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Eine junge Frau mit langen, dunklen Haaren sitzt auf dem Küchenfußboden und attackiert mit einem langen Messer konzentriert das Holzparkett. Sie wirkt leicht amüsiert in der immer gleichen Bewegung. Daneben, in einem anderen nonchalanten Video, ein kleines Mädchen, das mit ähnlicher Konzentration Erde in einen kleinen Eimer schaufelt und sich beim Spielen in seiner Welt verliert. Es ist die Tochter der Künstlerin. Diana Hakobian untersucht in ihrer Arbeit gerne Änderungen der weiblichen Position in der Gesellschaft, wobei sie der Einfluss der industriellen Modernisierung auf Frauen – im Gegensatz zur traditionellen, weiblichen Rolle in den Dörfern – besonders interessiert. Auch Sona Abgarian, eine zweite, ebenfalls in Wien von KulturKontakt Austria ausgestellte Armenierin, verbindet ihre Video-Arbeit mit Performances, was typisch für die armenische Videokunst der letzten Jahre ist. Abgarian untersucht fehlende Kommunikationsformen zwischen Frauen – meistens die der Körpersprache. In ihrem Video im großen Raum der Galerie ArtPoint bei der Universität am Schottentor ringen zwei Frauen in liegender Position miteinander und versuchen sich zu beißen.
Soziale Themen.
Letztes Jahr fand in der armenischen Hauptstadt Yerewan erstmalig ein großes, internationales Frauen Festival zum 8. März statt. Das Motto lautete „Dialog zwischen Frauen“, weil laut Organisatorinnen viele Frauen „das Schweigen bewahren“. Nach dem Kollaps der Sowjetunion wurde von der neuen Regierung der 7. April zum neuen Feiertag für Schönheit und Mütterlichkeit von Frauen ausgesucht. Doch der 8. März ist nicht vergessen. Junge Künstlerinnen interessieren sich für soziale Themen und soziale Bewegungen. Die
in Wien ausgestellte Sona Abgarian beschäftigt sich mit den Möglichkeiten junger Frauen, real an der Gesellschaft teilzunehmen. Mädchen und Jungen bezeichnen sich im russischen Slang gegenseitig als „Krutoy“, was „cool“ und eine kommerzielle Version von Prinzessin und Prinz bedeuten soll. Im Gegensatz zu den Slogans der Sowjet-Ära, die Lohnarbeit priesen und in den Himmel hoben, halten die „Krutoys“ ArbeiterInnen für dumme Personen. Ein Mensch, der von seiner Arbeit lebt, wird von den modischen Coolen lächerlich gemacht. „Im Gegensatz zu der 1980er Generation, die daran glaubte, dass die Bedingungen des freien Marktes endlich Respekt für die Arbeit Einzelner bringen würden, hat die heutige Generation diesen Glauben verloren. Sogar, dass Frauen durch ihren Beruf etwas Sinnvolles in die Gesellschaft einbringen könnten, wird angezweifelt. In der Ära der Sowjetunion konnte eine Frau eine Ärztin, eine Fahrerin, eine Pilotin sein … Heutzutage symbolisiert sie das kindische kleine Mädchen, das noch als beste Position eine Puppe für die Reichen werden kann“, sagt Sona Abgarian, die Sarkasmus als einzige und wichtigste Waffe von Frauen bezeichnet.
Keine Folklore.
„Wenn unser kleines Land Armenien erwähnt wird, denken die Leute sofort an das Genozid durch die Türken. Oh, diese armen Armenier, heißt es immer!“, sagt Eva Khachatrian, die für die Galerie die Ausstellung zum Frauenbild im Kaukasus kuratiert hat. Khachatrian ist in Armenien die erste junge Frau im noch recht neuen Beruf der KuratorIn. „Die Anerkennung der Genozid-Opfer durch die türkische Regierung ist aber eher ein Problem für die armenische Diaspora, für uns junge Künstlerinnen liegt das Hauptproblem in den Beziehungen mit Aserbeidschan. Ich habe einige Projekte mit aserbeidschanischen Künstlerinnen gemacht. Wir können uns nur in Georgien treffen, die dürfen nicht zu uns und wir nicht zu denen. In Armenien ist es egal, was man in der zeitgenössischen Kunst so macht, in Aserbaidschan wird diese Kunst zwar finanziell unterstützt, aber genaustens kontrolliert.“ Eva Khachatrian kommt aus „der Einsamkeit der Avantgarde-Musik“ („du bist sehr aufgeregt über etwas, was sonst niemand interessiert ...“) und arbeitet im Zentrum für Zeitgenössische Experimentelle Kunst in der Hauptstadt Yerewan. Ihre Mutter ist Philologin, ihr Vater der Direktor der Kunstschule in einem Bezirk, der „Bangladesh“ genannt wird, weil er im Sommer mit all den Plattenbauten so heiß ist und weit entfernt vom Zentrum liegt. Den hohen Bauten wird bei den vielen Erdbeben keine lange Überlebenszeit prophezeit. Eine Performance mit KünstlerInnen zur Musik von John Cage war der Beginn von Evas Karriere. Doch ihr Interesse erweiterte sich auf immer mehr Varianten zeitgenössischer Kunst: „In der Sowjetunion kam die moderne, abstrakte Kunst in den 1970er Jahren in das Museum. Diese Sachen sind immer noch dort, aber die mag ich nicht mehr. Die Malerei, die der traditionelle Direktor gerne hat, besteht zwar nicht nur aus Landschaften und Porträts, aber basiert auf der nationalistischen sowjetischen Tradition, die sich sehr auf Folklore und Mythen bezieht.“ 2001 verband Eva erstmalig visuelle Kunst mit Musik zur Ausstellung „sound + space“. Bereits ihr Vater Grigor Khachatrian versuchte Foto-Performances, Filme und Video als Kunst zu etablieren. Das Zentrum für Zeitgenössische Experimentelle Kunst ist ein riesiges altes Gebäude mit zehn Meter hohen Sälen, das eher wie eine Disko oder ein Theater wirkt. Khachatrian arbeitet immer wieder an den Ausstellungen für den armenischen Pavillon auf der Biennale in Venedig mit, den die Diaspora finanziert. Aber auch heute wird als Programmkonzept gerne noch immer das Motto „Eine Nation, eine Kultur“ eingefordert. SponsorInnen aus dem Ausland sind immer Bedingung, denn die armenische Regierung unterstützt trotz eigenem Kulturminister keine Kunst. In der korrupten Struktur, „einer Übergangsperiode zwischen Sozialismus und Kapitalismus“, halten sich nicht wenige KGB-Agenten. Eine „Revolution wie in Georgien“ scheiterte und die Opposition ist schwach. „Wenn Künstlerinnen ein bestimmtes Bedürfnis in der Gesellschaft spüren, können Kuratorinnen das noch stärker ausdrücken“, sagt Khachatrian. „Wir leben in einer problematischen Gesellschaft mit einem Mangel an sozialen Bewegungen, dessen Ausgleich ich anregen möchte.“ Nach ihrem „Neue Medien Festival“, im Untertitel „Kunst im Zeitalter neuer Technologien“, beginnt sie den 8. März 2007 zu planen. Auf nach Yerewan! |