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Die weltweite Umstrukturierung der Arbeitsverhältnisse ist ein wesentlicher Mechanismus der neoliberalen Globalisierung. Sie führte zu einer Informations- beziehungsweise Dienstleistungsökonomie, in der das Produzieren von Affekten und das Arbeiten mit Information in den Fokus der gesellschaftlichen Produktion gerückt ist. Immaterielle Arbeit – also Informationsarbeit, affektive, kommunikative und Kulturarbeit – nimmt nunmehr eine dominante Rolle in der globalen Ökonomie ein. „I am, She is, We are, – Working On Fire“ ist Recherche und Reflexion über unsere eigenen prekären Arbeitsverhältnisse, über den Balanceakt zwischen Kunstmachen und kurzfristigen Geldjobs.
Wir beobachten uns selbst beim Selbstausbeuten und sehen, während wir dieses Missverhältnis von Arbeitsaufwand und Kapitalertrag als selbstverständlich hinnehmen, in uns die glamourösen Vorbilder der ultraflexiblen ArbeiterInnen der neoliberalen Informationsökonomie.
Es ist die totale Identifikation mit der Arbeit, die das Individuum zum unternehmerischen Subjekt und damit zum Ideal postmoderner Ökonomien macht. Das Projekt ist ein Versuch, unsere Situation in einem globalen Kontext zu betrachten und eine sorgfältige Kommunikation über die Probleme dieser Arbeitsverhältnisse – nicht nur im Bereich der Kulturarbeit und nicht nur im engeren Freundeskreis – aufzubauen. Im Feld der unsicheren Beschäftigungen wollen wir Erfahrungen teilen und neue Strategien entwickeln, die über die für uns ungeeignete Möglichkeit des Streiks hinausgehen. Unser Vorhaben basiert auf der Annahme, es gäbe Parallelen und Ähnlichkeiten in den Arbeits- und Lebensumständen von prekär Beschäftigten in den Städten dieser Welt. Da wäre diese Multitude der prekären und unsicheren ArbeiterInnen, für die die globale Stadt das ist, was für die ArbeiterInnenklasse die Fabrik war, wie es Toni Negri formuliert hat.(2) Wir erkennen uns nicht in den antiquierten Forderungen der großen Gewerkschaften wieder, die noch immer mit einem sozialdemokratischen – oder was auch immer – Modell der Vollbeschäftigung operieren, das wenig bis gar nichts mit den gegenwärtigen Arbeitserfahrungen in der Sphäre der flexiblen Beschäftigung zu tun hat.
Die durch die Industrialisierung entstandene Idee der Arbeit, von fixen Zeit- und Raumbegriffen definiert, legte genauso klare Widerstandspraktiken bereit: An einem bestimmten Arbeitsplatz wurde in einem bestimmten Zeitraum Arbeit geleistet – oder verweigert. Wir sehen uns aber in einer körperlosen Fabrik, wie sie in „Die Stadt als Beute“ von René Pollesch(3) verhandelt wird; in einem verflüssigten Unternehmen, das wie Gas ist, überall um und in uns.
Im Sommer 2004 unterhielten wir uns oft über unsere Zukunft; darüber, was sein würde nach dem Abschluss der Kunstuniversität, wenn unsere Stipendien ausgelaufen sind; darüber, wie wir Geld zum Leben verdienen würden. Ob wir uns vorstellen könnten, weiterhin in temporären Jobs im Kulturbereich zu arbeiten? Zu professionellen Freelancerinnen werden? Ohne Lebensversicherung und Gesundheitsvorsorge, ohne stabiles Einkommen? Die Ängste einer Medienkunststudentin in ihrem letzten Semester.
Als erste Reaktion darauf begannen wir, Theorien über die Transformationen in der Arbeitswelt während der letzen Jahrzehnte und deren Einfluss auf den Alltag zu lesen.
Im Oktober 2004 verlagerten wir unsere immateriellen Tätigkeiten für ein halbes Jahr nach Bangkok, mit der Idee gegenwärtige Arbeitsverhältnisse von Frauen zu recherchieren. Wir wählten die „Global City“ Bangkok als einen Ort, an dem sich Globalisierung verortet, wo die Hauptquartiere multinationaler Kapitalgesellschaften in der Sonne glitzern, wo sich ein strategischer Knoten der globalen Ökonomie formiert. Ihr Fundament bilden tausende unsichtbare und ungesicherte ArbeiterInnen: Informelle ArbeiterInnen oder Flex Workers, Intermittents oder NetzarbeiterInnen, Chain Workers, Freelancers, kognitive ArbeiterInnen, GelegenheitsarbeiterInnen und temporäre ArbeiterInnen, Hausfrauen und TelearbeiterInnen.
„Working on Fire“ handelt von den Bedeutungsverschiebungen der Begriffe Frauenarbeit, Arbeitsplatz, Arbeitszeit und Arbeitsraum während des letzten Jahrzehnts, und auch davon, wie wir mit diesem transformierten Arbeitskontext, dem wir ununterbrochen und niemals begegnen, umgehen.
In den sechs Monaten unseres Aufenthalts sprachen wir mit dreizehn Frauen aus unterschiedlichen sozialen Umgebungen, um ihre und unsere Arbeitssituation zu diskutieren und um herauszufinden, wie wir dieses omnipräsente Etwas, das als Prekarität beschrieben wird, erfahren.
Wir wollten von dem Wissen um die kleinen und großen Kämpfe, die sich aus ihren Arbeits- und Lebensverhältnissen ergeben, erfahren und diese dokumentieren.
Wir fragten nach den spezifischen Orten von prekärer Arbeit, nach den verschwommenen Grenzen von privatem Raum und Arbeitsplatz, nach den sozialen Beziehungen der Arbeiterinnen, sprachen über unsere Vorstellungen und Wünsche für die Zukunft, auch um der neoliberalen Fragmentierung und Entfremdung, die den Prozess der Prekarisierung unterstützt, zu entkommen.
Zusätzlich und als Kontrast zur klassischen Form des Interviews haben wir uns der Methode des Fieldrecordings, einer ganz anderen Aufzeichnungsform bedient, um einen Zustand, ein Verhältnis, eine Situation zu fassen. Ein Fieldrecording ist die wahrscheinlich unmittelbarste Form der Abbildung von sozialen Realitäten und (Arbeits-)Situationen. Ein gutes Mikrophon bildet das ab, was ich hören kann, und noch mehr. Ein Foto, ein Video ist immer nur ein minimaler Ausschnitt dessen, was ich gesehen habe. Ein Ausschnitt, der von einer ganzen Menge bewusster und unbewusster Entscheidungen bestimmt wird, die die Abbildung letztendlich konstruieren.
Die Probleme einer Freelancerin in Bangkok sind uns nicht unbekannt. Das fängt schon an, wenn wir versuchen, unseren Eltern zu erklären, dass das, was wir (und wie wir uns) den ganzen Tag „aufführen“, unser Job ist, dass wir nicht arbeitslos sind, sondern dass wir vielmehr ohne Unterbrechung arbeiten – ob das bei einem Treffen mit FreundInnen ist oder wenn in der U-Bahn das Telefon klingelt, ob wir ins Kino gehen oder vor dem Einschlafen einen Text lesen. Oft passiert es dann, dass wir genau dieses Wissen und diese Fähigkeiten im nächsten temporären Job an die Creative Industries liefern, während wir sie parallel dazu in die nächsten Förderungsanträge einfließen lassen.
Wir sprachen mit einer Modedesignerin und einer Textilarbeiterin, mit einer Universitätsprofessorin und einer Putzfrau, mit einer Fischverkäuferin, einer Grafikdesignerin und mit drei burmesischen Mädchen, die in privaten Bangkoker Haushalten als Maids und Babysitterinnen arbeiten und dabei tagtäglich ähnliche Repressionen erfahren wie ihre Schwestern aus Nicht-EU-Staaten in Wien. In den Interviews wurde deutlich, dass die Bewohnerinnen einer „Global City“ wie Bangkok mehr Gemeinsamkeiten mit Bewohnerinnen anderer Metropolen wie Sao Paulo, London oder auch Wien haben als mit der ländlichen Bevölkerung im eigenen Land.
Im April 2005, wieder in Wien, haben wir begonnen an einer räumlichen Übersetzung des gesammelten Materials zu arbeiten. Da es uns wichtig war, das Verhältnis von (prekärer) Arbeit zu den spezifischen Orten, in denen diese stattfindet, darzustellen, haben wir schließlich Miniaturen der Arbeits- und Wohnräume von allen 13 Frauen, so wie diese sie in den Interviews beschrieben haben, aus Karton im Maßstab 1:25 nachgebaut: ein Fragment der Global City aus 31 beschallten Zimmern, in denen die Bewohnerinnen ihre Geschichte erzählen.
Werden Modelle im Ausstellungs- und Museums-Kontext dazu verwendet, historische Ereignisse, Schauplätze und Szenen nachzustellen, „Geschichte“ zu veranschaulichen, aber vor allem: zu schreiben, sehen wir unsere Installation als Selbsthistorisierung von so genanntem „unterworfenen“ Wissen.(4)
Dank an Eva Egermann, Christina
Linortner, Clemens Stachel und
Philipp Haupt
Project website:
(1)
(2) Negri, Toni: The Multitude and the Metropolis. 2003.
(3) Pollesch, Rene: Die Stadt als Beute. Alexander Verlag Berlin: Wohnfront 2001-2002.
(4) Michel Foucault versteht unter unterworfenem Wissen zum ersten „Blöcke historischer Wissen, die im
Innern funktionaler und systematischer Ensembles vorhanden und zugleich verborgen waren", zum zweiten aber auch so genannte disqualifizierte Wissen, „naive, am unteren
Ende der Hierarchie angesiedelte
Wissen, Wissen unterhalb des
verlangten Kenntnisstandes und des erforderlichen Wissenschaftsniveaus." (Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft. Suhrkamp 2001.)
Esther Straganz (1979) und Elke Auer (1980) beschäftigen sich mit Kunst, Politik und Aktivismus, untersuchen Gender Performances sowie prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse und Formen von Organisation.
In Zusammenarbeit mit Eva
Jantschitsch produzieren sie im Selbstverlag das Grrrlzine Cuntstunt.
Gemeinsam mit Eva Egermann ist eine Weiterführung des Projekts „I Am, She Is, We Are – Working On Fire“ in Form eines informellen Arbeiterinnenmuseums in Wien geplant.
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