die Sammlung erstreckt sich vor allem über das 20. Jahrhundert und ist sehr stark auf Malerei, Skulptur, Grafik aufgebaut und hat eine schöne Fotosammlung mit mehr als 700 Werken. Etwas im Hintertreffen ist die mediengestützte Kunst und inhaltlich auch die konzeptuell orientierte Kunst. Diese Gemälde und Skulpturen könnte man jetzt so fokussieren, dass man auch die Produktions- und Entstehungsbedingungen der Werke mit einbezieht. Die Lebensbedingungen der KünstlerInnen sollen nicht draußen vor der spiegelnden Fassade des Lentos bleiben. Oder man könnte eine historische Situation als verbindendes Element nehmen. Konkret sind für die ersten Wechselausstellungen Darren Almond sowie Gustav Deutsch und Hanna Schimek geplant, im Herbst dann Einzelausstellungen mit Uli Aigner und Monika Oechsler. Die Sammlungspräsentation im Herbst mit neuem Fokus wird eine reine Frauenausstellung werden, es werden allein Arbeiten von Künstlerinnen aus der Sammlung präsentiert. Das soll eine Selbstreflexion des Hauses sein. Kuratiert wird sie von den beiden Kunsthistorikerinnen hier im Haus, Dr. Nowak-Thaller und Dr. Gillmayr. Dies ist auch eine Reaktion auf die Eröffnungsausstellung des Hauses vor einem Jahr, die unter dem Titel "Avantgarde und Tradition" die Highlights der Sammlung zeigen sollte und die vor allem hier vor Ort sehr kritisiert wurde, dafür, dass sie fast nur männliche Künstler gezeigt hat.
Als Reaktion sagen wir, es ist ja nicht so, es gibt ja auch Künstlerinnen in der Sammlung. Mir ist sehr wichtig, dass man auch inhaltlich vermittelnd mit den Arbeiten der Künstlerinnen umgeht. Dieser Bestand wird genauso seriös behandelt und bearbeitet wie bei anderen Themenausstellungen. Die erste themenorientierte Gruppenausstellung kommt dann im nächsten Febru- ar mit dem Arbeitstitel "Culture Jamming". Dieses Phänomen wurde eigentlich in subversiven, politischen Zusammenhängen entwickelt, um gegen die Macht der großen Konzerne vorzugehen, wie man es z.B. bei Naomi Klein in "No Logo" nachlesen kann. Es geht nicht nur darum, keine Marken zu akzeptieren, sondern alles, was mit diesen Marken transportiert werden soll, zu untergraben, zu verändern, sich anzueignen. Verschiedene Formen aus der Konsumkultur zu mixen mit den Formaten, Inhalten, Formen aus der Hochkultur, der Popkultur - zum Zwecke, zumindest idealistischerweise so gedacht, des Erkenntnisgewinnes und der Nicht-Akzeptanz von vorgegebenen Inhalten und Verhaltensformen.Was halten Sie für das stärkste künstlerische Ausdrucksmittel des Feminismus in der jetzigen Zeit?
Wenn man sich anschaut, wie feministische Inhalte heute bevorzugt transportiert werden, so gibt es ein Performance-Revival. Video ist sehr stark und wird auch eingesetzt, um Performances zu dokumentieren oder als Medium, das theatrale Formen transportieren kann und reproduzierbar macht. Fotografie bietet sich an, weil sich mit diesem Medium Klischee-Bilder gut konterkarieren lassen. Wenn man stereotype Bilder von Frauen unterlaufen will, dann funktioniert das recht gut, wenn man im selben Medium arbeitet, um etwas zu subvertieren, zu verdrehen, zu twisten. In allen genannten Medien sehe ich sehr stark die Methode des Rollenspiels, bestimmte Rollen mit der Methode des Übertreibens und Bloßstellens auszuagieren. In den letzten Jahren sehr stark - wobei ich mir nicht sicher bin, ob man diesen Trend so einfach als feministisch bezeichnen kann - war der Trend, junge Mädchen als Protagonistinnen künstlerischer Arbeit einzusetzen. Insbesondere gab es eine ganze Fotografie-Bewegung, in der junge Mädchen die Hauptpersonen waren, und auch im Independent-Film sah man plötzlich sehr viele Unter-Zwanzig-Jährige, z.B. in "Rosetta", in vielen französischen Filmen, aber auch bei Österreicherinnen wie Barbara Albert oder Jessica Hausner. Als theoretischer Ansatz erscheint es mir interessant, einen feministischen Diskurs nicht so sehr an das Geschlecht zu koppeln, sondern an eine Haltung, die vielleicht aus einem minoritären und ungehorsamen Standpunkt kommt. Einem prekären Standpunkt, bei dem man sich eigentlich auf nichts verlassen kann. Man besitzt keine Insignien der Macht, keinen Vorrang, wie es allein das männliche Geschlecht schon bedeutet. Man muss andere Methoden der Selbstbehauptung finden. Diese Inhalte kann man in eine künstlerische Haltung übertragen. Es sollten keine vorgegebenen Formen und Formate akzeptiert werden. Man kann auch einen feministischen Standpunkt definieren, indem man die Form "Ausstellung" aufbricht und verschiedene Formen und Prozesse mixt - zeitgebundene Interventionen mit mehr materialorientierten Installationen z.B. die Erarbeitung des Projektes kann auch auf einer anderen Aufteilung beruhen, nicht auf der konventionellen zwischen Kuratorin, Wissenschafterin und Künstlerin stehen zu bleiben, sondern den Prozess so zu begreifen, dass man mehr auf Flößen arbeitet, die immer wieder neu aneinander gekoppelt werden - dass man experimenteller ist, weniger autoritätsgläubig. Das sind im Grunde für mich alles dem Feminismus verwandte Ansätze.
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