AIDS ist nicht geschlechtsneutral
Wer versucht, AIDS über einen Kamm zu scheren, wird scheitern. Wer meint, AIDS sei ausschließlich ein Auseinandersetzungsfeld der Medizin und keine politische Frage, irrt sich. Leni Wiebach über die Konstruktion eines Mythos.

 

1982 wurde ein Virus entdeckt und löste beinahe unmittelbar danach eine große Hysterie aus. Eine bislang unbekannte Krankheit bedroht die gesamte sexuell aktive Menschheit, die Medizin ist machtlos, die Politik ist machtlos. So präsentierte sich das Bild von AIDS in der Öffentlichkeit. Eine Broschüre der deutschen Aidshilfe analysiert die damalige Situation: „Die Medien hatten schnell ihre Schuldigen gefunden: die personifizierte Promiskuität. Prostituierte, DrogengebraucherInnen und schwule Männer. Auf diese Weise wurde AIDS schnell zur Lustseuche oder Schwulenpest stilisiert.“ Zusätzlich schufen die Medien zwei Kategorien HIV-positiver Menschen. Die schuldig und die unschuldig Infizierten, eine Gruppe der
TäterInnen und eine der Opfer. So wurden zum Beispiel im deutschen Magazin „Der Spiegel“ grausame Geschichten von genusssüchtigen schwulen Männern erzählt und nicht zuletzt auch Geschichten von „promiskuitiven Prostituierten“, die das Virus an ihr Kind weitergaben, dessen Geschichte dann in allen Facetten ausgebreitet wurde. Die Rabenmutter – die Täterin, das Kind – das Opfer.
Der harten Arbeit einzelner PolitikerInnen und diverser Organisationen, wie zum Beispiel der Aidshilfe, ist es zu verdanken, dass sich dieser Mythos langsam auflöst. Teile davon halten sich allerdings bis heute in der gesellschaftlichen Meinung. Und solange gesellschaftliche Rollenbilder existieren, solange sind Frauen die Täterinnen oder zumindest selbst schuld. Hexe wird immer Hexe bleiben?

Normalisierung.
Heute gilt es europaweit als schick eine Aidsschleife zu tragen, der Aidsball ist praktisch Pflicht. HIV-positive Menschen haben heute das Mitleid der breiten Masse auf ihrer Seite. Aber auch die Solidarität?
AIDS wurde erfolgreich „normalisiert“, die Medizin kann den Krankheitsverlauf mehr oder weniger steuern, es existieren präventive Medikamente. Die Sicherheit ist wieder eingekehrt in den Köpfen.
An dieser Stelle beginnen zwei Problematiken: Es entsteht die Illusion, die Politik in Europa habe ihre Schuldigkeit getan. AIDS hat sich von der politischen Ebene auf die medizinische begeben. Längst stellt sich niemand mehr die Frage, wie die Politik auf AIDS zu reagieren hat, vielmehr haben nun Pharmakonzerne freie Hand mit Therapiemöglichkeiten und Patenten auf Medikamente beliebig zu jonglieren. Freilich muss dabei Profit gemacht werden. Es wird Zeit einzusehen, dass AIDS durchaus eine politische Frage ist.

Auf Kosten der Frau.
Es ist zum Vorteil eines Konzernes bei der Konzeption eines Medikaments von einer Norm auszugehen. In unserem System ist diese Norm weiß und männlich. Frauen sprechen auf Medikamente und Therapien vermutlich anders an als Männer, dieses Problem reicht von der Dosierung bis zu den Inhaltsstoffen. So bedauert auch Gerlinde Balluch, Ärztin und Mitarbeiterin der Aidshilfe Wien, dass es viel zu wenig Forschung in diese Richtung gäbe und eigentlich so gut wie keine Studien, die die gechlechtsspezifischen Unterschiede von Medikamenten und Therapien untersuchen. Es würden zwar zunehmend Frauen in Studien mit einbezogen, aber konkrete vergleichende Untersuchungen gebe es nicht. „Die meisten HIV-infizierten Frauen in Österreich sind zwischen 25 und 30 Jahre alt, durchschnittlich befinden sie sich in einer sehr schwachen sozialen Situation“, weiß Elisabeth Berber, Frauenbeauftragte der Aidshilfe Wien. Sie beklagt, dass viele Frauen erst sehr spät mit der Therapie beginnen, oft auch aus Angst vor gesellschaftlicher Diskriminierung. Gerlinde Balluch hat beispielsweise von Fällen gehört, wo Frauen von behandelnden ÄrztInnen hören mussten, sie hätten nicht so „herumhuren“ sollen.
Unterschiedlich ist auch das Verhalten von Frauen und Männern in Beziehungen, in denen ein PartnerInnenteil HIV-positiv ist. Elisabeth Berber führt aus, dass in den meisten Fällen Frauen zu ihren HIV-positiven Ehemännern oder Freunden stehen, eine HIV-positive Frau hingegen werde von ihrem Mann oder Freund häufig verlassen. Die betroffene Frau bleibt oftmals mit einem Kind zurück. Gerlinde Balluch nimmt an, dass das auch Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf haben kann, vermisst aber auch hier entsprechende Studien.
Diese Missstände zeigen klar und deutlich, dass sich die Politik nicht so einfach aus der Verantwortung ziehen und AIDS zur rein medizinischen Frage erklären kann. Hier und an dieser Stelle haben politische Forderungen nach Aufklärungsmaßnahmen und sozialer Unterstützung anzusetzen.

Südafrika.
In Südafrika sind von 25 Millionen EinwohnerInnen, fünf Millionen HIV-positiv, jedes Jahr sind 250.000 Neuinfektionen und 250.000 Aidstote zu beklagen.
Damit im Zusammenhang stehen auch 55.000 registrierte Vergewaltigungen pro Jahr, die südafrikanische NGO „Rape Crisis Cape Town“ schätzt, dass die Dunkelziffer etwa zwanzigmal so hoch ist.
Von 17,5 Millionen infizierten Frauen weltweit, sind 13,5 Millionen Afrikanerinnen.
Hier wird deutlich, dass frau sich in der Bekämpfung von AIDS nicht auf die Pharmakonzerne verlassen kann, zumal 2003 der Passus, Vergewaltigungsopfer würden Medikamente zur HIV-Infektionsprophylaxe erhalten, wieder aus dem südafrikanischen Gesetz gestrichen wurde. Vergewaltiger hingegen erhalten meist umfassende medizinische Behandlung, nicht nur gegen eine HIV-Infektion, sondern auch – bedarfsweise –  gegen Alkohol- und Drogensucht.
Charlene Smith sieht in einem Artikel in „le Monde diplomatique“ sehr starre Normen von Männlichkeit, gemischt mit sozialer Perspektivenlosigkeit als einen der Hauptgründe von Gewalt gegen Frauen und damit auch für die rasche Verbreitung von AIDS.
Sie beschreibt auch das ambivalente Verhältnis von Jugendlichen zu Sexualität. So geben über 25 Prozent der Jugendlichen an, Mädchen würden es mögen vergewaltigt zu werden, nach einer Studie der südafrikanischen Forschungsgruppe CIET wird die Vergewaltigung einer Person „die man kennt“ oder „unerwünschtes Anfassen“ gar nicht als sexuelle Gewalt verstanden. Fast 75 Prozent der Mädchen sind schon zu sexuellen Handlungen gezwungen worden. Elisabeth Berber meint dazu, dass nach neuesten Studien neuinfizierte Frauen global gesehen immer jünger sind.
Auch auf einer Veranstaltung von amnesty international im Rahmen von „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ wurde festgestellt: „Gewalt gegen Frauen fördert Aids.“

Forderungen.
Studien zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Medikamenten und Therapien sind deshalb dringend notwendig. Auch die Auswirkungen der sozialen Situation auf den Krankheitsverlauf sollte erhoben werden, da nur dann vorbeugend Maßnahmen gesetzt werden können. Da ein freier Zugang zu Medikamenten und Therapien weltweit gesichert werden müsste, ist die Unterstützung, die Pharmakonzerne bei der Patentierung von Medikamenten von der Welthandelsorganisation (WTO) erhalten, alles andere als hilfreich. Kostengünstige medizinische Versorgung steht eben wirtschaftlichem Profitdenken entgegen.

Aidshilfe Wien: www.aids.at