Schmetterlinge und Cybersex
von Katja Mair

Eine ambitionierte Filmveranstaltung in Graz macht sich auf, lesbische Lebens- und Liebensweisen jenseits von Hollywood-Kitsch und Männerphantasien sichtbar zu machen.

Bereits zum dritten Mal laden die Initiatorinnen zu den lesbischen.film.tagen – le.f.t nach Graz ein. le.f.t ist eine Kooperationsveranstaltung vom Frauenservice Graz, Labrys – Verein zur Organisation frauenspezifischer Veranstaltungen und Eva Kuntschner, die erstmals 2003 stattgefunden hat. „Wir wollten etwas machen, das aus der feministischen/lesbischen Szene in Graz kommt. Wo wir selber programmieren, wir uns überlegen, was wir haben wollen und wir das auch selber durchführen“, erzählt Eva Kuntschner die Entstehungsgeschichte von le.f.t. Wichtig war den Initiatorinnen von Anfang an, die Repräsentation lesbischer Realitäten über ein möglichst facettenreiches Programm, denn schließlich entspricht dies auch der Mischung der Lebensrealitäten, um die es hier geht. „le.f.t ist für uns auch die Ausrede, Filme ins Kino zu bringen, die wir uns schon immer anschauen wollten“, so Eva Kuntschner über eine weitere Motivation der Organisatorinnen.

East of Bollywood. Präsentierte le.f.t in den Jahren zuvor die Sichtbarmachung von lesbischen Lebens- und Liebensweisen in Filmen aus der ganzen Welt, konzentriert sich das heurige Programm der Veranstalterinnen thematisch auf die immer lebendiger werdende filmische Subkultur frauenliebender Frauen und queerer Menschen in Asien. Die Frauen hinter le.f.t beanspruchen hier aber keinesfalls einen Überblick oder Querschnitt über dieses filmische Schaffen zu zeigen: „Wir haben uns die große Aufgabe gestellt, zu schauen, was es gibt und Filme zu finden, die hier nicht so schnell im Fernsehen oder im Kino zu sehen sind“, berichtet Eva Kuntschner. Entstanden ist eine Auswahl vier sehr unterschiedlicher Filme, ergänzt durch das Kurzfilmprogramm le.f.t out, die zwischen 22. und 25. November gezeigt werden. Der Eröffnungsfilm „Hu Die – Butterfly“ der Regisseurin Yan Yan Mak erzählt in der farbenprächtigen Ästhetik des Hongkong-Kinos eine zauberhafte Liebesgeschichte: Die verheiratete Lehrerin Flavia, gelangweilt von ihrem Leben, trifft auf die junge und selbstbewusste Yip. Flavia fühlt sich sofort von ihr angetan und Erinnerungen an eine Jugendliebe werden wach. Soll sie auf ihre Gefühle hören und den Schritt in eine ungewisse Zukunft tun? Durch die Verbindung einer magischen Liebesgeschichte mit der oft ungewohnten Ästhetik des Hongkong-Kinos entführt „Hu Die“ in eine andere Welt.
Ganz anders der Film „Ho Yuk – Let’s Love Hongkong“ von Yau Ching, der am zweiten Tag auf dem Programm steht. Erzählt wird die Geschichte der jungen Zero, der unnahbaren Chan Kwok Chan, die als Online-Porno-Modell für eine Cybersex-Website jobbt, und Nicole, einer Online-Stammkundin von Chan. Drei Frauen in Hongkong, die einander begegnen, sich verfolgen, verführen, verlieben, vor einander flüchten und doch nicht ohne einander auszukommen scheinen.
„Fremde Haut“ von Angelina Maccarone ist zwar ein deutscher Film, handelt aber von der Dolmetscherin Fariba, die als Lesbe aus dem Iran nach Deutschland flüchten muss. Fariba, gespielt von Jasmin Tabatabai, der das politische Asyl verwehrt wird, beschließt aus Verzweiflung, die Identität eines verstorbenen Mitinsassen anzunehmen. Als Mann wird sie umgesiedelt in die schwäbische Provinz, erhält eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung und arbeitet in einer Krautfabrik. Bald weckt sie das Interesse einer Kollegin, die sich von dem introvertierten Fremden angezogen fühlt. „Fremde Haut“ wird am Freitag, den 24. November gezeigt.
Die Filmtage schließen den Bogen des abendfüllenden Programms mit dem indischen Film „Sancharram – The Journey“ von Ligy J. Pullappally. Abseits von Bollywood und in einer Version von Cyrano de Bergerac erzählt der Film die Geschichte von Kiran, die heimlich in ihre beste Freundin Delilah verliebt ist. „Sancharram“ ist die nicht immer einfache Reise einer jungen indischen Lesbe ins Erwachsenwerden.

le.f.t out. Eine Bereicherung für die heurigen Filmtage ist das Kurzfilmprogramm le.f.t out. Dabei ist der Name Programm: Gezeigt werden junge, lesbisch/queere Kurzfilme aus der westlichen Welt, also ein kleiner Teil dessen, was im Asienschwerpunkt des abendfüllenden Programms ausgelassen wurde. Mit dabei sind erstmals auch zwei Produktionen von österreichischen Filmemacherinnen. „Lesbo Lodge II – Prävention, Yeah“ von Sophie Mörz und Julia Gröblacher und die Dokumentation „Andererseits – lesbische Mütter unter uns“ von Iris Pokorny und Elisabeth Leeb. Beide Kurzfilme sind im Rahmen des Kurzfilmwettbewerbs „Einschnitte“, anlässlich der HomoBiTrans-Aktionswoche der Österreichischen HochschülerInnenschaft Uni Wien dieses Jahres präsentiert worden.
 Weitere Highlights im Kurzfilmprogramm sind die deutsche Produktion „Die Zunge“ von Ernst Spiessberger und die Dokumentation „Club Q“ von Kirsten Wolf. Letztere porträtiert die legendäre Lesbentanzparty „Club Q“ in San Francisco.

LIFT. Offiziell eröffnet wird le.f.t 2006 von der lesbischen Krimiautorin Katrin Kremmler, die unter anderem auch Initiatorin von LIFT – dem Festival Lesbischer Identitäten in Budapest ist. 2005 gegründet, wollen die Initiatorinnen von LIFT in Ungarn abseits der lesbischen Stereotypisierungen auf die große Bandbreite lesbischer Stimmen und Bilder aufmerksam machen. Eva Kuntschner schmunzelt über den Wortwitz le.f.t – LIFT und meint: „Wir streben schon seit längerem eine Kooperation mit LIFT an und finden es schön, zu zeigen, dass wir mit anderen Festivals in Kontakt sind und vor allem: Es gibt auch andere Festivals dieser Art.“
Beendet werden die lesbischen. film.tage graz mit einem Abschlussfest, das heuer erstmals im Forum Stadtpark stattfinden wird. Für Eva Kuntschner ein wichtiger Hinweis dafür, dass sich le.f.t mittlerweile auch als Kunstveranstaltung in der Grazer Kunstszene etabliert hat.

Die lesbischen.film.tage Graz 2006 versprechen ein interessantes Programm und werden auch heuer wieder viele anregende Diskussionen ermöglichen. Wir dürfen gespannt sein.