Isst die Demokratie ihre Kinder?
Vorbemerkungen zu einer feministischen Tagung.
von Birge Krondorfer

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – waren und sind die offiziösen Devisen moderner Demokratien. Aber was bedeuten diese an sich ehrenwerten Maximen für Frauen, wenn nicht zufällig von „Brüderlichkeit“ die Sprache ist?

 

Politik, die noch Widersprüche zur Erscheinung bringen könnte, wird zur Systemfunktion und unterwirft sich dieser abstrakten „Konsensualität“. Demokratie ist zu einem leeren formalen additiven Pluralismus geronnen, dessen einziger Inhalt der ökonomische Mehr-Wert zu sein scheint. Diese Beschreibung betrifft Frauenpolitik und das feministisch Politische mehrfach dilemmatisch, denn in einer „halbierten Moderne“ hat/te Geschlechterdemokratie bestenfalls das Wort, aber nicht die Tat und war geschlechtsmetaphysisch immer schon infiltriert durch die Saga, dass „die Weiblichkeit der Feind im Inneren der Gesellschaft und mit Frauen kein Staat zu machen sei“ (Hegel).

„Der Fortschritt, den die Menschheit im 19. und 20. Jahrhundert gemacht hat, verdankt sich vor allem der Rolle der kritischen Öffentlichkeit und ihrem Einfluss auf die Politik.
Am Ende dieses Abschleifungsprozesses würde die Demokratie durch etwas ganz anderes ersetzt werden, nicht durch eine Militärdiktatur, auch nicht durch einen Orwellschen Totalitarismus, sondern durch einen aufgeklärten Absolutismus, der von einer Nomenklatura erzwungen würde.
Kommt es zur schlimmstmöglichen Wendung, dann müssten die Historiker den Menschen eines Tages erklären, warum das goldene Zeitalter im Westen lediglich zweihundert Jahre währte. Und die traurigsten Abschnitte ihrer Bücher würden davon handeln, wie die Bürger der Demokratien durch Feigheit selbst dazu beitrugen, die Katastrophe herbeizuführen.“ (vgl. Richard Rorty, in: Die Zeit Nr. 13, 2004)

Vor/herrschendes Weltbild. Aus aktueller Perspektive erscheint das historisch-politische Vorhaben der Organisation von Kollektivität durch den „demos kratos“ an Grenzen zu stoßen; aus feministischer Perspektive erschien Demokratie immer schon begrenzt zu sein, angefangen bei der geköpften Olympe de Gouges über den zähen Kampf um das Frauenwahlrecht bis zum Dauerbrenner der nichtäquivalenten Partizipation von Frauen in öffentlichen Institutionen. Die Erkenntnis der ersten Phase der zweiten Frauenbewegung, dass das Private öffentlich und das Persönliche politisch sei, hat jedoch jenseits von direkten und direktiven Ein- und Anspruchsmöglichkeiten von Frauen, den herkömmlichen Demokratiebegriff nachhaltig beeinflusst. Kein/e ernstzunehmende/r Theoretiker/in kann heute noch naiv und/oder arrogant von einem politischen Subjekt ausgehen, das bloß bürgerlich, maskulinisiert und von der Überlegenheit der weißen Rasse überzeugte Maßstäbe repräsentiert (nach Nancy Fraser, Die halbierte Gerechtigkeit). Die Praxis schaut freilich anders aus – und eine der zu reflektierenden Fragen ist, welche ir/rationalen Beweggründe nach wie vor/herrschen.
Im Allgemeinen scheint es evident zu sein, dass die Entwicklung der Moderne und der Aufklärung Hand in Hand mit der Entstehung demokratischer Staats- und Gesellschaftsformen ging; dass (hingegen) damit ein ganz bestimmtes Menschen- und Weltbild verbunden war und ist, zeigt sich durch Theorien der sogenannten Postmoderne und DenkerInnen des Postkolonialismus. (Sowie durch den Aufstand von Fundamentalisten aller couleur.) Dazu zwei prominente Referenzen: „In komplexen postindustriellen Gesellschaften entspricht dem Faschismus die Kolonialisierung der Lebenswelt durch den systemischen Druck ungezügelter globaler Märkte, wilder technologischer Auswüchse (...). Habermas sieht (...) nicht, wie einer solchen Kolonialisierung zu begegnen wäre, wenn Rationalität nicht im Einklang steht mit den Lehren der Aufklärung als dem universalgültigen politischen Werkzeug.“ (in: Philsophie in Zeiten des Terrors; hg. Giovanna Borradori, 2004, S. 107) „Für Derrida liegt das Ideal der Demokratie jenseits von Kosmopolitismus (...), außerhalb und jenseits von Ökonomie, Herrschaft, Politik und Gesetzgebung. (...) Denn Gerechtigkeit, wie auch Demokratie, ist nicht nur eine Frage unseres Verhaltens innerhalb des staatlichen Rahmens oder angesichts staatsbürgerlicher Verpflichtungen, sondern auch eine unseres Verhaltens gegenüber einem Fremden.“ (in: ebd., S. 211)

Demokratiekritik. Heute scheint Demokratie (selbst in diesem scheinrepräsentativen Versprechen und doch als in der Zivilisationsgeschichte einzigartigem Gebilde) in Gefahr zu sein, sich von Innen wie von Außen her aufzulösen. Kapitale Wirtschaft wird, ebenso wie die Beschwörung des bedrohlichen Anderen, zum Argument genommen, Würde, Recht und Autonomie zu unterminieren. Was bedeutet das für ein geschlechtskritisches Denken und Handeln? Einem Denken, das sich nicht in der `Scientific community’ und Gendertheoremen erschöpft? Einem Handeln, das sich von Neuem als etwas begreift, das die sobenannten Sachzwänge und ökonomiezentrierte Hegemonie unterläuft und diesseits, also auf dieser Welt, einen feministischen Ausgangspunkt für ein nicht-sich-konform-Verhalten sucht und auch finden will. Wie den subjektiven und singulären Fluchtbewegungen in die je eigene Identität vor der gewaltigen Öffentlichkeit etwas zu entgegnen sei, die nicht in pseudo-partizipativen Arrangements ihr Auslangen finden, ist eine von vielen Frag-würdigkeiten.
Vom 26. – 29. Oktober findet in
Wien dazu eine spannende politisch-feministische Tagung statt. (Veranstalterin: Frauenhetz – Feministische Bildung, Kultur und Politik). Erste Rückmeldungen zeigen, dass hier inhaltlich und organisatorisch ein Mangel aufgedeckt wird, indem er gefüllt werden will: es ist zum einen eine nach langer Zeit stattfindende österreichweite Großveranstaltung, die aus der Tradition der zweiten Frauenbewegung selbstorganisiert entstanden ist (die letzte Frauensommeruniversität – zum Beispiel – fand 1990 statt) und es steht zum zweiten ein Thema im Zentrum des Geschehens, das nicht nur uns etwas angeht, sondern hinsichtlich der Weltlage sehr brisant geworden ist: die Frage nach der politischen Organisationsform ‚Demokratie’ und das historisch wie aktuell prekäre Verhältnis von Frauen darin und dazu: Seit Olympe de Gouges’ Köpfung lässt sich fragen, wie die „kopflosen“ Frauen eigentlich an dieser für allgemein-gültig erklärten kollektiven Mitgestaltungspotentialität teilhaben und teilnehmen; denn wo kein Kopf, dort keine Sprache. Und wo keine Sprache, dort ist keine Artikulationsmöglichkeit jeweils zu aktualisieren, keine Präsenz und keine Repräsentation der Existenzbedingungen von Frauen und kein öffentlicher (als anerkannter) Raum für Veränderungswünsche – weder für das Notwendige und für Freiheit schon gar nicht.
Entlang der Planungsachsen Globalisierung/Staat – Nation/Zivilgesellschaft – Selbstorganisation/Partizipation sollen Themen wie Migration, Öffentlichkeit, Neoliberalismus, Subjekt, Pluralismus, Religion, Gendermainstreaming, Bildung, Stadtpolitik, Postkolonialismus, Ideologieexport von West-nach-Ost, Bedeutung der EU, Queerpolitics, Frauenpartei, Kontrollgesellschaft, Genderbudgeting, Rassismus, feministische Öffentlichkeit, Zivilisationskritik, Neue Technologien, Organisationsdynamik – und eben alles, was so an-steht, diskutierbar sein. Aus philosophischen, soziologischen, psychoanalytischen, historischen, kultur- und politikwissenschaftlichen und vor allem frauenpolitischen Perspektiven soll wild und gründlich gemeinsam nachgedacht, gesprochen und verhandelt werden.
Formen der Auseinandersetzung (mit Referentinnen auch aus England, Slowakei, Schweden, Deutschland, Schweiz) werden sein: Vorträge, Workshops, Plenas, Podium, Kabarett, Lesung, Riesenfest mit live-concerts, öffentliche Abschlusserklärung zur feministischen Demokratiekritik. Jede muss sich fragen, was es heißt, dass wir zerstörerische – nach Innen wie nach Außen – Demokratien wählen.