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Bist Ausgangspunkt war ein Treffen zwischen den tRAUMfrauen*
und dem Radikalen Nähkränzchen*. Nachdem seit
längerem nicht mehr organisiert gearbeitet worden war,
setzten sich die Frauen zusammen, um über inhaltliche
Standpunkte, Vorstellungen und Projekte für die Zukunft
zu sprechen. Das Ergebnis: ein Abend, an dem sich Frauen
nicht nur über weitere, notwendige Veranstaltungen von
Frauen für Frauen den Kopf zerbrachen, sondern Raum
fanden, sich auf einer freundschaftlichen Basis über
Erfahrungen in ihrem persönlichen/politischen Alltag
auszutauschen.
Nach einem mehrstündigen Gespräch zeigte sich,
dass das Bedürfnis nach einem Folgetreffen enorm
groß war: Vieles wurde an jenem Abend offen gelegt und
aufgerollt es bestand geradezu eine Notwendigkeit zu
handeln!
Mehrgeschlechtliche Konfrontation.
Ein Stein kam
ins Rollen, und seit diesen ersten Treffen hat sich einiges
getan. Bestand die Gruppe zu Beginn nur aus Frauen, so wurde
auch der Versuch unternommen mehrgeschlechtlich zu arbeiten.
Eine umfassende Gesellschaftskritik ist ohne feministische
Fragestellungen in der Linken nicht mehr denkbar. Anstatt
grundlegender Auseinandersetzungen mit Themen, werden aber
oft nur feministische Parolen übernommen, ohne den
eigenen (männlichen) Standpunkt zu reflektieren und
eigene (männliche) Verhaltensweisen zu hinterfragen.
Viel zu oft treten gerade Männer in linken Szenen mit
einer Selbstgefälligkeit in Bezug auf Feminismus und
emanzipatorische Belange auf, die nicht selten verwundert.
Grundlegend war die Idee, Männer mit
geschlechtsspezifischen Themen zu konfrontieren und in
weiterer Folge dafür zu sensibilisieren. Da die Treffen
recht zäh verliefen und oft bei Grundlegendem angesetzt
werden musste, wurden auf Frauenseite Bedenken
geäußert, ob eine Zusammenarbeit in der gegebenen
Gruppenkonstellation überhaupt sinnvoll sei. Das lag
vor allem daran, dass zwar eine Bereitschaft zur
Auseinandersetzung mit dem Thema von Seiten der Männer
vorhanden war, die Konfrontation mit eigenen
Verhaltensweisen und Denkmustern aber nur langsam vonstatten
ging. Da andere brennende Themen anstanden, auf die wir
reagieren wollten, wurde diese Ebene der Zusammenarbeit
vorerst auf Eis gelegt.
Aus diesen wenigen mehrgeschlechtlichen Treffen wurden drei
Konsequenzen gezogen: Es braucht Freiräume, in denen
Frauen offen miteinander reden können. Trotzdem ist es
sinnvoll, auch die Arbeit in mehrgeschlechtlichen Gruppen,
wenn auch nur sporadisch, fortzuführen. Vor allem
bedarf es aber feministischer Öffentlichkeitsarbeit.
Letzteres wird in Form von künstlerischen,
theoretischen und aktionistischen Interventionen, vorwiegend
in den linken Szenen selbst, durchgeführt. Eine
sofortige Reaktion auf unmittelbare gewalttätige
und/oder sexistische Übergriffe sei es im
Szeneumfeld oder in gesamtgesellschaftlichen
Zusammenhängen wurde zur konkreten Zielsetzung.
Auseinandersetzung.
Zu jenem kleinen Arbeitskreis
stießen und stoßen in den letzten Wochen immer
mehr Frauen aus den unterschiedlichsten Kontexten. Mitgrund
für dieses Verlangen nach Austausch und gemeinsamer
Arbeit stellt eine Vergewaltigung in der linken Szene in
Innsbruck dar, die erst im Rahmen dieser Frauengruppe
öffentlich gemacht wurde. Auf die Forderung nach
Ausschluss des Vergewaltigers folgten Auseinandersetzungen
in verschiedenen Gruppierungen und Einrichtungen. Die
großteils von Frauenseite motivierten Forderungen
wurden zwar meist widerspruchslos aufgenommen, eine offene,
allgemeine Diskussion zum Thema Gewalt gegen Frauen in
linken Szenen blieb jedoch aus. Hier zeigten sich die
Schwierigkeiten mit Vergewaltigung in den eigenen Reihen
umzugehen. Patriarchale Verhaltensweisen werden auch in der
Linken reproduziert. Selbst wenn sich diese gern davon
ausnehmen würde und nicht selten verbal davon Abstand
nimmt, treten verinnerlichte sexistische Strukturen immer
wieder auf. In Situationen, in denen eine klare
Positionierung linker Gruppierungen und Einrichtungen
wichtig wäre, gerät der Konsens was Frauenrechte
und Emanzipation betrifft, schnell ins Wanken. Durch die
Befürchtung, dem Täter könnte Unrecht getan
werden, wird das Definitionsrecht (siehe Infokasten) der
Frau untergraben.
In Innsbruck wurde der betreffende Mann zwar von vielen
Organisationen und einigen öffentlichen Räumen
ausgeschlossen und der Vorfall wenige Wochen diskutiert.
Doch nahm die Linke jene Vergewaltigung nicht als
Ausgangspunkt für weiterreichende Überlegungen,
Selbstreflexionen und Veränderungen. Stattdessen wurde
der Fall individualisiert und mit dem Ausschluss des
Vergewaltigers ad acta gelegt.
Um dieser Tendenz entgegenzuwirken und (Alltags-)Sexismen zu
benennen, suchten Frauen das Gespräch mit anderen
Frauen. Die Gruppe wurde größer und suchte nach
Möglichkeiten ihrer Wut über die zum Teil
vorhandene Bagatellisierung der vorgefallenen
Vergewaltigung, männerdominierte Strukturen und
sexistische Tendenzen Ausdruck zu verleihen. Ziel war und
ist es, eine breite Auseinandersetzung zum Thema Gewalt und
Geschlecht zu führen. Zu diesem Zweck wurden auch
Kompetenzen und Hilfestellungen bestehender
Frauenorganisationen und Einzelpersonen, welche bereits
länger in diesem Bereich engagiert sind, in Anspruch
genommen. In weiterer Folge so hoffen wir
werden durch vermehrte Bezugnahme aufeinander, Vernetzungen
zwischen verschiedenen Frauen(gruppen) hergestellt und/oder
erneuert.
Nein heißt Nein.
Wir entschlossen uns dazu,
die traditionelle Demonstration am 1. Mai, auf welcher Jahr
für Jahr die selben Parolen geschrien und die selben
männlichen Ikonen zur Schau getragen werden, für
unsere Zwecke zu nutzen. Mit einem eigenen Block zum Thema
Gewalt an Frauen und extra dafür hergestellten
Transparenten wollten wir zum einen das Thema in den
öffentlichen Raum stellen, zum anderen die Demo selbst
damit konfrontieren. Im Vorfeld informierten wir
Frauen(organisationen) in Innsbruck über unsere
Teilnahme und luden diese ein, sich uns anzuschließen.
Nach einem gemeinsamen Frauenfrühstück, zu dem
Frauen aus anderen Initiativen unserem Aufruf gefolgt und
gekommen waren, schlossen wir uns alle dem Demozug im
Rapoldipark an. Nachdem wir uns zu Beginn am Ende der Demo
befanden, wechselten wir während der Demonstration
weiter nach vorne. Wir reihten uns direkt vor dem Block ein,
in dem der Vergewaltiger in erster Reihe mitmarschierte. Das
Transparent Vergewaltiger angreifen, überall
mit allen Mitteln, hinschauen einschreiten
Hilfe holen zuschlagen" wurde von uns verkehrt
herum getragen und richtete sich somit direkt an die
betreffende Person und die ihn unterstützende Gruppe.
Die Reaktionen reichten von verbalen Attacken über
kleinere körperliche Übergriffe,
Unverständnis und Verwirrung bis hin zu Versuchen uns
der Demo zu verweisen. Die Erläuterung eines
Demonstranten Der 1.Mai ist der Tag der Arbeit!"
sollte uns wohl eine Fehlplatzierung attestieren. Von
anderen Personen, vor allem Frauen, erhielten wir aber auch
positive Rückmeldungen zu unserer Aktion. Zwei weitere
Transparente mit den Aufschriften Nein heißt
Nein" und We don't need another hero" waren auf die
PassantInnen am Straßenrand gerichtet. Gleichzeitig
wurden Flugblätter in und außerhalb der Demo
verteilt, auf welchen wir den bürgerlichen
Vergewaltigungsparagraphen thematisierten und eine
umfangreichere Definition von Vergewaltigung einforderten.
Theorieverständnis.
Die Auseinandersetzung
mit Vergewaltigung/Gewalt an Frauen muss zusätzlich zu
einer aktionistischen Ebene aber auch in einem theoretischen
Umfeld verortet werden. Wenn wir im Folgenden von
Gesellschaft sprechen, beziehen wir uns dabei auf eine
österreichische, westeuropäische, patriarchalische
und kapitalistisch strukturierte Gesellschaft.
Wir gehen davon aus, dass Machtverhältnisse immer
vorhanden sind. Diese werden auf gesellschaftlicher Ebene
ausgehandelt und tauchen in verschiedensten Ausformungen
auf. Macht verstehen wir unabhängig von ihrer
Aneignung immer als produktiv und hervorbringend.
Machtverhältnisse schreiben sich in den Körper ein
wir fühlen und denken durch sie.
Herrschaftsverhältnisse sind Knotenpunkte von
Machtverhältnissen. Diese sind historisch und
örtlich bedingt. Dies bedeutet, dass kein
Herrschaftsverhältnis natürlich" ist,
sondern immer schon gesellschaftlich-diskursiv konstruiert
ist. Unsere Wahrnehmung von Dingen findet also schon immer
in einer symbolischen Ordnung statt ein Denken
außerhalb dieser Ordnung ist nicht möglich. Das
was Menschen als Individuen sind, ist ein
gesellschaftlich-kulturell bedingtes Sein und Werden. Die
westlich-bürgerlichen Demokratien" sind als
Herrschafts- und Zwangssysteme mit dualen Wertigkeiten
organisierst. Geschlecht ist dabei eine der grundlegendsten
Strukturkategorien. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in
Verbindung mit den Wissenschaften ein bipolarer
Geschlechterbegriff geprägt, der naturalisiert und
enthistorisiert wurde. Zwei voneinander vollkommen
unterschiedliche Wesen mit unterschiedlichen Körpern
und Verhaltensweisen und einer heterosexuellen Bezogenheit
wurden geschaffen. Der heute vorherrschende
Geschlechterbegriff ist also in seinem Ursprung
bürgerlich und eng gekoppelt an Sexualität. Das
eine ist ohne das andere nicht denkbar. Die Inhalte dieses
Geschlechterbegriffs haben sich im Laufe der Zeit gewandelt,
doch die Struktur blieb erhalten: Geschlecht ist
natürlich" und historisch unveränderlich.
Dazu schreibt Jutta Hartmann: (Diese Ordnungsmuster)
dienen als Grundlage der Konstitution von Identität und
Subjektivität. Als gemeinhin dichotom organisierte
Strukturkategorien schaffen die Kategorien Geschlecht,
Sexualität, Generation in der Regel spezifische
Lebensbedingungen: entweder Mann oder Frau, entweder homo-
oder heterosexuell, entweder erwachsen oder noch nicht
erwachsen."
Das Herrschaftssystem, in dem wir leben, arbeitet mit Ein-
und Ausschlussmechanismen: Man ist entweder das eine oder
das andere. Ein sowohl als auch irritiert vorherrschende
Wahrnehmungsmuster. Es muss in diesem Zusammenhang betont
werden, dass sich dieses Herrschaftsverhältnis mit
anderen, die sich um Klasse, race und andere Kategorien
strukturieren, verschränkt. Beispielsweise kann nicht
von der Frau" gesprochen werden, ohne zusätzliche
Unterdrückungsverhältnisse mitzudenken und damit
zu einem komplexen Verständnis von Subjektpositionen zu
gelangen. So wird die weiße, bürgerliche Frau als
das zarte, schwache Geschlecht konstruiert ein Bild,
das für Schwarze Frauen nie gegolten hat.
Feministische Arbeit.
Wir gehen also davon aus,
dass Geschlecht gesellschaftlich-diskursiv hergestellt wird,
dass Geschlecht aber nicht bloße Ideologie ist,
sondern ganz tief in den Körper greift, wir als
Geschlechter existieren. Daher muss auf verschiedenen Ebenen
(aktionistisch, theoretisch...) gearbeitet werden:
Geschlecht als Herrschaftsinstrument sichtbar machen, dem
Begriff seine Natürlichkeit" nehmen und ihn in
seiner historischen Bedingtheit darstellen. Gleichzeitig
müssen wir kurzfristig auf Aktionen und Interventionen
eingestellt sein, um gegen die Gewalt angehen zu
können, die dieses Herrschaftssystem durch seine
Hierarchisierungen selbst produziert.
Damit wird Geschlecht insgesamt als hegemonialer
Diskurs thematisierbar, also als Normalisierungs- und
Disziplinierungstechnik sowie als gesellschaftliches Macht-
und Herrschaftsverhältnis. Wenn also im weiteren
versucht wird, âGeschlecht' als eine historisch bestimmte
Denk-, Gefühls- und Körperpraxis bzw. als
gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise zu begreifen, ist
damit nicht der Anspruch verbunden, das Natur-Kultur-Dilemma
zu überwinden. Was ich versuche ist vielmehr, eine
begriffliche Balance zu finden, in der jedes Auflösen
oder Umkippen nah einer Seite vermieden wird. Wenn sich auch
derzeit nicht aus dieser binären Struktur
herausspringen lässt, so ist es doch möglich an
deren Grenzen entlangzudenken. Eine Gratwanderung?
Sicherlich. Vielleicht aber auch das Betreten einer
Schwelle?" bedenkt Andrea Maihofer in ihrem Buch
Geschlecht als Existenzweise".
Aktionismus ist wichtig.
Die oben
ausgeführten Ungleichverhältnisse bestimmen also
nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens, wie
Arbeitsteilung in der Produktion oder Zugang zu Ressourcen
und Machtpositionen. In geschlechterspezifischer Perspektive
kommen unter anderem die Heteronormativität von
Beziehungen sowie die Teilung in öffentlichen und
privaten Raum hinzu.
Gewalthandlungen gegenüber Frauen werden innerhalb
dieser Strukturen nicht als gesellschaftliches Problem
verstanden, sondern in dem Bereich des Privaten angesiedelt.
Diese Verlagerung in das Private führt zum einen dazu,
dass die betroffenen Frauen mit dieser Erfahrung allein
gelassen werden. Zum anderen werden Begründungen
für Gewalthandlungen nicht in der herrschenden
Gesellschaftsstruktur gesucht, sondern auf eine Einzelperson
reduziert. Damit wird die gesamte Gewalterfahrung wie auch
die Folgen individualisiert anstatt sie auf
gesellschaftspolitischer Ebene zum Thema zu machen.
Ein ebensolches Reaktionsmuster hat in dem zu Beginn
beschriebenen Vergewaltigungsfall gegriffen. Deshalb haben
wir uns entschieden nicht nur auf aktionistischer Ebene zu
agieren, sondern eben auch theoretisch an das Thema Gewalt
und Geschlecht heranzugehen. Die Überlegungen, die in
diesem Rahmen gemacht werden, sollen in Form eines Vortrags
im öffentlichen Raum zur Diskussion gestellt werden und
als Basis für weitere Auseinandersetzungen dienen.
Derzeit ist ein solcher Vortrag für Ende Juni im
Jugendzentrum in Bregenz (voraussichtlich am 28. Juni) und
im Intervention-Gastgarten (InGa) in Innsbruck geplant.
Der Raum in den an.schlägen wurde uns kurzfristig zur
Verfügung gestellt: Wir sind uns der Schwierigkeit
bewusst, einen ausführlichen und zur Gänze
reflektierten Artikel in einer sehr kurzen Zeit zu
verfassen. Dennoch wollten wir diese Möglichkeit
nutzen, um unsere Erfahrungen und Arbeitsweisen zu
präsentieren. Im Rahmen der bevorstehenden
Vorträge, aber auch von Seiten der
an.schläge-LeserInnen erhoffen wir uns ein Feedback zu
unserer Arbeit. Für Kritik, Anregungen und/oder
Vernetzungen sind wir derzeit über
erreichbar. |