Trotz ihrer bürgerlichen
Herkunft war die soziale
Situation von Arbeiterinnen
Anita Augspurg und
Lida Heymann ein
großes Anliegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Irene Gronegger, 33
Jahre, ist Diplom-
Geografin (Studium in
München und Wien) und
lebt als freie Journalistin
in München.

 

 

 


Friede, Freiheit, Frauenrechte

Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann zählten zu den engagiertesten und radikalsten Vertreterinnen der Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik (1918&endash;1933). Sie brachen beide aus dem goldenen Käfig der höheren Töchter" aus, um für Frauenrechte zu kämpfen, die heute beinahe als selbstverständlich erscheinen. Ihr gemeinsames Verdienst bleibt, dass sie wesentlich zur Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland beigetragen haben. Von Irene Gronegger

Anita Augspurg wurde 1857 in der Kleinstadt Verden/Aller (damals Königreich Hannover) geboren. Hier ging sie zur Schule und arbeitete bis zur lang ersehnten Volljährigkeit in der Anwaltskanzlei ihres Vaters: Untätigkeit, wartend auf einen Ehemann, war ihre Sache nicht. In Berlin schloss sie dann - eher widerwillig - ihre Ausbildung mit der "Preussischen Staatsprüfung für das Lehramt an höheren Mädchenschulen" ab und nahm gleichzeitig Schauspielunterricht.

Fotografin mit Beinkleidern. Nach mehreren Bühnenengagements in verschiedenen Städten ging sie mit ihrer Freundin Sophia Goudstikker nach München, die liberalste Stadt im Kaiserreich: Sie führten ein unabhängiges Leben, kümmerten sich wenig um das Gerede der Leute und amüsierten sich in "Beinkleidern" beim Radfahren und Reiten im Englischen Garten. Anerkennung gewannen sie als Fotografinnen in ihrem "Studio Elvira": Hier ließen sich Feministinnen wie Hedwig Dohm und bekannte Schriftsteller wie Thomas und Heinrich Mann, aber auch das bayerische Prinzenpaar ablichten. Bald engagierte sich Augspurg in der Frauenbewegung und trainierte ihr Talent als Rednerin - zu einer Zeit, als Frauen der Zutritt zu politischen Vereinen noch verboten war.

Gegen Ausbeutung. Ihr Einsatz für Frauenrechte war auch der Grund, warum sie sich nach mehreren Jahren erfolgreicher Arbeit für ein Jurastudium entschied. Sie übersiedelte nach Zürich, weil Frauen in Deutschland noch keinen Zugang zu den Universitäten erhielten. Neben Rosa Luxemburg zählte sie dort zu den Mitbegründerinnen des "Internationalen Studentinnenvereins". Sie schloss mit einer Doktorarbeit ab und war somit die erste promovierte Juristin des Deutschen Kaiserreichs.
Gegen Ende ihres Studiums lernte sie auf einem internationalen Frauenkongress in Berlin ihre spätere Lebensgefährtin Lida Heymann kennen: Die 1868 geborene Heymann hatte mit ihrem väterlichen Millionenerbe in Hamburg ein Frauenzentrum mit Mittagstisch, Kinderhort und Beratungsstelle gegründet. Sie erhielt sehr persönliche Einblicke in die soziale Situation von Arbeiterinnen, Schauspielerinnen und Prostituierten; dadurch wurde sie in ihrem Engagement gegen die Ausbeutung durch Arbeitgeber, Zuhälter und auch Ehemänner weiter bestärkt.

Für Gleichberechtigung im Gesetz. Anita Augspurg engagierte sich um die Jahrhundertwende in Berlin für die Rechte der Frau im Bürgerlichen Gesetzbuch: Sie brachte, gemeinsam mit ihren politischen Freundinnen Minna Cauer und Marie Raschke, Petitionen zum neuen Ehe- und Familienrecht ein. Diese zeigten nur zum Teil Wirkung, und so bot Augspurg gemeinsam mit Raschke Rechtskurse für Frauen an und rief 1905 zum Boykott der bürgerlichen Ehe auf: Denn der Ehemann hatte weiterhin die alleinige Macht über Kinder und Vermögen und sogar das Recht, die Arbeitsverträge der Ehefrau zu kündigen. (Dies wurde in der BRD trotz der erkämpften Gleichberechtigung im Grundgesetz erst ab dem Jahr 1957 Schritt für Schritt geändert. In der DDR wurde die gesetzliche Gleichstellung mit der Verfassung im Jahr 1949 beschlossen und schon 1950 gesetzlich präzisiert.) Und Augspurg kritisierte - überraschend modern -, dass die Ehe von den Frauen die Aufgabe des Familiennamens verlangte.

Für das Stimmrecht. Während Augspurgs Berliner Zeit trennten sich die radikalen von den konservativen Frauenvereinen, die radikalen Frauen betrachteten das Frauenstimmrecht als wesentliches Ziel. Augspurg und Heymann engagierten sich gemeinsam im Vorstand des "Verbandes fortschrittlicher Frauenvereine". Etwa ab der Jahrhundertwende bis in die dreißiger Jahre hinein lebten sie gemeinsam in München. Auch wenn sie die Sommer meist auf dem Land verbrachten und zeitweise einen großen Bauernhof mit überwiegend weiblichen Bediensteten bewirtschafteten, waren sie ständig politisch aktiv: Sie gaben mehrere Zeitschriften heraus und gründeten erst in Hamburg (1902), später in Bayern (1913) einen Verein für das Frauenstimmrecht, der sich wie ein Netz über das Kaiserreich ausbreitete.

Für Pazifismus. Das Frauenwahlrecht wurde 1918 bei der Novemberrevolution in München proklamiert, als der Pazifist Kurt Eisner die Bayerische Republik ausrief, und wenige Tage darauf in ganz Deutschland eingeführt. Anita Augspurg wurde Mitglied des provisorischen bayerischen Parlaments. Kürzlich war der 1. Weltkrieg zu Ende gegangen: Augspurg und Heymann hatten nicht die allgegenwärtige Kriegsbegeisterung - auch der konservativen Frauenverbände und der meisten Sozialdemokraten - geteilt, sondern an internationalen Frauen-Friedenskonferenzen teilgenommen und illegale Versammlungen in ihrer Münchner Wohnung abgehalten. Aufgrund der gemeinsamen pazifistischen Überzeugung bot sich die Zusammenarbeit mit den inzwischen von der SPD getrennten Unabhängigen Sozialdemokraten (USDP, später KPD) an, die früheren Differenzen mit den sozialistischen Frauen um Clara Zetkin verloren in der Revolutionszeit an Bedeutung.
Bei den bald folgenden Parlamentswahlen kandidierten Augspurg und Heymann auf Listen der sozialistischen USDP, sie erlangten aber kein Mandat. Dem Bayerischen Ministerium für soziale Fürsorge wurde allerdings ein Referat für Frauenrecht angegliedert und mit der Feministin Gertrud Baer besetzt. Ministerpräsident Kurt Eisner, der in nationalistischen Kreisen als Vaterlandsverräter galt, wurde im Februar 1919, kurz nach den Morden an den SozialistInnen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, in München auf offener Straße erschossen.

Im Exil. Der Nationalsozialismus war ein weiterer tiefer Einschnitt in das engagierte Leben der beiden Feministinnen: Anhänger der Nazis und SA-Trupps störten zunehmend politische Veranstaltungen, wie auch Erika Mann schilderte. Augspurg und Heymann hatten bereits im Jahr 1923 persönlich beim Bayerischen Innenminister die Ausweisung des Österreichers Adolf Hitler wegen Volksverhetzung beantragt, deshalb standen sie bei den Nationalsozialisten auf der "schwarzen Liste" der zu liquidierenden Personen. So konnten sie 1933 nicht von ihrer Mittelmeerreise nach Deutschland zurückkehren. Ihr Besitz wurde beschlagnahmt, ihre Aufzeichnungen gingen verloren.
Bis zu ihrem Tod im Jahr 1943 lebten sie im Züricher Exil, wo sie nur sehr eingeschränkte politische Betätigungsmöglichkeiten hatten und auf Unterstützung angewiesen waren. Sie schrieben 1934 an andere Mitglieder der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit: "Es gibt Ideen, die sich erst in ferner Zukunft realisieren lassen. Wir sind nach wie vor der Überzeugung, dass jede Arbeit, die für Freiheit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden geleistet wird, sich irgendwie fördernd auswirkt, deshalb arbeiten wir unentwegt weiter."

 

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