Der weggeschnittene Blick
Zuzana Brejcha studierte Drehbuch/Dramaturgie und Schnitt. Nun machte sie ihren ersten eigenen, ziemlich eigenwilligen Dokumentarfilm „Romane Apsa – Zigeunertränen“. Ein Interview von Kerstin Kellermann

 

an.schläge: In dem Buch „Das Leiden anderer betrachten“ stellt Susan Sonntag als Kriegsfotografin die Frage, auf welche Weise man die Schmerzen von anderen Menschen fotografieren kann, und sie kommt zu dem Schluss, dass man diese Fotos so machen sollte, dass der Zuschauer und die Zuschauerin handlungsfähig bleiben. Der Knackpunkt für sie ist, dass man nach den Fotos nicht völlig verzweifelt über das Elend zurück bleibt. Viele Leute denken über das Thema „Roma“, das ist unlösbar, da kann man nichts machen, ein Abgrund, so viel Elend... Was war dein Ansatz, dieses Thema umzusetzen?

Zuzana Brejcha: Ich wollte ursprünglich nur das Konzept machen. Der Regisseur ist mir aber unterwegs abhanden gekommen, weil er schon aufgrund der Sprache keinen Zugang hatte. Es gab dann eine Pause beim Übersetzen und die Intimität ging verloren. Ich wollte keinen üblichen Dokumentarfilm machen – hier spricht ein Lokalpolitiker, dort ein Roma-Beauftragter und dann vielleicht noch ein paar Betroffene –, sondern ich wollte wirklich den Leuten Raum geben, damit sie das Bild ihres Lebens selbst vermitteln können. Ich verbot dem Kameramann streng, mich jemals ins Bild zu bringen, was manchmal ein bisschen gezwungen ist, weil die Leute mich immer direkt ansprechen. Man hätte mich vielleicht doch über die Schulter filmen sollen. Aber ich wollte damals nicht im Film vorkommen, weil mir das peinlich ist.
Ich habe auch darauf geachtet, dass ich niemanden zu etwas zwinge. Manchmal habe ich dann aber natürlich trotzdem Anstöße gegeben. So haben sie beispielsweise lange über die Taufe eines Kindes gesprochen, bis ich gefragt habe, wann es denn gemacht wird und dann haben sie sofort den Pfarrer gesucht. Sonst hätten sie vielleicht noch ein Jahr darüber gesprochen.
Sie wollten nicht im Elend und als Randerscheinung auftauchen, sondern dass man sieht, wie sie lustige Feste feiern. Es war mir ganz wichtig, zu zeigen, dass das Leben ein Auf und Ab ist und dass diese Leute sehr im Augenblick leben und nur wenig planen. Das Leben, wie es so fließt, in der Zeit als wir dort waren, festzuhalten.

Wie war dein Konzept bei der Auswahl des Materials?

Wir hatten 120 Stunden Material. Das, was geplant war, nämlich vier Jahreszeiten und jeweils Fokus auf eine Frau in der Familie, habe ich zwar durchgehalten, es hat sich aber dann durch die Umstände ein Mann, Cyril, als eine der Hauptfiguren herein geschlichen, weil es beim Herbstdreh zu einer Verhaftung kam. Er musste dann einfach zu einer wichtigen Figur werden und ich habe das Material unter diesem Gesichtspunkt neu bewertet. Während Cyril in Untersuchungshaft saß, versuchte ich, die Familie aufrechtzuerhalten und sagte ihnen immer wieder, sie sollten sich nicht zu Zahlungen erpressen lassen.

War der Film als Frauenfilm konzipiert?

Ich habe einen feministischen Ansatz und von den bestehenden Roma-Filmen her den Eindruck, dass man immer über Männer dreht, die Frauen sind Beiwerk. Sie sind hübsch und haben bunte Röcke und tanzen und vielleicht verliebt sich auch ein Mann in sie, aber eigentlich geht man auf ihr Leben nicht wirklich ein. Ihr Leben mit realen Männern, die einem geregelten Familienleben eher im Wege stehen. Diese Filme regen mich irrsinnig auf. Ich wollte es anders machen und mich auf Frauen konzentrieren und weil ich diese Familie kannte, wo es diese tollen, schönen, starken Frauen gibt und die ganze Familie eigentlich ein Matriarchat ist, in der die Frauen die Männer dominieren. Ich habe das Konzept durchgehalten, dass in jeder Jahreszeitgeschichte eine Frau porträtiert wird. In der Wintergeschichte ist das die 14jährige Ingred. Ganz wichtig war mir, wie sie über die Reaktion der Mitschüler erzählt, auf unser Erscheinen und die Tatsache, dass wir bei ihnen wohnen. Niemand wollte ihr glauben, weil sie sich das nicht vorstellen können. Das war eine starke Aussage über den Rassismus in der Slowakei.

Wie hat deine Arbeit als Cutterin den Film beeinflusst?

Das Cutten ist wie das Drehbuchschreiben eine Zusammensetzung von Geschichten. Man muss eine Geschichte aus den vielen, vielen Bildern zusammen setzen. Nach verschiedenen Gesichtspunkten. Mein Anliegen war es, Geschichten zu erzählen und keine Statements abzugeben. Das Schneiden eines Dokumentarfilms ist viel schwieriger als das Schneiden eines Spielfilms, weil man sich bei letzterem nur an die Geschichte hält, vielleicht ein paar Szenen umstellt … Im Prinzip ist der Handlungsablauf gegeben. Bei einem Dokumentarfilm weiß man beim Drehen nie, was passieren wird. Die Sicht ändert sich. Geschichten über die jeweilige Frau, die jeweils ein rundes Bild abgeben sollten, müssen eine Fortsetzung finden. Das Schneiden ohne Regisseur und Assistentin war extrem schwierig, ich hatte keine Ansprechpartner. Auf der anderen Seite bedeutete das sehr viel Freiheit, denn was ich weggeschnitten habe, war meine Sache, und ich konnte in der technischen Schnittart viel radikaler sein, ohne Rücksicht auf Dinge wie: Jetzt muss er noch aus dem Bild gehen... oder, wenn der Regisseur sagt: „Den Blick darfst du nicht weg schneiden, dieser ganz wichtige, lange Blick…“ und ich denke mir, „oh Gott, das ist ja noch öder.“ Das alles lag in meiner Verantwortung.

Es gibt dann einen Punkt nach zwei Dritteln des Films, an dem du in das Geschehen eingreifst, was ja eher unüblich ist, oder?

Ich hätte auch ganz unehrlich sein können und das machen viele Filmemacher, dass sie, in welche Richtung auch immer, eingreifen, damit die Handlung so läuft, wie sie es geplant haben. Und sie verheimlichen das dem Zuschauer. Man kann wunderbar manipulieren im Film und die tun so, als ob sie nicht eingreifen würden. Jede Dreharbeit ist ein Eingriff. Wir haben dort gedreht und die anderen haben zugeschaut, wie wir über eine Familie drehen. Die Familie ist wichtig geworden. Dann gab es alle möglichen Vermutungen, wie viel Geld wir ihnen geben und wie reich sie werden. Ich habe schon als Kind, ein Problem damit gehabt, wenn ich mir Tierfilme anschaue, wo ein Tier z.B. verdurstet und dass man zuschaut und das Verdursten filmt. Für mich ist das unerträglich. Ich könnte das nicht. Entweder man filmt es nicht oder man greift ein, ist meine Einstellung. Als der Mann wegen falscher Anschuldigungen in U-Haft saß, entschied ich mich, dass ich eingreifen muss. Ich hatte auch das Gefühl, ich bin der Familie etwas schuldig, weil wir sicher Mitverursacher waren, dass das Ganze so ausgeartet ist. Ich dachte, ich werde ehrlich sein und sagen, ab jetzt versuche ich den Mann aus dem Gefängnis zu holen. Das wurde mir von anderen Filmemachern heftig vorgeworfen, was ich äußerst scheinheilig finde. Schon dass man dort hin kommt, mit Mikro und Kamera, ist ein Eingriff. Ich bin ein ehemaliger Flüchtling und nach Österreich gekommen, weil mein Vater beschlossen hat, dass wir uns dort nicht länger unterdrücken lassen. Ich bin bei der Gewerkschaft und im Kulturrat und ich habe das Gefühl, das man das, was man an Veränderungen bewirken kann, auch leisten soll. Und daher konnte ich aus meiner innersten Überzeugung heraus nicht zuschauen und die Dinge laufen lassen und filmen. In meinem ganzen Leben habe ich immer versucht, etwas zu verändern. Meine politische Überzeugung ist, dass man eingreifen soll.

Du selbst bist Tschechin und verstehst Romanes ..., wie kam es zu deinem Interesse an den Roma?

Ich war acht Jahre alt, als diese ganzen Programme in der Tschechoslowakei gestartet wurden, die Eingliederung bzw. Vertreibung der Roma, die man zum Teil in das verlassene Sudetenland verpflanzte, zum Teil in Gebiete, in denen Arbeitskräfte in den Bergwerken benötigt wurden. In meiner Schulklasse sind dann zwei Romamädchen aufgetaucht. Die Mädchen sind mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern irgendwann wieder verschwunden. Ich nehme an, man hat sie wieder umgesiedelt und sie kamen sicher in die Sonderschule, weil sie kein Slowakisch konnten. Später waren die Zeitungen voll davon, dass Skins Roma umgebracht haben, als nach der Wende plötzlich die große Freiheit ausbrach. Ich erfuhr durch Recherchen von den Roma-Siedlungen und fuhr hin, denn ich wollte mehr wissen und verstehen.