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„S’ Land hat vier Viertel, sonst war’s ja net ganz“, wird den jungen NiederösterreicherInnen schon im Musikunterricht in der Volksschule beigebracht. Gesungen wird gerne im größten Bundesland Österreichs, genauso wie Theater gespielt – bei diversen Sommerfestivals und jeden zweiten Sonntag im Gemeindestadl. Der Kunstbegriff ist überwiegend ein traditioneller – aber nicht nur. Auch nicht beim Viertelfestival Niederösterreich, das noch bis 17. September dem Waldviertel unter dem Titel „ruhe.los“ knapp achtzig recht spannende bis höchst aufregende Kunstprojekte beschert.
Viertelfestival. Alle vier Viertel Niederösterreichs werden im Rahmen des Viertelfestivals nacheinander bespielt: 2004 war es das Weinviertel, dieses Jahr folgt das Waldviertel. Ende Juni läuft bereits die Ausschreibung fürs Festival im Industrieviertel 2007 aus und 2008 folgt dann das Mostviertel.
Ziel des Festivalteams ist es, „die Vielfalt und Qualität des regionalen Kulturschaffens ins Rampenlicht zu rücken“. Also raus aus den urbanen Zentren und rein ins Land, von dem es in Niederösterreich ja genug gibt: „Kultur vor der Haustür“ lautet das Motto.
Sechs Monate etwas andere Kunst: Da ist auch Raum für ein paar tolle Projekte von Frauen, nicht einmal ein Viertel, aber zumindest Raum. Beispielsweise für die aus Westsibirien stammende Künstlerin Lena Lapschina, die eine „Überraschung 06“ mit drei Interventionen in Langenlois liefert, mit der eine „zum Mitmachen animierende Ruhelosigkeit“ erzeugt werden soll. Ende Mai machte sie mit den LangenloiserInnen eine als Werbefahrt getarnte Kulturreise im Bus nach Dlouhá Chvile (Tschechien). Im Juni stehen dann eine öffentliche Besichtigung einer „obsoleten Skulptur mit dem Bildnis des heiligen Florian“ auf dem Programm sowie das Screening der Videodokumentation der Interventionen und eine Podiumsdiskussion mit KunstwissenschafterInnen.
Ein Stück „Waldviertler Kulturgeschichte“ steht im Zentrum der im September stattfindenden musikalischen Installation „Durch die Bank“ von Tini Trampler, Heidi Schatzl und Andreas Spiegl. Es ist die Hommage an eine alte Sitte: „Die alten Menschen, die vor ihrem Haus auf einem Sessel oder einer Bank sitzen und dabei nicht mehr und nicht weniger tun als zu beobachten, was gerade passiert – oder gerade nicht passiert.“ Ihnen zu Ehren werden eigene Lieder übers Bankerlsitzen verfasst und von Tini Trampler & Die Dreckige Combo im Rahmen von Straßenkonzerten präsentiert. Begleitet wird die musikalische Widmung von Interviews mit BankerlsitzerInnen.
Die bekannte Künstlerin Iris Andraschek verwirklicht im Juli gemeinsam mit Hubert Lobnig auf einem ehemaligen Weinberg bei Horn ein Überlebenscamp, in dem sich BesucherInnen für eine begrenzte Zeit den Traum von der Freiheit erfüllen können. Denn: „Wer hat sich noch nie gewünscht, ein unabhängiges Leben zu führen, alle Verpflichtungen und Verbindungen hinter sich zu lassen und aus dem System auszusteigen, dessen Mechanismen unkontrollierbar geworden sind und uns alle krank machen?“ Diesen „Unabhängigkeitsutopien“ widmen sich auch künstlerische Installationen im und rund um das Camp im Wald.
Frauenkunst in NÖ. Auch der Verein funkundküste aus Krems ist mit dem Projekt „wild.wechsel“ beim Viertelfestival vertreten. Den Verein „wild.wechsel“ gibt es schon seit 1983 und er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Autopopulation zu dezimieren. Denn Autos sind „wie Wildtiere bewegte Objekte“, eine Art Zwitterwesen zwischen Lebewesen und Maschine. Bis Ende September werden im Rahmen des Projektes auf städtischen Kreisverkehr-Innenflächen Hochstände aufgestellt und die selbst gebastelte Trophäensammlung ist dann im Offenen Atelier funkundküste in Krems zu bestaunen. Vernissage ist am 2. September.
Andrea Brunner, gemeinsam mit Friederike Grühbaum der Verein funkundküste, weiß, dass das symbolische Autos-Abschießen nicht mehr und nicht weniger als ein Kunstprojekt ist. Die Tatsache, dass „immer mehr Autos immer mehr Abgase und Sondermüll produzieren bzw. deren Produktion riesige Energiemengen verbraucht“ sei den Künstlerinnen nicht gleichgültig. „Wir erwarten uns aber durch das Projekt keine Veränderung der Situation, die kann nur politisch durchgesetzt werden.“ Auch beim im März im Rahmen von „her position in transition“ in Wien aufgeführten Projekt „mösen-morsen“ habe ein ernstes Thema im Hintergrund gestanden: dass schlecht trainierte Beckenbodenmuskeln gesundheitsgefährdend sind „und einen aufrechten Gang verunmöglichen und zwar nicht nur aber vor allem für Frauen“.
Mehr politisch kontroversielle Projekte würde sich Andrea Brunner auch in Niederösterreich wünschen, „mehr echte Ruhelosigkeit, mehr von dem, was die Menschen im Waldviertel bewegt, warum sie abwandern“. Das Viertelfestival in seiner jetzigen Form geht ihr da nicht weit genug: „Es ist halt hübsch, fremdenverkehrstauglich und bierzeltig.“
Der Verein funkundküste verwirklicht einerseits derartige Kunstprojekte im Sozialen Raum und betreibt andererseits ein Offenes Atelier in Krems an der Donau. Offene Frauenkunstgruppen treffen sich ab September regelmäßig, um „in einem geschützten Rahmen ihre gestalterischen Blockaden abzubauen und ihren authentischen künstlerischen Weg zu beginnen“.
Fünf Gehminuten vom Offenen Atelier entfernt ist der Frauenraum „Lilith“ zuhause, in dem neben verschiedensten Veranstaltungen und Beratungen auch Kunstveranstaltungen stattfinden: Vom Frauenfilmabend am 2. Juni bis zum Kunsthandwerksmarkt am 10. Juni. Das alles wird mit minimalem Budget verwirklicht, denn „wir haben gerade genug Geld um durchzukommen, also eigentlich zu wenig“, erklärt Friederike Grühbaum, die sich neben funkundküste auch bei Lilith engagiert. Kunst und Kultur von Frauen bleiben trotz bemühter Projekte wie dem Viertelfestival ein Nischenprodukt, denn – ein Blick auf die Gremien genüge – „es schaut so aus, als ob Kultur in Niederösterreich fest in männlicher Hand wäre“
Viertelfestival Niederösterreich
funkundküste
Offenes Atelier
Steiner Landstraße 14
3504 Krems/Stein
Lilith
Frauencafe/-beratung
Steiner Landstraße 76
3504 Krems/Stein
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