Dokumentationsporno?!
Der Dokumentationsfilm über den Porno „Deep Throat“, der 1972 in den US-amerikanischen Kinos vermutlich die wenigsten erregte und dennoch so viele aufregte, lässt nach über dreißig Jahren noch immer die Kassen klingeln. Von Beate Hausbichler

 

„Inside Deep Throat“, so der Titel der Dokumentation von den Filmemachern Fenton Bailey und Randy Barbato, ist seit Ende Jänner auch in Österreich zu sehen. Angekündigt wird eine Doku über einen Film, der zu einem „Sinnbild für eine neue Freiheit“ geworden ist, der erfolgreichste Independentfilm, der mit einem Produktionsbudget von 25.000 Dollar 600 Millionen Dollar einspielte, ein Film, bei dem bereits „der Kauf einer Kinokarte zu einem politischen und gesellschaftlichen Statement“ wurde, ein „Meilenstein der Popkultur“.
Zeitgleich mit dem Kinostart von „Inside Deep Throat“ in den USA erschien auch eine Neuauflage der Autobiografie von Linda Lovelace, die erstmals im Jahr 1980 erschien. Die Hauptdarstellerin von „Deep Throat“ erzählt darin, wie es zu allem gekommen ist, wie sie zur „Ikone der sexuellen Revolution“ wurde.

„Sexuelle Befreiung“?
Aber noch mal zurück ins Jahr 1972. Warum wird ein Pornofilm, ohne jeglichen künstlerischen Anspruch, dermaßen erfolgreich und löst einen solchen Rummel aus? Liest und hört frau die Artikel und Berichte über dieses „Ereignis“, die sich aufgrund der aktuellen Dokumentation häufen, könnte folgendes Bild entstehen: Ein Pornofilm putzt sich raus, verlässt das schmuddelige Pornokino, bespickt sich mit viel Humor und Ironie und wandert ins Kino für die ganze Familie. Die Schlange, die sich vor den Kinokassen bildet, bestehend aus Leuten wie dir und mir, zeigt den MoralpredigerInnen im Kollektiv den Stinkefinger. Porno für alle! Endlich! Heissa!
Acht Jahre später erzählt Linda Lovelace ihre Geschichte. Wie sie zur Prostitution, zu Hardcorefilmen und zu „Deep Throat“ gezwungen wurde, wie ihre Fluchtversuche vor ihrem Mann Chuck Traynor, der sie zur Ehe gezwungen hat, um sich so seine wichtigste „Einnahmequelle“ zu sichern, immer wieder scheiterten.
Schließlich musste Lovelace in einem Film die Hauptrolle spielen, der 600 Millionen Dollar einspielte, von denen sie nicht einen Dollar bekommen sollte. Alles, was Linda Lovelace mit ihrem Körper verdiente, bekamen entweder Chuck Traynor oder später Filmregisseure und Produzenten. Die Dokumentarfilmer Baily und Barbato, die die Ausbeutung weiter fortsetzten und indirekt Profiteure von Lovelace sind, unterschlugen leider diese Tatsache.

Wer berichtet?
Was geschah, nachdem die Produktionsbedingungen von „Deep Throat“ bekannt wurden? Wurden Verbindungen von „Deep Throat“ mit „neuer Freiheit“, „wider die heuchlerische Doppelmoral“ überdacht?
Wenn schon nicht damals, so könnte doch wenigstens Jahrzehnte später erwartet werden, eine zumindest etwas objektivere Variante der Ereignisse zu sehen zu bekommen. Stattdessen: Über dreißig Jahre später kommt eine Dokumentation in die Kinos, die es schafft alles noch mal zu wiederholen. Aber nicht nur „Inside Deep Throat“ möchte einer glauben machen, es wäre dem feministischen Bewusstsein von 1972 nichts hinzugefügt worden, sondern auch die Berichte über die Dokumentation unterstreichen dieses Verständnis. In Ankündigungen zur Dokumentation kommt es zu Verklärungen, die einer die Haare zu Berge stehen lassen: Lou Lorenz blickt in der ZiB 3 bei dem Namen Linda Lovelace neckisch in die Kamera und bezeichnet sie als „Ikone des Feminismus“. Jedoch gerade die Tatsache, dass an „Deep Throat“ ausschließlich Männer verdient haben, hat mit Feminismus wenig zu tun. Und ihr Engagement in der Antipornobewegung hatte wohl mehr mit ihrer Ansicht zu tun, Pornos seien vor allem wegen der Darstellung von sexuellen Praktiken abzulehnen, die sie selbst immer wieder in ihrem Buch als „pervers“ bezeichnet und die ihr nicht „normal“ erschienen, als mit einer feministischen Motivation.

Wer erzählt?
Alte tattrige Männer, liebevoll-schrullig inszeniert – das sind also die Macher des viel gehypten Werks. Sogar das Märtyrermäntelchen wird ihnen umgehängt, schließlich haben sie sich trotz der brenzligen Gesetzeslage für Pornografie gegen das Establishment in die Bresche geworfen. Für Bailey und Barbato scheinen sie Helden zu sein, die für die „sexuelle Revolution“ kämpften, die für eine Befreiung aus Prüderie und unbefriedigendem Sex für alle standen.
Auch die flammende Verteidiungsrede in einem Gerichtssaal, wo gegen die Ausstrahlung des Films prozessiert wurde, blieb völlig unkommentiert. In dieser hieß es, dass der Film zur Aufklärung über die sexuellen Bedürfnisse der Frauen beitrüge. Falls es noch nicht erwähnt wurde: Der „Clou“ von „Deep Throat“ liegt darin, dass ein Arzt einer Frau diagnostiziert, dass ihre Klitoris im Hals sitzt und sie deshalb nur über Oralsex mit Männern befriedigt werden kann. So viel zur sexuellen Befriedigung der Frauen.
Die alten Herren – ihnen wird die meiste Zeit der Dokumentation gewidmet – werden viel über die Mafia, die den Film finanziert hat, befragt, womit die Filmemacher zu Opfern der Mafia gemacht werden. Weniger genau wird hinterfragt, ob „Deep Throat“-Regisseur Gerard Damiano gewusst hat, was mit seiner Hauptdarstellerin, die ihm all den Ruhm bescherte, passierte. In „Die Wahrheit über Deep Throat“ macht Linda Lovelace klar, dass die gesamte Filmcrew davon gewusst hat und sehr damit beschäftigt war, die blauen Flecken auf ihrer Haut abzudecken.

Wiederholung!
Regisseur Barbato sagte in einem Interview(1), es müsse nicht alles geglaubt werden, was darüber erzählt wird, was Linda Lovelace angetan wurde. Wenn Barbato meint, derartige Aussagen machen zu müssen, kann vermutet werden, dass er wohl selbst weiß, dass nur ein paar Argumente genügen, um seinen Film ad absurdum zu führen. Es zeigt auch, wie wichtig es für diese Dokumentation ist, dass Linda Lovelace nicht mehr am Leben ist (sie verunglückte 2002 bei einem Autounfall) und selbst nichts mehr richtig stellen kann.
Der Film reduziert verschiedene Positionen auf für oder gegen Porno, auf für oder gegen Zensur. Gerade in diesem Fall würde sich die Frage nach den Bedingungen einer Pornoproduktion – von und für wen Pornos gedreht werden – anbieten. Darüber hätte Annie Sprinkle, die leider nur in zwei Sätzen in der Doku vorkam, wohl einiges zu erzählen gehabt. Sprinkle spielte in den Siebzigern in unzähligen Pornofilmen, führte Regie und fungierte auch als Produzentin. Sie rehabilitierte das Bild der Sexarbeiterin, die gleichzeitig immer das Opfer ist. Sie kritisierte immer wieder die eingeschränkten Vorstellungen von pornografischem Material, sie plädiert für experimentellere feministischere Pornos(2). Eine solche Position außerhalb einer moralischen Argumentation fehlt in „Inside Deep Throat“ völlig.
„Sprinkle gelangte auf indirektem Weg zur Prostitution und unterlief so deren Macht“, und weiter: „... sie entschied sich, diese Rolle [der Sexarbeiterin] aktiv zu übernehmen“.(3) Für Lovelace war es anders, sie wurde völlig entrechtet, eine heldenhafte Inszenierung der „Deep Throat“-Macher als Befreier einer heuchlerischen Moral ist also überflüssig.
Ein weiterer Grund, warum die Glorifizierung der Dokumentarfilmer mehr als seltsam ist, hat wieder nichts mit der Darstellung von Sex zu tun, sondern mehr mit der maßlosen Ausbeutung der DarstellerInnen. Pornografie ist zwar nach wie vor vorwiegend in männlicher Hand und mit dem Internet kam ein Medium hinzu, für das Bilder und Filme unter den schlimmsten Bedingungen produziert werden, doch gibt es mittlerweile sowohl Vertreiberinnen, Produzentinnen und Regisseurinnen, die sich dieses Problems bewusst sind und dagegen arbeiten.(4)
Aber dennoch: Selbst in dem Kino, das gern den „anspruchsvollen Dokumentarfilm“ zeigt, ist frau nicht gefeit, Zeugin von etwas zu werden, wo die Entscheidung schwer fällt: Stagnation oder Regression?

„Ich hatte mit dem Geld so viel zu tun wie ein Kassierer in der Bank: Ich bekam es von einem Mann und gab es an einen anderen weiter.“  (Linda Lovelace)

(1) Interview in den ÖO Nachrichten vom 20.2.2006

(2) Wie etwa die von Sprinkle selbst mitproduzierten Filme:
„Linda/Les and Annie: The First Female-to-Male Transsexual Love Story“ (von Annie Sprinkle, Al Jaccoma and Johnny Armstrong) oder
„The Sluts and Goddesses Video Workshop“ (von Annie Sprinkle and Maria Beatty)
Mehr zu Annie Sprinkle unter http://www.anniesprinkle.org

(3) Gabrielle Cody zitiert in: Annie Sprinkle: Hardcore von Herzen. Edition Nautilus, Hamburg 2002, Seite 13.

(4) Zum Beispiel Laura Meritt: http://www.sexclusivitaeten.de