Das erzwungene „Ja!“
Zwangsehe wird auch in Österreich immer mehr zum Thema. Martina Madner und Silke Pixner haben mit ExpertInnen, die den Betroffenen helfen wollen, gesprochen.


Foto: Orient Express

Und nach einer Woche, während sie mit der Mutter allein in der Wohnung war und die Mutter die Küche putzte, gelang es ihr zu flüchten, barfuß. Direkt ins Wachzimmer zur Polizei.“ Was wie eine Szene aus einem Krimi klingt, ist harte Realität und Teil der Leidensgeschichte einer achtzehnjährigen Österreicherin indischer Herkunft, die ihre Eltern und ihr Onkel nach Indien bringen wollten, um sie dort mit ihrem um zwanzig Jahre älteren Cousin zu verheiraten. Als sich die Frau, die eine Ausbildung zur Krankenpflegerin macht, wehrt, sperren die Eltern sie zuhause ein – eine Woche lang. Sie darf nur in Begleitung der Eltern die Wohnung verlassen. Nach ihrer Flucht zur Polizei und der Anzeige gegen die Eltern wird Tamar Çitak, Expertin im Bereich migrantischer Gewalt bei der Interventionsstelle gegen Gewalt, informiert, am 20.12. vergangenen Jahres. Sie konnte gemeinsam mit der jungen Frau die Zwangsehe verhindern. Heute lebt sie nach einem kurzen Aufenthalt im Frauenhaus bei ihrem Freund; die Anzeige hat die junge Frau auf eigenen Wunsch zurückgezogen, die Eltern wurden enthaftet, haben nun allerdings jeglichen Kontakt mit ihr abgebrochen. Tamar Çitak ist aber optimistisch, die Familie einige Monate nach der Krise wieder zusammenzuführen.

Ein österreichisches Problem.
Geschichten wie diese sind kein Einzelfall – auch nicht in Österreich. Gül Ayse Basari berichtet von ca. 45 betreuten Frauen im vergangenen Jahr. Darüber hinaus wenden sich Frauen und Mädchen an das Krisenzentrum Nußdorf, die Polizei oder MigrantInnenberatungsstellen wie ZEBRA. „Dunkelziffern sind natürlich nicht bekannt. Das ganze spielt sich, schön österreichisch gesagt, ‚unter der Tuchent ab'„, bedauert Sonja Wehsely, Wiener Frauenstadträtin, „es geht darum, das Thema zum Thema zu machen und es so aus der Tabuzone zu holen. Eine von mir beauftragte Studie der MA 57 soll noch im Jahr 2006 aufzeigen in welchem Ausmaß Zwangsverheiratung in Wien stattfindet.“

Zwangsverheiratungen beschränken sich nicht ausschließlich auf Menschen muslimischen Glaubens, sie sind auch in anderen Religionen zu finden, stattdessen geht es um Tradition. Die Beweggründe der Eltern sind unterschiedlich. Der Brauch verheiratet zu werden – den Eltern ist es oft selbst so ergangen – ebenso, wie die Ablehnung, die die Eltern als MigrantInnen erfahren, das Misstrauen in die österreichische Gesellschaft und damit auch gegenüber den Männern hier vor Ort. „Ehre und Stolz sind sehr, sehr wichtig für diese traditionellen Familien, und die Frauen sind dafür verantwortlich sie aufrechtzuerhalten“, weiß Gül Ayse Basari von der Beratungsstelle Orient Express, „Es gibt sehr, sehr viele Regeln für Frauen, z.B. müssen sie, wenn sie heiraten, unbedingt noch Jungfrau sein.“ Deshalb werden die Betroffenen oft sehr jung verheiratet, um die Ehre der Familie zu wahren. Daneben gebe es so Çitak auch ökonomische Gründe: „ Um einem Familienangehörigen zu helfen, aus der Heimat in der Armut herrscht wegzukommen.“ Ist die Frau Österreicherin, geht es auch um den Erwerb der StaatsbürgerInnenschaft.

Unterschiedliche Konsequenzen.
Mit 14, 15 Jahren beginnt die Gefahr für die Mädchen im Elternhaus, erklärt Gül Ayse Basari. Oft bemerken die Mädchen, dass da etwas vor sich geht. Sie hören Telefongespräche wie „Diesen Sommer kommen wir. Sie ist bereit“, erzählt Basari. Die Mädchen würden das oft nicht ernst nehmen, kämen aber dann doch, wenn die Schulzeit vorbei ist und der Urlaub ins Herkunftsland naht, zu Orientexpress. Werden Frauen nach Österreich verheiratet, brechen sie oft erst später, z.B. nach einem Gespräch mit den BeamtInnen, wenn es um die Verlängerung der Niederlassungsbewilligung geht, aus ihrem Gefängnis aus , indem sie so Çitak „die Schwiegereltern bedienen müssen und wie Sklavinnen behandelt werden“.

„Importbräute“ nennen Çitak und Basari, diese zweite Gruppe der Frauen. „Sie existieren hier scheinbar überhaupt nicht. Sie sind total abhängig von ihren Ehemännern“, weiß Basari über die prekäre Situation dieser Frauen zu berichten. Je nachdem, ob die Frauen bereits verheiratet sind, ob sie minderjährig sind oder nicht, ob sie Österreicherinnen sind oder nicht, ob physische Gewalt eine Rolle spielt, gestaltet sich die Antwort auf die Frage nach einer Unterkunft und nach einem eigenem Lebensunterhalt unterschiedlich. Auf alle Fälle benötigen die Frauen zumindest in den ersten beiden Monaten intensive Betreuung. Sie haben sich zwar als starke Frauen erwiesen, die sich wehren wollen, gleichzeitig kämpfen sie aber damit, aus der Familie herausgerissen worden zu sein. Sie fühlen sich sehr alleine und einsam. Für die Mitarbeiterin des Orientexpress bedeutet das, dass sie auch außerhalb der Beratungszeiten rund um die Uhr per Handy erreichbar sind, da die Stelle mangels Ressourcen nicht 24 Stunden lang besetzt sein kann.

Engpässe.
Mit dem angeblichen Engpass an Beratungsstellen für die Betroffenen von Zwangsheirat konfrontiert, meint Wehsely: „Diese immer wieder zitierten Fälle, in denen ein Mädchen nicht unterkommen konnte, konnten dann letztlich nicht genannt werden, da meistens doch eine Lösung gefunden wurde.“ Eine Lösung wird immer gefunden, da gibt ihr Gül Ayse Basari recht: „Aber wie!?!“ Sie erzählt von einer volljährigen jungen Frau, deren Vater als gefährlich eingestuft wurde, die noch zur Schule ging und im Frauenhaus nicht lernen konnte und bis zu ihrem Einzug in eine Gemeindewohnung zwei Monate bei der Beraterin wohnte. Deshalb fordert sie eine eigene betreute Wohn- gemeinschaft für von Zwangsverheiratung betroffenen minderjährigen Frauen, wie es sie u.a. bereits in Deutschland, Holland oder Frankreich gibt. Eine Forderung, der sich auch Christoph Schandl, Mitarbeiter des Krisenzentrums Nußdorf, das minderjährige Frauen betreut, anschließt, „denn obwohl sie von Zwangverheiratung bedroht sind, sind das doch eher behütende Familien.“ Die Mädchen treffen in den WGs auf andere mit zum Teil Suchterfahrungen, krimineller Vergangenheit oder sozial prekärem Hintergrund, womit sie nicht umgehen könnten. Unterschiedliche Ansichten gibt es auch, ob es sinnvoll ist die Familie in dieser Situation zu kontaktieren. Während OrientExpress von einem Kontakt im ersten Monat dringend abrät, ist dieser im Krisenzentrum Nußdorf schon wegen der gesetzlichen Lage unabdingbar. Erst wenn sich die Eltern nicht gesprächsbereit oder einsichtig zeigen und die junge Frau weiterhin zwangsverheiratet werden soll, kann ihnen die Obsorge entzogen werden. Basari meint, dass das gefährlich sei, denn „ein Wort vom Vater reicht oft, dass die Mädchen zurückkehren.“ Engpässe, nicht nur an Beratungsstellen, gibt es auch außerhalb von Wien. „Wenn es nicht mindestens die Möglichkeit gibt, in einem Frauenhaus Zuflucht zu suchen, wohin sollen sie sich wenden?!? Bei einer noch bestehenden Abhängigkeit, womög- licher Nichtbeherrschung der Sprache?“, fragt Inge Frei, Mitar- beiterin der MigrantInnenberatungsstelle ZEBRA und weist damit auf eine Unterversorgung von Frauenhausplätzen am Land hin.

Gesetze.
Zwar ist Zwangsverheiratung als Nötigung verboten und widerspricht den Menschenrechten, dennoch hofft die Orientexpress-Mitarbeiterin darauf, dass das Justizministerium bei den geplanten Änderungen des Strafrechts, Zwangsverheiratung mit in den Nötigung betreffenden Paragraphen dezidiert aufnimmt. Auch wenn sich Polizei und Innenministerium in Fällen, in denen es um Gewalt geht bei Aufenthalts- und Beschäftigungsbewilligungen für die betroffenen Frauen kulant zeigen, bedarf es auch hier Verbesserungen. Derzeit ist es schwierig Aufenthaltstitel, die die Frauen wegen ihrer Ehe erhalten haben, ändern zu lassen. Ein Hindernis, dass vor allem die „Importbräute“ in Abhängigkeit ihrer Männer hält. Basari rät den Frauen sich zwar zu trennen und Arbeit zu suchen, aber vorerst verheiratet zu bleiben bis die Änderung der Niederlassungsbewilligung vollzogen ist, damit sie nicht von ausbeuterischen ArbeitgeberInnen abhängig sind, aber auch um vor Abschiebung geschützt zu bleiben. Denn im Herkunftsland droht ihnen das Schlimmste.

Tamar Çitak befürchtet: „Gerade bei diesen patriarchalen, traditionellen Familien hat eine geschiedene Frau, die keine Jungfrau mehr ist, keinen Wert. Es droht ihr in neunundneunzig Prozent auch noch einmal eine Zwangsehe, wahrscheinlich mit einem alten Mann, weil ein Junger nimmt sie nicht mehr.“

Pläne aus dem Nachbarland.
In Deutschland diskutieren PolitikerInnen zurzeit eine Verschärfung des Fremdenrechts um Zwangsverheiratung zu verhindern. Die Zuwanderung von Frauen aus dem Ausland, die einen deutschen Staatsbürger heiraten, soll auf ein Mindestalter von 21 Jahren. Außerdem müssten die Betroffenen bereits bei ihrer Einreise Deutschkenntnisse nachweisen, sind demnach gezwungen bereits in ihrem Herkunftsland die Sprache zu erlernen. Rahel Volz von Terre de Femmes in Tübingen bezeichnet eine solche Gesetzesänderung als Schritt in die falsche Richtung. Sie befürchtet, dass damit andere Ziele verfolgt werden und die Situation der von Zwangsverheiratung betroffenen Frauen nicht verbessert würde. Und zwar aus folgenden Gründen: „Die Zuwanderungsbeschränkung bedeutet, dass die Frauen genauso verheiratet würden, nur einige Jahre in ihrem Herkunftsland ausharren müssen.“ Da sie sich in dieser Zeit mit BesucherInnenvisa zumindest einige Zeit in Deutschland aufhalten und von ihren Männern besucht werden könnten, besteht auch so bereits die Gefahr, dass die Frauen bereits Gewalt ausgesetzt sind. Außerdem sind sie von struktureller Gewalt, von Abschiebungen bedroht, sollten sie diese Zeiten ausdehnen.

Mit dem Nachweiß der Deutschkenntnisse, befürchtet Rahel Volz, habe die Bundesregierung eine Rücknahme der Integrationskurse zum Ziel. In diesen lernen Frauen nicht nur Deutsch oder erfahren Grundlegendes über das Land, sie wurden auch über deutsches Recht und Beratungseinrichtungen informiert. „Einige Migrantinnen sind so aus der Isolation befreit worden, und haben auf diesem Weg auch bei Gewalt in der Familie von Ansprechpersonen, die ihnen helfen konnten, erfahren“, beschreibt die Mitarbeiterin von Terre de Femmes. Kein Wunder also, dass auch österreichische ExpertInnen zum Thema wenig von solchen Plänen halten. Inge Frei von ZEBRA beurteilt solche Vorschläge als „zu großen Eingriff in die Selbstbestimmung“ und Christoph Schandl weißt darauf hin, dass es nicht solcher neuen Gesetze bedarf, da auch jetzt schon Ehenötigung angezeigt werden kann. Wenn schon fremden- rechtliche Änderungen, dann befürwortet der Mitarbeiter des Krisenzentrums Nußdorf ein eigenständiges Aufenthaltsrecht für die betroffenen Frauen. Tamar Bitak bezeichnet die deutschen Pläne als „staatliche Diskriminierung und strukturelle Gewalt“. Außerdem meint sie, dass es schon aufgrund der Menschen- rechtskonvention ein Recht auf Familienzusammenführung geben müsse, die Gesetze also schon aus diesem Grund nicht haltbar sein würden. „Zwangsverheiratung wird so nicht verhindert. Solange es keine Gelder für die Prävention gibt“, gibt die Mitarbeiterin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt zu bedenken.

Ausblicke.
Um Zwangsverheiratung zu verhindern, bedarf es „interkultureller Kompetenz“, so Sonja Wehsely, und Aufklärung. Unterstützung für die Orientexpress-Kampagne an Haupt- und Berufsschulen sowie in einigen Weiterbildungskursen gibt es deshalb von der Stadt und auch vom Bildungsministerium. Ziel der Aufklärungs- und Plakatkampagne ist es, Mädchen vor der Ehe erreichen. Was bereits gelingt, denn immer mehr junge Frauen meldeten sich im vergangenen Jahr bereits vor der Verheiratung, erzählt Basari. Da sich Mädchen in gemischten Gruppen, nicht immer trauen ihre eigene persönliche Geschichte anzusprechen, wird es ab heuer auch eigene Mädchengruppen geben, bei Bedarf auch welche für Burschen – MigrantInnen und MehrheitsösterreicherInnen gemischt. Das ist den Mitarbeiterinnen von Orient Express sehr wichtig, denn „Manchmal können Mädchen nur mit ihren Schulkolleginnen reden, dann wissen auch diese über die Problematik Bescheid und nehmen das ernst“, so Basari. Um Veränderungen zu erzielen sei es aber auch notwendig, dass viele betroffene junge Leute die straffen Familienregeln durchbrechen“, betont Inge Frei, „Trotz jeglicher Druck- und Zwangsausübung: Gegen den Strom schwimmen!“

Infos: