Krankheit Frau?
Früher war die Frau hysterisch, heute ist sie depressiv. Wie der weibliche Körper mit Krankheiten versehen wird. Von Bettina Enzenhofer

 

Die Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt: Von 121 Millionen Betroffenen weltweit bist du als Frau doppelt so oft depressiv wie ein Mann. Die Wissenschaft hat mal gesagt: Als Frau trägst du die Wahrscheinlichkeit, eine Hysterie zu entwickeln – schließlich hast nur du eine im Körper umherwandernde Gebärmutter, die dein seltsames Verhalten auslöst. Und dann war da doch noch die Sache mit der „psychischen Krankheit“ Homosexualität. Aber alles der Reihe nach: Gesundheit, Krankheit, etwas tut mir weh, nicht weh, ich lass mir helfen, geh zur Ärztin, zum Arzt – aber was passiert dort überhaupt, wer bestimmt überhaupt, was als gesund und krank gilt? Und diffiziler: Wie ist das im Bereich des psychischen Wohlbefindens? Die Psychologie sagt: Ich leg die Norm für psychische Krankheiten. Was heißt das aber? Welche Diagnoseinstrumente werden hier verwendet und welche Auswirkung hat das eigentlich auf uns alle?

Klassifikation. Im Psychiatriebetrieb wird heute mit zwei Klassifikationssystemen gearbeitet: Dem ICD-10 (International Classification of Diseases) der WHO und dem DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) der American Psychiatric Association, wobei „10“ bzw. „IV“ für die jeweils heute gültige Fassung steht. Wissenschaftliche Forschung bringt es mit sich, dass ICD und DSM bei neuen Erkenntnissen neu aufgelegt werden.
In diesen Klassifikationssystemen werden einzelne „Symptome“ zu Krankheiten zusammengefasst, Krankheiten quasi konstruiert, wobei kulturelle Auffassungen, was als „normal“ und „krank“ gilt, ausschlaggebend sind. So wurde z.B. Homosexualität erst mit Erscheinen des DSM-II (1974) bzw. dem ICD-10 (1992) aus der Liste der „psychischen Krankheiten“ gestrichen, die posttraumatische Belastungsstörung wiederum erst 1980 in das DSM-IV
aufgenommen. Wie veränderlich also scheinbar fix gegebene „Krankheiten“ sein können, ist offensichtlich.
Beispielsweise auch das Bild der Hysterie: Anfangs als Dämon in Frauenkörpern eben diesem Geschlecht zugeschrieben, ist der Begriff selbst heute noch immer in der Alltagskommunikation präsent und wird immer noch mit Frauen assoziiert. Und was ist in der Zeit dazwischen passiert?
Hysterie. Schon im alten Ägypten wurden bestimmte körperliche Beschwerden bei Frauen einer Bewegung der Gebärmutter zugeschrieben: Man glaubte, sie könnte im weiblichen Körper umherwandern und auf diese Weise Symptome wie Glieder- und Nackenschmerzen, Schwerhörigkeit, die Unfähigkeit aufzustehen u.a. auslösen. Den Begriff „Hysterie“ schließlich prägte Hippokrates, abgeleitet von „hystera“ (Gebärmutter). Er glaubte, dass die Gebärmutter aufgrund fehlendem Geschlechtsverkehr durch den Körper wandert (um feuchtere Regionen zu suchen und nicht auszutrocknen). Auch Plato sah eine wesentliche Bestimmung der Frau als Gebärende, und die Gebärmutter als „Tier, das glühend nach Kindern verlangt“ wie
Regina Schaps in ihrem Buch „Hysterie und Weiblichkeit“ schreibt. Die Idee der schweifenden Gebärmutter wurde später zwar fallengelassen, die sexuelle Konnotation aber blieb.
Dem Arzt Thomas Sydenham ist es zuzuschreiben, die Hysterie seit dem Barock nicht als organisches, sondern als eine Form des seelischen oder geistigen Leidens aufzufassen. Er sah auch das „Krankheitsbild“ nicht länger nur auf Frauen konzentriert, sondern bezog das männliche Geschlecht mit ein. Die Phase frauenverachtender „Erkenntnisse“ hörte aber noch nicht auf: Manch Wissenschafter sah wieder ausschließlich Frauen von Hysterie betroffen – für den Popularphilosophen Feuchtersleben(1) waren vor allem unverheiratete Frauen „aufgrund des ungelösten Widerspruchs zwischen ihrem Begehren und ihren Hoffnungen einerseits sowie ihrer sexuellen Abstinenz und ihrem unerfüllten Dasein andererseits besonders hysterieanfällig.“(2)
In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden wegen der Ansicht, Masturbation verursache Wahnsinn, Hysterie, Nervosität und Epilepsie, Klitorisentfernungen und Kastrationen durchgeführt, um so die Ursache dieser Krankheiten zu beseitigen.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden mit Möbius, Janet, Freud und Breuer psychologische Theorien bekannt. Mit Aufkommen der Psychoanalyse, Freuds Theorien zum Unbewussten und der Sexualität wurde der Hysteriebegriff neutralisiert, weg von einer medizinischen und kulturellen Bedeutung hin zu einer Variante einer allgemeinen Neurosenlehre. Mittlerweile wird der Begriff Hysterie nicht mehr verwendet, zu weitreichend sind seine Geschichte und Bedeutung. In der Psychiatrie unterscheidet man heute die histrionische Persönlichkeitsstörung (DSM-IV) und die dissoziativen Störungen (Konversionsstörungen, ICD-10), mit denen der früheren Hysterie ähnliche Symptome zusammengefasst werden: Amnesie, Krampfanfälle, Trance- und Besessenheitszustände, Störungen der Bewegung u.a. Das Konzept gilt für Frauen und Männer.

Depression. Genauso – also geschlechtsübergreifend auftretend – steht es mit der Diagnose einer Depression. Allerdings: Statistiken ist zu entnehmen, dass sie Frauen doppelt so oft trifft wie Männer, sie gilt eher als weibliche Symptomatik. Warum sind Frauen so viel öfter depressiv? Oder: Warum wird Frauen so viel öfter diese Diagnose verpasst?
Es gibt nicht „die“ Depression. Wohl aber Symptome, die sich zum Bild einer Depression zusammenfassen lassen. Wie auch bei körperlichen Krankheitsmustern erkennt die Medizin heute bei psychischen Erkrankungen, dass sie sich in der Phänomenologie geschlechtsabhängig unterscheiden. So kann sich – muss sich aber nicht! – eine Depression bei Frauen mit Symptomen wie Antriebsstörungen, Grübeln, Schlafstörungen, sozialem Rückzug, keine Teilnahme an Plaudereien, einem Morgens-nicht-aufstehen-Können oder Vernachlässigung der Körperpflege, bei Männern mit Unruhe, Unzufriedenheit, Gereiztheit, stark verringerter Stresstoleranz, erhöhter Risikobereitschaft, verminderter Impulskontrolle, „Abreagieren“ oder Wutausbrüchen zeigen. Phänomenologische Unterschiede wie diese lassen sich beschreiben, nicht aber ursächlich erklären. Annahmen jedoch gibt es: Männer und Frauen zeigen Unterschiede in biologischen Faktoren (genetische und hormonelle Einflüsse), Arbeits- und Lebensbedingungen, Körpersozialisation und Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem.
Bezüglich statistischer Aussagen müssen aber auch methodische Verzerrungen Erwähnung finden: Frauen und Männer nehmen Symptome unterschiedlich wahr und berichten so auch unterschiedlich darüber. Männern werden eher somatische, Frauen eher psychosomatische Diagnosen zugeschrieben, zudem unterscheiden sich Frauen und Männer im Hilfesuchverhalten.
In der Diagnostik wird das wahrgenommen, was als abweichend gilt – und dies geschlechtsrollenabhängig. Geschlechtsstereotype von ÄrztInnen können auf diese Weise zu einer verzerrten Wahrnehmung der PatientInnen führen und mitunter inadäquate Diagnosen verursachen. Besonders interessant: Hinsichtlich unterschiedlicher Sozialisationserfahrungen von Frauen und Männern und übernommener Rollenbilder ist anzunehmen, dass sich „unter ähnlichen Lebensbedingungen die Geschlechterrollen annähern und damit Geschlechtsunterschiede in den Erkrankungsraten verschwinden.“(3) Auch der Faktor Arzt oder Ärztin ist nicht zu vernachlässigen: So tendieren Ärztinnen eher dazu, besser zuzuhören, mehr Kontrolltermine zu verordnen,
weniger Medikamente zu verschreiben, mehr auf psychosoziale Zusammenhänge zu achten, den PatientInnen mehr positives Feedback zu geben, mehr Diagnostik zu machen und mit den PatientInnen längere Gespräche zu führen.
Der heutige Stand der Medizin: sex (biologisches Geschlecht) und gender (psychosoziales Geschlecht) spielen bei der Entwicklung einer Depression zusammen. Und gerade die gender-Ebene ist wichtig: AutorInnen machen darauf aufmerksam, dass die (konstruierte) Norm dessen, was als gesund gilt, an Männern gemessen wird. Das heißt, dass eine Frau, die anders sozialisiert wurde und sich dementsprechend anders verhält, natürlich von der männlichen Norm abweicht, sich aber in einem für Frauen „normalen“ Verhaltensbereich bewegt. Dieser Unterschied wurde bisher aber vernachlässigt. Eigenschaften, die als „weiblich“ gelten (z.B. Ängstlichkeit, Aggressionsgehemmtheit, Konfliktunfähigkeit) finden auch als depressive Symptome ihre Erwähnung in der Psychiatrie(4), „eine in unserer Gesellschaft normale Frau ist ein kranker Mensch“(5). Grund genug, in der Psychiatrie eine geschlechtssensible Arbeit aufzunehmen.

(1) Ernst Freiherr von Feuchtersleben (1806-1849) war österreichischer Popularphilosoph, Arzt, Lyriker und Essayist.
(2) Schaps, Regina, 1992, S. 22
(3) Frauen für Frauen
(4) Frauengesundheitsbericht
(5) Hilsenbeck/Blessing/Haller,1993, S.52

Literatur:
http://www.who.int
Frauen für Frauen

Fischer, Gabriele: Warum Frauen gesünder leben & Männer früher sterben. Geschlechtsbezogene Krankheitsbilder. Wien 2005.

Hilsenbeck, Polina, Blessing, Annemie und Haller, Brigitte: „Ist Frau-Sein eine Krankheit? Geschlechtsspezifika bei Depression, Befindlichkeitsstörung, Medikamentenmißbrauch – Beispiel einer Therapie im Frauentherapiezentrum“ in Schneider, Doris und Tergeist, Gabriele (Hrsg.): Spinnt die Frau? Ein Lesebuch. Zur Geschlechterfrage in
der Psychiatrie. Bonn 1993.

Schaps, Regina: Hysterie und Weiblichkeit. Wissenschaftsmythen über die Frau. Frankfurt am Main 1992.

Riecher-Rössler, Anita und Rohde, Anke (Hrsg.): Psychische Erkrankungen bei Frauen. Für eine geschlechtersensible Psychiatrie und Psychotherapie. Basel 2001.