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„Was bin ich?“ Alex steht vor einem Spiegel in seinem Hotelzimmer im Wuppertal. Kurz vor dem Treffen mit den xy-Frauen. Dem ersten Treffen mit Menschen, die sich in der Gesellschaft genauso allein fühlen wie Alex, weil der Zwang „Zwitter zu vereindeutigen“ kein drittes Geschlecht zulässt. Die, ebenso wie Alex, weder Nicht-Frau noch Nicht-Mann sind und dies akzeptieren lernen müssen.
Mit Elisabeth Scharang als Begleiterin, Freundin und Regisseurin ist die Kamera und damit die intensive Konfrontation mit sich selbst drei Jahre lang Bestandteil beider Leben.
Alex Verzweiflung über seinen mit Narben übersäten Körper und die frühe Traumatisierung durch die medizinischen, schmerzhaften Eingriffe, der Vorwurf gegenüber seinen Eltern diese Verstümmelungen zugelassen zu haben bestimmen weite Teile dieser Identitätssuche. Sie sind wesentliche Katalysatoren dafür, ein selbstzerstörerisches Versteckspiel aufzugeben und die eigene Tabuisierung zu durchbrechen. Durch die Geschlechtsangleichungen ist es Alex nicht mehr möglich, einen körperlichen Orgasmus zu haben, allein die Berührung „da unten“ ist mit so vielen schmerzvollen Erfahrungen verbunden, dass kein Lustgefühl aufkommen kann, die Aussicht eine normale Beziehung führen zu können, verschwindend klein.
„Seine exhibitionistische Zeit“ nennt deshalb Alex jene Zeitspanne ab den Moment, wo er durch einen Anruf beim FM4 Doppelzimmer zum Thema Schönheits-OP sich und sein Schicksal outete. Sie dauerte bis zum Herbst 2004, der letzten Filmaufnahme von Tintenfischalarm und seiner Entscheidung, vor die Kamera zu treten, um Eltern intersexueller Menschen davor zu warnen, ihren Kindern frühzeitig ein „eindeutiges“ Leben aufzuzwingen, mit dem sie sich nicht identifizieren können.
Elisabeth Scharang ist selbst Teil des Films und in intimen Zwiegesprächen mit Alex wird ein wechselseitiges Vertrauen spürbar. Dadurch ist sie nicht nur Zuhörerin und Interviewerin, sie kann Alex auch widersprechen und Ratschläge erteilen, seine Entscheidung, als intersexueller Mann leben zu wollen, anzweifeln und hinterfragen, ob eine Testosteronsalbe nützt, um glücklicher zu werden. Aber Alex hat nichts zu verlieren, wie er meint, außer der Einsamkeit vielleicht oder der Angst oder des Status quo. „Die männliche Seite in mir ist wie eine Baracke, die ausgebaut gehört“ sagt Alex zu den langen Jahren als Mädchen und Frau und er hofft, „dass es mich eines Tages nicht umbringt, dass ich keinen Schwanz habe.“
Seine Entscheidung – in Zukunft ohne Brüste leben zu wollen – seine letzte Operation, bekräftigt auch eine überschwängliche Videobucheintragung in seiner alten Wohnung in Naarn in Oberösterreich. Mit der Geburtsurkunde in den Händen, in der sein Geschlecht als männlich angegeben ist. „Das hat meine Mutter offensichtlich übersehen“ grinst Alex, der sich im Laufe des Film, durch die gemeinsamen Reisen und den Kontakt mit anderen intersexuellen oder transsexuellen Menschen immer mehr als Teil eines größeren Kollektivs begreift. Er bricht damit seine innere Emigration, in die sich Alex lange Zeit zurückgezogen hat, auf, beginnt in Wien sein neues Leben mit dem Motto: Ich bin ein Mensch und stehe auf Menschen.
Beim Filmschauen ertappt frau sich manchmal beim Gedanken, wie es denn um Alex soziales Umfeld beschaffen ist und welcher Beschäftigung er nachgeht – von seiner realen Außenwelt und der Konfrontation damit, dringen wenig Erklärungen oder Bestätigungen in den Film ein.
Aber eigentlich ist es auch nicht notwenig, bei dieser filmischen Suche nach sich selbst über alles aufgeklärt zu werden und eine Involvierung der Eltern hätte zu Schuldzuweisungen seitens des Publikums geführt, wie Scharang wahrscheinlich zu recht vermutet. Dafür ist es jetzt auch zu spät, denn der „Urzustand“, so sehr ihn sich Alex auch wünschen mag, kann nicht wieder hergestellt werden. |