Is this the way we live and love?
Die US-amerikanische Lesbenserie The-L-Word begeistert viele. In Internetforen und unter Freundinnen werden nicht nur die Episoden diskutiert, es wird auch darüber philosophiert, wie die Serie reale lesbische Lebenswelten beeinflusst. Von Julia Gröblacher


www.thelwordonline.de

Eine lesbische Fernsehserie ist eine Fernsehserie ist eine Fernsehserie. Eine Fernsehserie, die sich das Publikum hierzulande dank der Programmpolitik von ORF und PRO7 nicht in wohldosierten Abständen im TV, sondern gern allein oder in einer Runde am Stück anschaut. Ausgeborgt, heruntergeladen, raubkopiert — beschafft. Im vorliegenden Fall: ein unverschämt langes Wochenende mit der Freundin im Bett und den ersten beiden Staffeln am Laptop. Eine lesbische Fernsehserie also. Das bedeutet: Coming-Outs, Strap-Ons, blümerante Identitäten und viel lesbischer Sex. Da gibt es: Heldinnen und Bösewichtinnen.
Die Heldinnen sind nach einer bewährten Formel so angelegt, möglichst unterschiedliche Typinnen zu repräsentieren und damit für möglichst jede Zuschauerin (und jeden Zuschauer) eine Möglichkeit der Identifikation, der Sympathie oder der Attraktion — kurz: des FanInseins zu öffnen. Es gibt die Karrierefrau, die Häusliche, die Wilde, die Künstlerin, die Quirlige, die Sportliche. Die persönlichen Schwächen und Fehlbarkeiten, die gruppeninterne Konflikte heraufbeschwören, werden in der Serie sehr differenziert dargestellt, um die Sympathien nicht zu sehr zu beeinflussen, wie es scheint. Die Heldinnen sind komplex und menschlich.
Die Bösewichtinnen hingegen sind Charaktere, die von außen in die Gruppe eindringen und die liebgewonnenen (romantischen/erotischen/freundinnen -schaftlichen) Verbindungen und Beziehungen zu zerstören drohen. Sie sind wenig differenziert gezeichnet. Bestes Beispiel dafür ist Helena Peabody, die Bettes Liebes- und Berufsleben durch Intrigen und Bösartigkeit ins Chaos stürzt.

Attraktive Charaktere.
Eingeführt in die Serienwelt werden die ZuschauerInnen durch Jenny, Literatin und rehäugiges Emotionstalent, die ihrem Freund Tim folgend nach L.A. zieht und sich fortan durch komplizierte Verstrickungen und gebrochene Herzen auf allerlei Seiten zur „full-on girl-loving lesbian" entwickelt. Ihre Nachbarinnen, Bette und Tina, langjährige und paartherapieerprobte Partnerinnen, suchen ihr Glück in Kind und Familie und finden die Beziehungskrise. Bettes Schwester Kit sorgt, nachdem Jenny den Sex mit Männern nach und nach aufgibt, für die heterosexuellen Erzählstränge. Shane, cool und promisk, ist die androgyne Typin der Gruppe — die Entschuldigung dafür, dass die anderen Hauptfiguren lange Haare und Stilettos tragen und stereotyp feminin inszeniert werden. Ihre Aufgabe im Verlauf der ersten 26 Folgen: ihre emotionalen Blockaden überwinden und sich von der Playerin in eine liebesfähige Monogamistin zu verwandeln. Alice, die auf einer Tafel in ihrem Wohnzimmer das unglaubliche Netzwerk der Liebschaften ihres Bekanntenkreises dokumentiert und unermüdlich schwarze Edding-Striche von Name zu Name zieht, muss Beziehungen zu egoistischen Exfreundinnen und esoterisch angehauchten lesbischen Männern durchtauchen, bis ihre beste Freundin Dana, die spätgeoutete Tennisspielerin, ihre Verlobung mit ihrer Managerin löst und die beiden sich einander und ihrem Faible für Knutschflecken und Sextoys widmen können.

Märchenhafte Lebenswelten.
The L-Word ist, auch wenn das Titellied anderes verspricht, ein Märchen. Im Vorspann fällt die Zeile: „This is the way that we live and love". Eine stellvertretende Ansage für alle lesbischen Lebenswelten, die in L-Word nun dargestellt werden sollen? Unsere Art zu lieben, na gut. In Sachen Liebe und Beziehung werden in der Serie sehr viele mögliche Szenarien abgedeckt (auch wenn alle Liebschaften der Hauptfiguren auf eine monogame Zweierbeziehung abzielen), die beruflichen Leben der Frauen spiegeln aber die einer dünnen glücklichen Schicht wieder und nur wenig die tatsächlichen Lebensumstände vieler Lesben.
Nicht dass sie alle im Geld schwimmen würden: ganz typinnengerecht hat Jenny die Rolle der hungernden Literatin und Shane die des Mädchens von der Straße, das sich ihr jetziges Leben zwischen schlechtbezahltem Job und Bar hart erkämpfen musste. Aber das ist ja nur der Anfang. Was die Frauen im Verlauf der Serie nämlich gemeinsam haben, ist nicht so sehr Geld, sondern Erfolg und berufliche Entwicklung. Innerhalb der ersten beiden Staffeln feiern sie durch eigenes Engagement, Zufälle oder FörderInnen plötzlich den Aufstieg von einer Unbekannten bis Lokalgröße auf dem Ten-niscourt (Dana)/vor dem Laptop (Jenny)/in Haus und Heim (Tina)/als Journalistin (Alice)/im Frisiersalon (Shane) zum gefeierten oder zumindest vielversprechenden Talent. Die große berufliche Erfüllung, ein Aufgehen in und eine Identifikation mit der Karriere, wie viele Frauen nicht das Glück haben, sie zu kennen.

West-Hollywood Rahmen.
Wie politisch muss eine lesbische Fernsehserie nun sein? Themen wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie werden über verschiedene Figuren immer wieder ins Bewusstsein der Gruppe und dem des Publikums gebracht. Das funktioniert über Coming-Out-Geschichten und Reaktionen der Eltern, über Ressentiments und Vorurteile von ArbeitskollegInnen und -geberInnen, über die Konfrontation mit der eigenen Ethnizität, über die rechtlichen Schwierigkeiten in Sachen Kinderwunsch, Trennung und Sorgerecht. Das funktioniert aber auch ganz explizit: etwa wenn Jenny ihren Mitbewohner, der sie und Shane wochenlang mit versteckten Kameras in intimsten Situationen gefilmt hat, anschreit: „What I want is for you to write âfuck me' on your chest. Write it! Do it! And then I want you to walk out that door and I want you to walk down the street. And anybody that wants to fuck you, say: âSure, sure, no problem!' And when they do, you have to say: âThank you very very much', and make sure that you have a smile on your face. And then, you stupid fucking coward, you're gonna know what it feels like to be a woman."
The L-Word spielt in West-Hollywood, das dafür bekannt ist, Lebensmittelpunkt vieler Lesben, Schwuler und Transgender-Personen zu sein, und einen relativ geschützten Rahmen bietet, der sich in der Serie niederschlägt: Die Probleme der Protagonistinnen sind vielleicht wenig mit den Erfahrungen vieler lesbischer Zuschauerinnen vergleichbar. Aber dennoch: The L-Word ist eine lesbische Fernsehserie. Und unterhaltsam ist sie allemal.