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Die Solo-Performance von Kristin Norderval im Aktionsradius Augarten war der Auftakt eines musikalischen Experiments, die ehrnste (mit stummen H bitte sehr) Musik aus ihren elitären Tempeln zu führen und an Orten hörbar zu machen, die sonst eigentlich der U-Musik verpflichtet sind. Hemma Geitzenauer hat die ungewöhnliche EH-Musikreihe kuratiert und den persönlichen musikalischen Werdegang ihrer Gästin aufgezeichnet. Kristin Norderval wird 2006 als künstlerische Direktorin für die norwegische Theater Akademie in Fredrikstad arbeiten:
Ausbildung.
„Ich studierte zuerst Komposition an der Universität Seattle in Washington und nebenbei Gesang und Klavier. Die sehr begabte Pianistin Diane Thome war meine Lehrerin und zugleich die einzige Frau in diesem Kompositionsstudium. Sie beherrschte auch elektroakustische Musik, virtuelles Klavier mit Musik und Cello. Von Anfang an bestimmte diese Mixtur aus klassischer und neuer Musik, elektronischer Musik und Gesang mein musikalisches Empfinden.
Was mir damals aber fehlte, war die politische Auseinandersetzung in Performances oder im Theater. Ich war immer auf der Suche, versuchte auch eigene Kompositionen, aber es war weder die richtige Zeit, noch der entsprechende Rahmen, innerhalb dieser Institutionen vorhanden.
Danach studierte ich Gesang in San Francisco weiter, aber erst gegen Ende meines Masterstudiums habe ich die Werke von Susan McClary gelesen. Ihre Arbeit „Feminine Endings“ integrierte Gender in das Verständnis der klassischen Codes von Musikern wie Schubert, Beethoven usw. und das war sehr neu. Es war das erste Buch über die Verbindung von Musik und Gender.
Musterprobe. Nach meiner Ausbildung arbeitete ich sehr klassisch als Sopransolistin mit Barockmusik, Opern, Kammermusik, neuer Musik. Während meiner
Audition Tournee im Frühling/Sommer 1990 hab ich mir aber gedacht: Will ich das wirklich immer machen? Durch den Dirigenten und den Regisseur war die Arbeit sehr hierarchisch, verbunden mit wenig Ensemblearbeit und fast keinen Möglichkeiten, sich selber auszuprobieren. Ich fühlte mich fast wie eine kleine Sklavin.
In Deutschland habe ich bemerkt, dass die neue E-Musik bekannter war als in Amerika, aber ich hatte auch den Eindruck, dass die Opern von den gleichen alten Geschichten mit Männern und Frauen handelten. Frauen als Opfer, Männer als Täter und kein kritischer Blick über den Rahmen, kein Blick von der Opferposition weg. Diese Wiederholung des alten Musters und der alten Geschichten ist nicht das Meine. Ich wollte stattdessen das Muster ändern.
Wendepunkt.
1992 hatte ich das große Glück als Solosängerin für Phillip Glass and Robert Wilsons „Einstein on the Beach“ engagiert zu werden. Diese Welttournee war für mich ein künstlerischer Wendepunkt. Die Verwendung eines zeitgenössischen Theaterbegriffes, die Fokussierung auf das Neue und auch die Gemeinschaft mit vielen unterschiedlichen KünstlerInnen und Genres inspirierte mich. Ich hatte das Glück ins Avantgarde Milieu von New York zu kommen und andere Projekte unternehmen zu können. Nach „Einstein on the Beach“ konnte ich nicht mehr zurück in mein altes Schema und zur klassischen Oper.
Ich suchte nach neuen Stücken. Aber immer wieder bin ich auf den gleichen Konflikt gestoßen, fand ich die gleichen traditionellen Muster in den neuen Kompositionen. Nach einer Arbeit mit Martha Clarke und dem Netherlands Dance Theatre – einer sehr schönen Arbeit – aber immerzu diese Opferkonflikte, hatte ich endgültig das Gefühl: Es muss anderes sein.
Eine Opferrolle ist zwar eine Position von Ungerechtigkeit, aber es ist auch wichtig, zu schauen in welchem Rahmen die Ungerechtigkeit passiert. Für mich ist es interessant wie die Situation der Ungerechtigkeit präsentiert wird. Wenn wir eine schreckliche Situation nur so nehmen wie sie ist, anstatt zu fragen, was ist mit der Person die zum Opfer wird, wohin geht sie and was passiert im Prozess und wie überlebt die Person, mit welchen Strategien und wie verändert sie sich zuletzt, kann sich nichts ändern. Wenn du auf die „großen“ Strukturen schaust, muss hinter diesen eine größere soziale Ursache stecken. Dieser Prozess passiert, wenn Menschen neue Sachen oder neue Dinge ausprobieren, aber das passiert im traditionellen Theater nicht sehr häufig.
Vernetzung.
Bei der„International Conference on Music, Gender and Pedagogics“ 1996 in Göteborg traf ich auf Musikwissenschaftlerinnen, Musikerinnen, Performerinnen und kam mit sehr unterschiedlicher Musik in Berührung. Das erste Mal wurde ich als politisch engagierter und denkender Mensch, Theoretikerin, Musikerin und Performerin wahrgenommen. „Wow“, dachte ich, „es gibt Lichtmöglichkeiten“. Und ich kann mich auch erinnern, dass ich die Frage nach der Geschichte vieler experimenteller, lesbischer Aktivistinnen hatte. Wo ist ihre Geschichte niedergeschrieben? Sie sind nicht niedergeschrieben, die persönlichen Geschichten werden nur gewusst.
Nach dem Kongress in Norwegen kam ich in Kontakt mit Pauline Oliveros und besuchte ihre Workshops in der Schweiz, Mexiko, den USA. Ich habe verstärkt nach persönlicher Zusammenarbeit gesucht. Mit Hannah Hänni arbeitete ich in der Schweiz, mit der Choreographin Katharina Vogel wurde ein Stück in Rumänien realisiert. Diese zwei habe ich nach Workshops in Berlin kennen gelernt. Und ich habe Opernstücke mit Ann LeBaron gemacht. Die Erfahrung mit ihrem Stück „Pope Joan“ war eine sehr spannende und reiche Arbeit für mich, eine völlig neuartige Zusammenarbeit. Hier in Wien habe ich mit Renate Pittroff Theater gemacht, gleichzeitig meine eigene Musik mit Computer und Processing begonnen.
Es gibt viele spannende Möglichkeiten der Zusammenarbeit, in New York sehr viel mit Tanztheater und Performance. Jetzt bin ich in der Position zu sagen: Ok, wir machen diese Stücke, es gibt Stücke mit kritischem Blick, interessanter Musik, Bewegung und Bühnenbild. Zwei, drei Szenen werden an
einem Ort realisiert, doch es existieren immer noch zu wenig Gelegenheiten und Infrastruktur für diese Art von neuer Musik, für die Zusammenarbeit mit Frauen. Deshalb war ich sehr glücklich, als ich vom Festival „her position in transition“ gehört habe. Ich bin auch glücklich über andere Szenekunst, über Multimediaperformance.
Lesbische Identität.
Ich meine, wir können nicht so leicht sagen, dass wir nicht lesbisch organisiert sind. Es ist klar, dass Organisation von Film- oder Frauenfestivals mit Unterhaltungsmusik und Tanz, Disco und so weiter stattfindet. Was ich sehe ist Kulturmachen. Die schwule Bewegung hat im Gegensatz dazu auch Avantgarde- und experimentelle Musik in ihre Identität übernommen. Sie existiert neben den unterschiedlichen schwulen Identitäten wie etwa Drag, Theater, Sinfonie, alter Musik usw. und ist selbstverständlich.
Die lesbische kollektive Identität hingegen sehe ich viel stärker im Filmbereich, in der Autorinnenschaft, auf sehr hohem Niveau in der feministischen Theorie, in der Soloperformance, bildender Kunst in Kombination mit Performance. Aber die klassische Musik entspricht eigentlich sehr wenig dieser Identität. Und experimentelle Avantgardemusik noch weniger. Aber es sind viele spannende Frauen, die mit dieser Art von Musik arbeiten, in New York allein: ich, Ruth Anderson, Pauline Oliveros ... Wir sind sichtbar, werden aber nicht als Teil einer lesbischen kollektiven Identität wahrgenommen. Wir kennen einander, wir haben eine Musikgemeinschaft, aber was ich vermisse ist das Verständnis einer großen lesbisch-politischen, feministischen Identität.
Bei den Frauen denke ich, ist der Zugang zu Wissen eine Barriere. Sie schließen sich aber auch oft selbst aus. Es herrscht ein bestimmter Skeptizismus, die Schwierigkeit für sich selbst heraus zu filtern, was die Auseinandersetzung mit experimenteller Musik bringen soll. Dadurch, dass die elektronische Ausrüstung immer billiger wird, finden Frauen leichter Zugang und entdecken, dass es nicht höherer Bildung bedarf, sondern einer Offenheit im Denken und im Hören.“
Kristin Norderval
Album: „She Lost Her Voice That’s How We Knew“, (2004)
Susan McClary: „Feminine Endings: Music, Gender and Sexuality“.
University of Minneapolis, 1991. |