Supermänner Überall
von Kerstin Kellermann

Gerade erhielt in Berlin ein junger Mann, dessen Familie vor dreißig Jahren nach Deutschland einwanderte, seine Verurteilung zu neun Jahren Haft, weil er seine Schwester ermordet hatte. Angeblich passte ihm ihr Lebensstil nicht. Wie konnte es zu dieser extremen Zuspitzung der Situation in der Familie kommen?

Der Kampf gegen Zwangsehe und Zwangsprostitution wird mittlerweile von vielen verschiedenen Organisationen geführt. Doch die verwendeten Methoden und die Fähigkeit zur Selbstreflexion machen einen großen Unterschied aus. Wenn z.B. die Familie integriert wird, SozialarbeiterInnen, NachbarInnen, PolizistInnen, Bekannte und Verwandte sich mit den Familienmitgliedern auseinander setzen, muss es nicht unbedingt so weit kommen, dass das Mädchen ihre Familie verlassen muss oder das Blut fließt. Doch dafür ist viel Zeit, Mühe und Geduld notwendig. Jahrzehntelange Kränkungen werden hervor brechen. Dass die Mädchen ihren Vätern über den Kopf gewachsen sind, ist eigentlich noch die kleinste davon.

Über Jahrzehnte gewachsene Familienstrukturen werden nicht leichter veränderbar, wenn „der Held" aus einer Beratungsorganisation Supermann spielt und sich in missionarischem Eifer nach einer halben Stunde Rechtsberatung anmaßt, das Leben einer Frau oder eines Mädchens zu durchschauen. Oder Polizisten das geflüchtete Mädchen nach einer Nacht im Gefängnis einfach ohne Unterstützung in die Familie zurückschicken, wie es in Tirol passierte, bevor ein Junge seine Schwester ermordete. Männlich-privat-persönliche Meinungen werden mit juristischen oder polizeilichen Mitteln zur Unterstützung vermischt.

Die meisten Regeln sind auf Extremsituationen angelegt, kontinuierliche Aufbauarbeit hat keine große Tradition. Es muss ein gutes Gefühl sein, eine bedrohte Person vor der Abschiebung oder vor Übergriffen zu retten — Jahre dieser Arbeit in Einzelkämpfer-Mission können einem aber leicht zu Kopfe steigen. Der wahre Retter will und weiß das Beste für die Frau. Denkt er, zumindest. Gefragt wird die Frau oder das Mädchen nicht. Des Retters Einschätzung kann ja auch ab und zu die richtige sein &endash; aber eben nicht immer. Denn die Frauen sind ja schließlich nicht dumm, oder?

Es ist immer interessant zu sehen, wer aller „die fremden Frauen" vor der Unterdrückung durch ihre Ehemänner, Brüder, Väter retten will. Und welche Ausmaße dieser missionarische Eifer annehmen kann. (Mann muss ja nicht unbedingt gleich Präsident Bush sein, der angeblich die afghanischen Frauen retten wollte. Und das Öl dazu.) Oft tun Leute groß ihre Meinung kund, die niemals etwas mit realen Fällen von Gewalt zu tun hatten. Noch schwieriger wird es, wenn nicht mehr differenziert wird, die Situation in Ländern wie Iran, Irak oder Afghanistan einfach mit Österreich gleichgesetzt wird. Der naive, patriarchale Kavalier einfach von Österreich aus bewertet &endash; mit manchmal nichts als dem ORF als Argumentfaktor. Junge Mädchen, die in Österreich geboren wurden, studieren und nicht unbedingt schon als Teenager heiraten wollen, tragen aus anderen Gründen das Kopftuch als zum Beispiel in Bosnien, wo finanzielle Unterstützung aus arabischen Ländern fließt.

Dass nicht genauer geschaut bzw. gefragt wird, liegt daran, dass das großartige Hilfsmodell schnelle Bewertungen und Einschätzungen fördert und den kontinuierlichen, direkten Kontakt mit den Frauen und Mädchen verhindert. Supermann hilft und geht wieder. Superwoman kann sich oft auch nur für Extremsituationen erwärmen. Noch einmal: Eine halbe Stunde Rechtsberatung im Monat ist zu wenig, um eine Frau und ihre Lebenslage „zu kennen" und einzuschätzen! Mann ist ja nicht Gott, oder? Frauen, die in Flüchtlingsheimen arbeiten und länger mit den Menschen zu tun haben, tun sich leichter, bei Gewalt in der Ehe oder Einschränkung der Lebensmöglichkeiten durch die soziale Kategorie „Frau" zu reagieren. Die werden oft auch direkt und konkret um Unterstützung angegangen.

Dass sich das kurze, schnelle Beratungsmodell als beliebtestes Modell des Kontaktes zwischen „den Gebürtigen" und „den Fremden" durchgesetzt hat, liegt einerseits daran, dass die österreichische Gesetzeslage dazu zwingt. Aber andererseits sicher auch daran, dass das Modell der „Hilfe für diese armen, unterdrückten Frauen" sich so stark in den Köpfen eingenistet hat, dass es Modelle ebenbürtiger Kommunikation in Netzwerken und aufbauende, kontinuierliche, langfristige Arbeit verhindert!