Severe Butt Cramp
Frauenfeindlichkeit im Hip Hop ist der schärfste Ausdruck einer allgemeinen Tendenz: des Ausverkaufs von Frauen in der kapitalistischen Unterhaltungskultur. Von Katharina Nagele

 

Der Sexismus der R&B- und HipHop-Videos erreicht immer neue Höhepunkte. In Medien und diversen Internet-Foren macht sich Empörung breit, wiewohl die Verkaufszahlen von Gangsta-Rap stetig steigen und kein Ende des Booms abzusehen ist. Gut gemeinte Appelle erreichen weder die KünstlerInnen noch das Publikum wirklich. Kritik aus den eigenen Reihen kommt oft musikalisch sentimental, naiv und spießig rüber, beispielsweise wenn sich Missy Elliott fragt: „Where were the days, when Hip Hop was so much more?“ Aber auch künstlerisch Gelungeneres wie etwa das Video von „The Roots“ zu „What they do“, inszeniert wie eine Anleitung zur Herstellung von HipHop-Videos, in der etwa eine Tänzerin bei der obligatorischen Pool-Party einen „severe butt cramp“ bekommt und, sich den schmerzenden Hintern haltend, hinsetzen muss, ist von beschränkter Wirkung. Und auch wenn Ms Dynamite in ihrem Song „It takes more” singt: „So who gives a fuck about the things you own? Certainly not me”, repräsentiert sie damit nicht den Mainstream.
Pornoeske Konvention? In Hip Hop Fan-Foren wird Sexismus als Frage des persönlichen Geschmacks abgehandelt. Wem sexistische Texte nicht gefallen, die oder der muss sich das ja nicht anhören. Oft wird eine auch aufgefordert, nicht so zimperlich zu sein. So schreibt etwa „K-Way“ im Forum von www.hiphop.at: Die Hippiezeit ist vorbei ihr Blumenkinder, es gibt außerdem eh kaum Rapper die sich zu diesen Ausdrücken nicht herablassen …“ Diejenigen, die die sexistischen Künstler ablehnen, definieren sich damit häufig selbst als eine Art Elite. Die geringe Attraktivität politisch bewusster KünstlerInnen für den Massenmarkt erklärt „flip-o-mat“ im selben Forum so: „…weils die massen, die stupiden massen, die künstler gross machen, einfach ned interessiert. die wollen nicht belehrt werden und wollen anscheinend auch ned mitdenken!“
Ansonsten werden Hip Hop Artists hauptsächlich von JournalistInnen auf frauenfeindliche Texte angesprochen. Worauf diese in schöner Regelmäßigkeit auf die steigenden Verkaufszahlen hinweisen. Snoop Dogg schließlich drehte 2001 einen ganzen Porno „Snoop Dogg’s Doggystyle“. In einer Branche, in der ein Video, von dem 4.000 Stück verkauft werden, als Verkaufsschlager gilt, wurde „Doggystyle“ mehrere 100.000 mal verkauft. „Es war sehr lukrativ für Snoop und uns“, sagte Larry Flynt, Präsident von „Larry Flynt Publications“, in deren Eigentum sich die Vertriebsfirma von „Doggystyle” befindet. Hip Hop Fans sind ein attraktiver neuer Markt, an den die Porno-Industrie sonst nur schwer herankäme.
Die in New York ansässige Journalistin Ariel Levy macht in ihrem neuen Buch „Female Chauvinist Pigs“ auch darauf aufmerksam, dass die strenge Formelhaftigkeit von pornoesken Darstellungen Sicherheit vermittelt, weil sie eine Art Konvention darstellt, an die sich Männer, aber auch Frauen halten können. Die Unsicherheit, auf eine wirkliche Person eingehen zu müssen, mit individuellen und damit unberechenbaren Wünschen, konfrontiert zu werden, bleibt einem/r somit genauso erspart, wie die Unsicherheit der sexuellen Identitätssuche. „Female Chauvinist Pigs“ behandelt eine allgemeine Tendenz, die nicht nur auf „Black Music“ beschränkt ist: Porno ist chic, auch und gerade für Frauen, das Emblem des „Playboy“, das stilisierte Bunny, ist in Form von Gürtelschnallen, auf T-Shirts, Taschen und sonstigen Accessoires der Verkaufsschlager schlechthin. Levy selbst bemerkte den Trend zum ersten Mal, „als Freundinnen begannen in Strip Clubs zu gehen. Es ist sexy und lustig, erklärten sie – es war befreiend und rebellisch.“

Black „Freakiness“. Irritierend ist, dass nicht alle Frauen gleichermaßen davon betroffen sind, als „bitches“ bezeichnet und in Videos als solche dargestellt zu werden. Weiße Frauen kommen in den Videos nur in Ausnahmefällen vor. Es sind hauptsächlich schwarze Frauen, die herabwürdigend dargestellt werden.
Der Rassismus wird noch deutlicher, wird in Betracht gezogen, dass die KonsumentInnen von Hip Hop hauptsächlich weiße Mittelklasse-Jugendliche sind. Vor allem in den USA, in dem ein höchst heuchlerischer Umgang mit Sexualität gepflegt wird, gibt dies zu denken. Ariel Levy berichtet etwa in einem Interview im englischen „Socialist Review“, dass 2005 allen öffentlichen Schulen die Bundesförderung verweigert wurde, wenn sie Sexualkundeunterricht angeboten hatten – ausgenommen die, die Enthaltsamkeit bis zur Ehe propagierten. Hip Hop & R’n’B erfüllt so dieselbe Funktion, wie schon die Minstrel-Shows in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts. Dabei stellten Weiße den naiven, trunkenen „Neger“ dar, der hinter der Maske eines Schwarzen alles sagen konnte, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Die schwarzen Gangsta sind für weiße Konsumenten weniger role models, wie sie das für schwarze Jugendliche sein mögen, sondern vielmehr Stellvertreter der eigenen, unterdrückten Sexualität. Dass es hauptsächlich schwarze Frauen sind, die zu Sexualobjekten gemacht werden, nimmt gerade männlichen, weißen Heranwachsenden, die Hemmungen vor den eigenen sexuellen Bedürfnissen. Denn im Gegensatz zur weißen Frau muss die schwarze Frau in der rassistischen Wahrnehmung weißer Männer durch Sexualisierung nicht erst degradiert werden. Dieser Blick reduziert sie ohnehin auf Sexualität.
In ihrem Essay „Doin the Butt“, benannt nach dem Song von Sir Mix-A-Lot, erklärt Sonja Eismann, wie die Sexualität der Körper schwarzer Frauen durch die Überbetonung sekundärer Geschlechtsmerkmale gesteigert wird. So geht es in Mix-A-Lot’s Nummer um den großen Hintern schwarzer Frauen. Oft als das vermeintlich gesündere Körperideal gesehen sind die als ausgeprägter als bei weißen Frauen wahrgenommenen Kurven schwarzer Frauen aber laut Eismann eher Zeichen einer „Freakiness“ schwarzer Sexualität. Sie sind „rassisches“ Merkmal, Zeichen übersteigerter Sexualität und somit Primitivität. Diese Zuschreibung von Primitivität diente während der Sklaverei oft der Rechtfertigung von Vergewaltigungen schwarzer Sklavinnen durch Weiße und die Popkultur kritisiert, wie die schwarze Feministin bell hooks meint, „nur selten die Bilder von schwarzer, weiblicher Sexualität, die Teil des Rassismus im Kulturapparat des neunzehnten Jahrhunderts waren und noch heute die Wahrnehmungen bestimmen.“ Auch das Bild des schwarzen Mannes als omnipotent passt dazu. Zweifelsohne leiden schwarze Männer unter dieser Zuschreibung, jedoch wird ihnen die Dominanz über schwarze Frauen zugestanden, quasi als Ausgleich zu der Demütigung der Zeit der Sklaverei, als die schwarze Frau die Sklavin des weißen Mannes war. Michele Wallace schildert diese vermeintliche Komplizität zynisch in ihrem Buch „Black Macho & the Myth of the Superwoman“: „Wir haben uns mit dem weißen Herrn im Bett herumgewälzt, während dem schwarzen Mann der Penis abgeschnitten wurde.“
Folgerichtig beschreibt der ehemalige Zuhälter „Iceberg Slim“ in seinem autobiografischen Roman „Pimp“, dem wahrscheinlich meistgelesenen Buch eines afroamerikanischen Autors, seine Rolle als jene, den schwarzen Frauen beizubringen „…dass sie Gold zwischen ihren Beinen haben…“, das sie nicht wie früher gratis an die Weißen verschenken sollten.
Malcolm X, der berühmte Agitator der „Nation of Islam“ deklariert in seiner Autobiografie das Harlem der Zeit, in der er noch ein Leben als der Hustler „Detroit Red“ führte, als Vergnügungsviertel für Weiße, in dem sie sich von ihren Tabus befreit fühlten. Die Darstellung des schwarzen Ghettos ist deckungsgleich mit der von „Iceberg Slim“. Kriminalität und Sexarbeit ist in einer Gesellschaft, in der fast die Hälfte der erwachsenen schwarzen Bevölkerung schon einmal im Gefängnis war, noch immer für viele Jugendliche in den schwarzen Ghettos schlicht ihre Lebensrealität. Wenn dies auch nicht mehr die Wirklichkeit von millionenschweren Rap-Stars ist, so findet sich deren Publikum doch in diesen Texten wieder.
        
Literatur:
Sonja Eismann: „Doin the Butt“, in: Testcard, Beiträge zur Popgeschichte, Nr. 13, Black Music, 2004
Ariel Levy: „Female Chauvinist Pigs“, Pocet Books, 2006
Michele Wallace: „Black Macho & the Myth of the Superwoman“, The Dial press 1979