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Qatar ist ein kleines Wüstenemirat im Osten der arabischen Halbinsel am persischen Golf. Sein immenser Reichtum – es hat eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt – beruht auf Erdöl- und Erdgasvorkommen, die im vorigen Jahrhundert entdeckt wurden. Politisch ist das Land eine absolute Monarchie ohne Parteien und Parlament. Außenpolitisch ist das Land pro-westlich eingestellt und beherbergt jene Luftwaffenbasis, die den USA im Krieg gegen den Irak 2003 als Komandozentrale diente, Al-Udaid.
Medieninsel.
1995 übernahm der regierende Emir die Staatsführung und begann ein Reformprogramm umzusetzen, welches einen umfassenden Bildungsplan und die Pressefreiheit beinhaltete. Mit letzterer gelang ihm eine Medienrevolution im arabischsprachigen Raum und die Ausrichtung Qatars zu einem Medienzentrum besonderer Art: Seit 1996 sendet von hier aus der TV-Satellitenkanal Al-Jazeera 1, der erste unabhängige Fernsehsender in der arabischen Welt. „Meinung und Gegenmeinung“ ist das Motto der Redaktion und es kommt anscheinend bei der ZuseherInnenschaft an: Allein im arabischen Raum hat der Sender 35 Millionen ZuschauerInnen und seine Popularität außerhalb des arabischen Raumes steigt. In Amerika kann der Kanal nach sendereigenen Schätzungen von ca. 135.000 arabischsprachigen Haushalten über Kabel empfangen werden. Mitte 2006 ist der weltweite Start eines englischsprachigen Kanals, „Al-Jazeera International“, geplant.
Die Mehrheit der MitarbeiterInnen von Al-Jazeera sind MigrantInnen aus anderen arabischsprachigen Ländern wie Sudan oder Ägypten. Ein Drittel der Angestellten sind Frauen – Redakteurinnen, PR-Fachleute, Journalistinnen, Korrespondentinnen.
Von Anfang an dabei.
Die sundanesische Redakteurin Leyla Salah war von Anfang an dabei und erzählte von ihrem Werdegang in der Medienwelt Qatars, wo Anfang der 1990er Jahre eine ungebrochene Geschlechtertrennung, journalistische Arbeit für Frauen zu etwas ganz Besonderem machte.
Damals arbeitete die Sudanesin als Journalistin für die Tageszeitung Al-Raya und war eine der ersten Frauen im Metier. Es war noch nicht gang und gäbe, dass Frauen Informationen auch von Männern einholten, so arbeitete sie anfangs über Frauen und Kinder. Den qatarischen Frauen – so die Journalistin – fehlte damals noch der Mut, aus dem häuslichen Bereich herauszukommen, obwohl ihnen der Staat das Recht zubilligte.
Später wechselte sie zum neuen Sender Al-Jazeera und wurde Produktionsassistentin bei einem Programm namens „For Women only“. Sie wurde getrieben von dem Gefühl, etwas Besonderes leisten zu müssen, ein Zeichen setzen zu müssen, dass Frauen in allen Bereichen arbeiten könnten, wenn sie die entsprechenden Qualifizierungen haben. Nach ihr – so Salah – kamen viele Frauen in den Medienbereich und begannen auch an vielfältigen Themen zu arbeiten. „Heute ist für sie alles möglich“, so die sudanesische Journalistin, die zur Zeit Produzentin einer politischen Diskussionssendung im samstäglichen Hauptabendprogramm ist. Im Sudan gibt es keine strikte Geschlechtertrennung wie in den arabischen Golfstaaten und deshalb sei es für sie auch kein Problem, mit Männern oder Menschen anderer Nationen zusammen zu arbeiten. Die Sendung „For Women Only“ wurde eingestellt und Salah meint, die Probleme der Fauen sollten keinen separaten Bereich darstellen sondern im gesamtgesellschaftlichen politischen Kontext behandelt werden. Heute stellen sie ein Querschnittsthema des Senders dar.
Leyla Salah meint, das Zusammengehörigkeitsgefühl im Sender sei sehr gut, sie ist stolz, dem Al-Jazeera-Team anzugehören und freut sich, an der Gestaltung von etwas Neuem beteiligt zu sein. Und sie ist optimistisch: Die Zukunft der Medien im arabischen Raum würde in mehr Freiheit und in mehr Transparenz liegen, auch wenn es nicht allen genehm sei, aber die Wahrheit würde ans Licht kommen.
Sie selbst würde gerne im eigenen Land – im Sudan – etwas zur Medienwelt beitragen, ein Programm mit einem dokumentarischen Schwerpunkt schwebt ihr vor. Einstweilen lebt Leyla Salah noch mit ihren vier Kindern und ihrem Ehemann in Doha, wo sie zwischen den Mitgliedern der relativ großen Community sudanesischer ArbeitsmigrantInnen trotz Zeitmangels einen guten Zusammenhalt sieht.
Ungleiche Verhältnisse.
Wie Leyla Salah sind auch die anderen zwei Drittel jener Menschen, die in Qatar leben und arbeiten, MigrantInnen aus dem Sudan, aus Ägypten, aus anderen arabischsprachigen Ländern und aus asiatischen Ländern wie Pakistan, Indien und von den Phillipinen. Keines der ambitionierten Reform- und Modernisierungsprojekte des Landes, sei es im wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Bereich, würde ohne die große Zahl von FremdarbeiterInnen funktionieren – weder im intellektuellen noch im handwerklichen Sektor. Denn die weniger als 200.000 einheimischen Qataris sind die Nachkommen von Beduinen, die bis vor wenigen Jahrzehnten als ViehzüchterInnen, Perlentaucher und Händler in der Wüste und am Meer lebten. Bis heute ist die Basis ihres Zusammenlebens die Stammes- und Familienzugehörigkeit, das Gewohnheitsrecht und die islamische Rechtslehre, die Shari´a. Sie alle befinden sich mitten in einem gewaltigen sozialen und wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozess, dessen Schlüsselkräfte AusländerInnen mit Arbeitserlaubnis – aber keiner unbefristeten Aufenthaltserlaubnis – sind.
An die Vorfront Die Qatar University verbindet Moderne und Tradition: Ein neues und großzügig ausgestattetes Universitätsgelände umfasst einen Campus für die Studentinnen und einen anderen abgetrennten für die Studenten. So wird das Bildungssystem der Geschlechtertrennung gerecht und bindet dennoch viele junge qatarische Frauen in eine akademische Ausbildung ein.
Auch das Institut für Massenkommunikation leitet eine Gastarbeiterin: Die Ägypterin Sahar Khamis ist Informationswissenschafterin und führt mit Weitblick eines jener Zentren der nächsten aktiven Mediengeneration. Sie lehrt Studentinnen und Studenten zwar räumlich und zeitlich getrennt, aber mit demselben Lehrplan und demselben Lehrpersonal. Im Gespräch bestätigt sie, dass die weiblichen Studierenden nicht nur mehr sondern auch interessierter und besser seien. Khamis selbst hat an verschiedenen internationalen Universitäten studiert und ist sehr darauf bedacht, den Dialog zwischen den Kulturen zu vermitteln und die jungen Frauen auf kommende Führungspositionen vorzubereiten. Im Sommer 2005 ermöglichte sie einer kleinen Gruppe qatarischer Studentinnen die Teilnahme an einem Frauen-Medientrainings-Camp in Schottland. Bis vor Kurzem – so die Universitätsprofessorin – wäre es noch undenkbar gewesen, dass junge qatarische Frauen ohne Familie ins Ausland fuhren. Sie strebt eine Zusammenarbeit mit den führenden Medien der Region – so auch mit dem Medientrainingscenter von Al-Jazeera – und mit internationalen Universitäten an.
Bei den Gesprächen mit den Studentinnen am Campus stellt sich heraus, dass viele ihre Zukunft eher im PR-Bereich als im Journalismus sehen. Sahar Khamis erklärt, dass manche Aufgabenbereiche der traditionellen Geschlechtertrennung entgegen kämen und noch nicht alle Frauen für „gemischte“ Arbeitsplätze bereit wären.
Dennoch sieht sie in der gesamten arabischen Welt große Veränderungen und meint, dass Frauen im Medienbereich in Führungspositionen drängen.
Ende April 2006 fand ein Gegenbesuch einer Delegation der Qatar University in Wien statt. „Women on Air“ werden Bericht erstatten.
Infos
Women Pushing Forward. Arabische Frauen erobern die Medienwelt.
Interview mit Sahar Khamis, Leiterin des Institutes für Massenkommunikation und Informationswissenschaft an der University of Qatar. Interview und Gestaltung: Helga Neumayer. Wien 2006. Anzuhören im Audioarchiv von : ()
Now they can do everything. Journalistinnen bei Al-Jazeera. Ein Gespräch mit der sudanesischen TV-Journalistin Leyla Salah in Doha, Qatar. Interview und Gestaltung: Helga Neumayer. Wien 2006. Anzuhören im Audioarchiv von www.noso.at, ()
Interview von Helga Neumayr mit der qatarischen Delegation in einer Sondersendung der „Globalen Dialoge“. Anzuhören im Audioarchiv
Richtung Vorfront. Arabische Frauen erobern die Medienwelt – Gespräche und Eindrücke von einem Besuch in Qatar. In: Frauensolidarität Nr. 95 (1/06), Wien 2006
Helga Neumayer ist Redakteurin der entwicklungspolitischen Zeitschrift FRAUENSOLIDARITÄT (www.frauensolidaritaet.org) und der Radiosendereihe „Globale Dialoge“ auf ORANGE 94.0.
Der Besuch in Doha im Dezember 2005 fand als ergänzende Exkursion zur Lehrveranstaltung „Frauenbilder von irakischen Frauen im Krieg am Beispiel österreichischer Medien und Al-Jazeera“ am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien statt.
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