Im nationalen Schaufenster
von Michèle Thoma

Von uns gibt es viele. Und das auch noch ziemlich lang. Nur nicht auf den schönen, großen, bunten Bildern, die bis vor einem Monat in Wien herumhingen. Auf denen hingen wir selten herum. Wir sprangen nicht ins Auge. Keine optische Offensive. Nur nicht vordrängeln! Wir haben nämlich ein Benehmen. Himmelshälften wollen wir uns zwar schon seit langem nehmen. Und eine große Portion Erde dazu. Garniert mit Babies, Visakarten, geilen Männern, den Heiligenschein dürft ihr derweil behalten – aber… huch, auf der großen Portion Erde geht’s nur langsam weiter: auf allen Vieren unterwegs durch Kinderzimmer, durch die Canyons zwischen Wäsche- und Abwaschbergen robben… und immer wieder läuft uns ein Mann über den Weg, bzw. liegt er in unserm Bett herum…

Nicht gesehen ward die Herinnenministerin, die immer so präzise schwarz-weiß denkt und präzise drinnen von draußen trennt.
Die Draußenministerin auch nicht.
Die Frau mit dem Helm und der eisernen Maske, die uns eine eiserne Gesundheit abverlangt, schon mal.
Die, was die Kinder anständig was lernen will, gar nicht.
Der kleine Mann, zwar nicht von der Straße, und nicht auf der Nudelsuppe daher geschwommen, erscheint uns auf Schritt und Tritt. Er verpasst uns aber keinen Tritt. Er hält die Arme weit geöffnet, sein Lächeln ist voller Verheißung. Dass er’s könne, steht geschrieben. Was, bleibt sein köstliches Geheimnis.
Auch der sonst intensiv menschliche Kandidat der Gegenpartei öffnet weit die Arme: Lasset die Österreicherinnen und Österreicher zu mir kommen!
Ein paar Herren stehen noch grau auf den Plakaten der Roten herum, eine nette Dame spielt euphorisch mit ein paar Schulkindern. Mitgeredet werden darf schon – sogar etwas dunklere Mitbürgerinnen sind beim Plakat-Mitreden zu sehen.
Die Partei mit dem nicht lächelnden Kandidaten hat aber eine Spitzenkandidatin. Der eingebildete S. aus Kritzendorf, der diese Realitätsfremden ja niemals wählen würde, bescheinigt ihr Herzeigbarkeit. Sie hat einen societytauglichen kühlen Gesichtsausdruck und ist societytauglich gekleidet. Sie ist keine tropfende Still-Mutti im Strickrock, und WOMAN bekommt erste Fotos vom ersten Babybauch. Das ist taktisch geschickt, und dann wieder taktisch ungeschickt, weil es so geschickt ist.
Die Frauen in der Öffentlichkeit sitzen ja schließlich im Schaufenster der Nation. Da wird man ja wohl schauen dürfen!
Auf die Finger und sonst wohin!
Von einem Plakat dieser Partei schaut außerdem ein nüchternes und gar nicht schüchternes junges Mädchen und gibt einen nüchternen Befund ab. Von einem andern zwar eine, neben die ich mich mit einem Kindertrupp in der Straßenbahn lieber nicht hin setzen würde.
Der Übermut-Mann zieht aus seinem Zylinder das letzte An- und Aufgebot: Gipfelhalbmonde, Billavorstände, Orangen. Hinter der Männerriege die Evas, die kein Evakostüm tragen, mit Orangen in den Händen. Cheerleaderinnen, die nicht leaden.
Die Justizministerin wird von einer Eingebung getroffen und betroffen und trifft eine kühne Entscheidung. Alle sind ganz begeistert von ihrem Ein- und Durchblick. Dann wird ihr Bild sogenannt eingestampft, und sie ist weg vom Plakat, auf dem sie noch gar nicht war, und vielleicht weg vom
Fenster.
Es gibt aber noch andere Fenster mit vielleicht besseren Aussichten. Der Mann mit der Heimatfilmfrisur macht sich selber weiter Mut. Die Psychologin Rotraut Perner meint, die Mutterschaft befähige zu erhöhter Sensibilität und erhöhe das Mitgefühl. Her mit den Putzis!
Zehn Putzis hat der Heimat eine mannhafte Hüterin von Treue und Ehre geschenkt. Zehn kleine Nicht-Negerlein. PowerInnenfrau im Hort der Recken ist sie auch noch! Da wird die Latte für die Buggyschieberinnen schon ziemlich hoch gelegt.
Springt, Mädchen, frisch ins Blaue!
Der Mann mit den kornblumenblauen Augen rappt dazu!
Aber es gibt keine Familienidyll-Plakate von der furchtbar fruchtbaren Partei. Keine Gruppen- oder auch nur Groupiebilder. Keine Erdmütter, die unter Stammbäumen grasen – während die Erzeuger am Stammtisch rasen. Nur der Blauäugige mit den geschüttelten Reimen.

Und bei den gemütlichen KommunistInnen? Eine langweilige Gießkanne als Kandidatin. Und eine Schere.