We don't need another Hero
Frauenbanden bilden. Aus dem Wunsch heraus, aus männerdominierten Strukturen der linken Szene auszubrechen, formierte sich im Herbst 2005 eine Gruppe von Frauen, die autonome Frauenräume schaffen will. Von der Frauengruppe und dem „Radikalen Nähkränzchen" aus Innsbruck

Bist Ausgangspunkt war ein Treffen zwischen den tRAUMfrauen* und dem Radikalen Nähkränzchen*. Nachdem seit längerem nicht mehr organisiert gearbeitet worden war, setzten sich die Frauen zusammen, um über inhaltliche Standpunkte, Vorstellungen und Projekte für die Zukunft zu sprechen. Das Ergebnis: ein Abend, an dem sich Frauen nicht nur über weitere, notwendige Veranstaltungen von Frauen für Frauen den Kopf zerbrachen, sondern Raum fanden, sich auf einer freundschaftlichen Basis über Erfahrungen in ihrem persönlichen/politischen Alltag auszutauschen.
Nach einem mehrstündigen Gespräch zeigte sich, dass das Bedürfnis nach einem Folgetreffen enorm groß war: Vieles wurde an jenem Abend offen gelegt und aufgerollt — es bestand geradezu eine Notwendigkeit zu handeln!

Mehrgeschlechtliche Konfrontation.
Ein Stein kam ins Rollen, und seit diesen ersten Treffen hat sich einiges getan. Bestand die Gruppe zu Beginn nur aus Frauen, so wurde auch der Versuch unternommen mehrgeschlechtlich zu arbeiten. Eine umfassende Gesellschaftskritik ist ohne feministische Fragestellungen in der Linken nicht mehr denkbar. Anstatt grundlegender Auseinandersetzungen mit Themen, werden aber oft nur feministische Parolen übernommen, ohne den eigenen (männlichen) Standpunkt zu reflektieren und eigene (männliche) Verhaltensweisen zu hinterfragen. Viel zu oft treten gerade Männer in linken Szenen mit einer Selbstgefälligkeit in Bezug auf Feminismus und emanzipatorische Belange auf, die nicht selten verwundert. Grundlegend war die Idee, Männer mit geschlechtsspezifischen Themen zu konfrontieren und in weiterer Folge dafür zu sensibilisieren. Da die Treffen recht zäh verliefen und oft bei Grundlegendem angesetzt werden musste, wurden auf Frauenseite Bedenken geäußert, ob eine Zusammenarbeit in der gegebenen Gruppenkonstellation überhaupt sinnvoll sei. Das lag vor allem daran, dass zwar eine Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Thema von Seiten der Männer vorhanden war, die Konfrontation mit eigenen Verhaltensweisen und Denkmustern aber nur langsam vonstatten ging. Da andere brennende Themen anstanden, auf die wir reagieren wollten, wurde diese Ebene der Zusammenarbeit vorerst auf Eis gelegt.
Aus diesen wenigen mehrgeschlechtlichen Treffen wurden drei Konsequenzen gezogen: Es braucht Freiräume, in denen Frauen offen miteinander reden können. Trotzdem ist es sinnvoll, auch die Arbeit in mehrgeschlechtlichen Gruppen, wenn auch nur sporadisch, fortzuführen. Vor allem bedarf es aber feministischer Öffentlichkeitsarbeit. Letzteres wird in Form von künstlerischen, theoretischen und aktionistischen Interventionen, vorwiegend in den linken Szenen selbst, durchgeführt. Eine sofortige Reaktion auf unmittelbare gewalttätige und/oder sexistische Übergriffe — sei es im Szeneumfeld oder in gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen — wurde zur konkreten Zielsetzung.

Auseinandersetzung.
Zu jenem kleinen Arbeitskreis stießen und stoßen in den letzten Wochen immer mehr Frauen aus den unterschiedlichsten Kontexten. Mitgrund für dieses Verlangen nach Austausch und gemeinsamer Arbeit stellt eine Vergewaltigung in der linken Szene in Innsbruck dar, die erst im Rahmen dieser Frauengruppe öffentlich gemacht wurde. Auf die Forderung nach Ausschluss des Vergewaltigers folgten Auseinandersetzungen in verschiedenen Gruppierungen und Einrichtungen. Die großteils von Frauenseite motivierten Forderungen wurden zwar meist widerspruchslos aufgenommen, eine offene, allgemeine Diskussion zum Thema Gewalt gegen Frauen in linken Szenen blieb jedoch aus. Hier zeigten sich die Schwierigkeiten mit Vergewaltigung in den eigenen Reihen umzugehen. Patriarchale Verhaltensweisen werden auch in der Linken reproduziert. Selbst wenn sich diese gern davon ausnehmen würde und nicht selten verbal davon Abstand nimmt, treten verinnerlichte sexistische Strukturen immer wieder auf. In Situationen, in denen eine klare Positionierung linker Gruppierungen und Einrichtungen wichtig wäre, gerät der Konsens was Frauenrechte und Emanzipation betrifft, schnell ins Wanken. Durch die Befürchtung, dem Täter könnte Unrecht getan werden, wird das Definitionsrecht (siehe Infokasten) der Frau untergraben.
In Innsbruck wurde der betreffende Mann zwar von vielen Organisationen und einigen öffentlichen Räumen ausgeschlossen und der Vorfall wenige Wochen diskutiert. Doch nahm die Linke jene Vergewaltigung nicht als Ausgangspunkt für weiterreichende Überlegungen, Selbstreflexionen und Veränderungen. Stattdessen wurde der Fall individualisiert und mit dem Ausschluss des Vergewaltigers ad acta gelegt.
Um dieser Tendenz entgegenzuwirken und (Alltags-)Sexismen zu benennen, suchten Frauen das Gespräch mit anderen Frauen. Die Gruppe wurde größer und suchte nach Möglichkeiten ihrer Wut über die zum Teil vorhandene Bagatellisierung der vorgefallenen Vergewaltigung, männerdominierte Strukturen und sexistische Tendenzen Ausdruck zu verleihen. Ziel war und ist es, eine breite Auseinandersetzung zum Thema Gewalt und Geschlecht zu führen. Zu diesem Zweck wurden auch Kompetenzen und Hilfestellungen bestehender Frauenorganisationen und Einzelpersonen, welche bereits länger in diesem Bereich engagiert sind, in Anspruch genommen. In weiterer Folge — so hoffen wir — werden durch vermehrte Bezugnahme aufeinander, Vernetzungen zwischen verschiedenen Frauen(gruppen) hergestellt und/oder erneuert.

Nein heißt Nein.
Wir entschlossen uns dazu, die traditionelle Demonstration am 1. Mai, auf welcher Jahr für Jahr die selben Parolen geschrien und die selben männlichen Ikonen zur Schau getragen werden, für unsere Zwecke zu nutzen. Mit einem eigenen Block zum Thema Gewalt an Frauen und extra dafür hergestellten Transparenten wollten wir zum einen das Thema in den öffentlichen Raum stellen, zum anderen die Demo selbst damit konfrontieren. Im Vorfeld informierten wir Frauen(organisationen) in Innsbruck über unsere Teilnahme und luden diese ein, sich uns anzuschließen. Nach einem gemeinsamen Frauenfrühstück, zu dem Frauen aus anderen Initiativen unserem Aufruf gefolgt und gekommen waren, schlossen wir uns alle dem Demozug im Rapoldipark an. Nachdem wir uns zu Beginn am Ende der Demo befanden, wechselten wir während der Demonstration weiter nach vorne. Wir reihten uns direkt vor dem Block ein, in dem der Vergewaltiger in erster Reihe mitmarschierte. Das Transparent „Vergewaltiger angreifen, überall — mit allen Mitteln, hinschauen — einschreiten — Hilfe holen — zuschlagen" wurde von uns verkehrt herum getragen und richtete sich somit direkt an die betreffende Person und die ihn unterstützende Gruppe. Die Reaktionen reichten von verbalen Attacken über kleinere körperliche Übergriffe, Unverständnis und Verwirrung bis hin zu Versuchen uns der Demo zu verweisen. Die Erläuterung eines Demonstranten „Der 1.Mai ist der Tag der Arbeit!" sollte uns wohl eine Fehlplatzierung attestieren. Von anderen Personen, vor allem Frauen, erhielten wir aber auch positive Rückmeldungen zu unserer Aktion. Zwei weitere Transparente mit den Aufschriften „Nein heißt Nein" und „We don't need another hero" waren auf die PassantInnen am Straßenrand gerichtet. Gleichzeitig wurden Flugblätter in und außerhalb der Demo verteilt, auf welchen wir den bürgerlichen Vergewaltigungsparagraphen thematisierten und eine umfangreichere Definition von Vergewaltigung einforderten.

Theorieverständnis.
Die Auseinandersetzung mit Vergewaltigung/Gewalt an Frauen muss zusätzlich zu einer aktionistischen Ebene aber auch in einem theoretischen Umfeld verortet werden. Wenn wir im Folgenden von Gesellschaft sprechen, beziehen wir uns dabei auf eine österreichische, westeuropäische, patriarchalische und kapitalistisch strukturierte Gesellschaft.
Wir gehen davon aus, dass Machtverhältnisse immer vorhanden sind. Diese werden auf gesellschaftlicher Ebene ausgehandelt und tauchen in verschiedensten Ausformungen auf. Macht verstehen wir — unabhängig von ihrer Aneignung — immer als produktiv und hervorbringend. Machtverhältnisse schreiben sich in den Körper ein — wir fühlen und denken durch sie. Herrschaftsverhältnisse sind Knotenpunkte von Machtverhältnissen. Diese sind historisch und örtlich bedingt. Dies bedeutet, dass kein Herrschaftsverhältnis „natürlich" ist, sondern immer schon gesellschaftlich-diskursiv konstruiert ist. Unsere Wahrnehmung von Dingen findet also schon immer in einer symbolischen Ordnung statt — ein Denken außerhalb dieser Ordnung ist nicht möglich. Das was Menschen als Individuen sind, ist ein gesellschaftlich-kulturell bedingtes Sein und Werden. Die westlich-bürgerlichen „Demokratien" sind als Herrschafts- und Zwangssysteme mit dualen Wertigkeiten organisierst. Geschlecht ist dabei eine der grundlegendsten Strukturkategorien. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Verbindung mit den Wissenschaften ein bipolarer Geschlechterbegriff geprägt, der naturalisiert und enthistorisiert wurde. Zwei voneinander vollkommen unterschiedliche Wesen mit unterschiedlichen Körpern und Verhaltensweisen und einer heterosexuellen Bezogenheit wurden geschaffen. Der heute vorherrschende Geschlechterbegriff ist also in seinem Ursprung bürgerlich und eng gekoppelt an Sexualität. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Die Inhalte dieses Geschlechterbegriffs haben sich im Laufe der Zeit gewandelt, doch die Struktur blieb erhalten: Geschlecht ist „natürlich" und historisch unveränderlich. Dazu schreibt Jutta Hartmann: „(Diese Ordnungsmuster) dienen als Grundlage der Konstitution von Identität und Subjektivität. Als gemeinhin dichotom organisierte Strukturkategorien schaffen die Kategorien Geschlecht, Sexualität, Generation in der Regel spezifische Lebensbedingungen: entweder Mann oder Frau, entweder homo- oder heterosexuell, entweder erwachsen oder noch nicht erwachsen."
Das Herrschaftssystem, in dem wir leben, arbeitet mit Ein- und Ausschlussmechanismen: Man ist entweder das eine oder das andere. Ein sowohl als auch irritiert vorherrschende Wahrnehmungsmuster. Es muss in diesem Zusammenhang betont werden, dass sich dieses Herrschaftsverhältnis mit anderen, die sich um Klasse, race und andere Kategorien strukturieren, verschränkt. Beispielsweise kann nicht von „der Frau" gesprochen werden, ohne zusätzliche Unterdrückungsverhältnisse mitzudenken und damit zu einem komplexen Verständnis von Subjektpositionen zu gelangen. So wird die weiße, bürgerliche Frau als das zarte, schwache Geschlecht konstruiert — ein Bild, das für Schwarze Frauen nie gegolten hat.

Feministische Arbeit.
Wir gehen also davon aus, dass Geschlecht gesellschaftlich-diskursiv hergestellt wird, dass Geschlecht aber nicht bloße Ideologie ist, sondern ganz tief in den Körper greift, wir als Geschlechter existieren. Daher muss auf verschiedenen Ebenen (aktionistisch, theoretisch...) gearbeitet werden: Geschlecht als Herrschaftsinstrument sichtbar machen, dem Begriff seine „Natürlichkeit" nehmen und ihn in seiner historischen Bedingtheit darstellen. Gleichzeitig müssen wir kurzfristig auf Aktionen und Interventionen eingestellt sein, um gegen die Gewalt angehen zu können, die dieses Herrschaftssystem durch seine Hierarchisierungen selbst produziert.
„Damit wird Geschlecht insgesamt als hegemonialer Diskurs thematisierbar, also als Normalisierungs- und Disziplinierungstechnik sowie als gesellschaftliches Macht- und Herrschaftsverhältnis. Wenn also im weiteren versucht wird, âGeschlecht' als eine historisch bestimmte Denk-, Gefühls- und Körperpraxis bzw. als gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise zu begreifen, ist damit nicht der Anspruch verbunden, das Natur-Kultur-Dilemma zu überwinden. Was ich versuche ist vielmehr, eine begriffliche Balance zu finden, in der jedes Auflösen oder Umkippen nah einer Seite vermieden wird. Wenn sich auch derzeit nicht aus dieser binären Struktur herausspringen lässt, so ist es doch möglich an deren Grenzen entlangzudenken. Eine Gratwanderung? — Sicherlich. Vielleicht aber auch das Betreten einer Schwelle?" bedenkt Andrea Maihofer in ihrem Buch „Geschlecht als Existenzweise".

Aktionismus ist wichtig.
Die oben ausgeführten Ungleichverhältnisse bestimmen also nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens, wie Arbeitsteilung in der Produktion oder Zugang zu Ressourcen und Machtpositionen. In geschlechterspezifischer Perspektive kommen unter anderem die Heteronormativität von Beziehungen sowie die Teilung in öffentlichen und privaten Raum hinzu.
Gewalthandlungen gegenüber Frauen werden innerhalb dieser Strukturen nicht als gesellschaftliches Problem verstanden, sondern in dem Bereich des Privaten angesiedelt. Diese Verlagerung in das Private führt zum einen dazu, dass die betroffenen Frauen mit dieser Erfahrung allein gelassen werden. Zum anderen werden Begründungen für Gewalthandlungen nicht in der herrschenden Gesellschaftsstruktur gesucht, sondern auf eine Einzelperson reduziert. Damit wird die gesamte Gewalterfahrung wie auch die Folgen individualisiert anstatt sie auf gesellschaftspolitischer Ebene zum Thema zu machen.
Ein ebensolches Reaktionsmuster hat in dem zu Beginn beschriebenen Vergewaltigungsfall gegriffen. Deshalb haben wir uns entschieden nicht nur auf aktionistischer Ebene zu agieren, sondern eben auch theoretisch an das Thema Gewalt und Geschlecht heranzugehen. Die Überlegungen, die in diesem Rahmen gemacht werden, sollen in Form eines Vortrags im öffentlichen Raum zur Diskussion gestellt werden und als Basis für weitere Auseinandersetzungen dienen. Derzeit ist ein solcher Vortrag für Ende Juni im Jugendzentrum in Bregenz (voraussichtlich am 28. Juni) und im Intervention-Gastgarten (InGa) in Innsbruck geplant.
Der Raum in den an.schlägen wurde uns kurzfristig zur Verfügung gestellt: Wir sind uns der Schwierigkeit bewusst, einen ausführlichen und zur Gänze reflektierten Artikel in einer sehr kurzen Zeit zu verfassen. Dennoch wollten wir diese Möglichkeit nutzen, um unsere Erfahrungen und Arbeitsweisen zu präsentieren. Im Rahmen der bevorstehenden Vorträge, aber auch von Seiten der an.schläge-LeserInnen erhoffen wir uns ein Feedback zu unserer Arbeit. Für Kritik, Anregungen und/oder Vernetzungen sind wir derzeit über radicalkitsch@yahoo.de erreichbar.