Sich die Welt fremd machen
Kritische Reflexionen zur Vielschichtigkeit und Bedeutung der Kopftuchdebatte für Mehrheiten und Minderheiten. Mit Birgit Rommelspacher sprach Nicole Rummel.

 

an.schläge: Wie wird Fremdheit konstruiert bzw. welche Machtverhältnisse kommen dabei zum Tragen?

Birgit Rommelspacher: Wer einem vertraut ist, kann einem fremd werden und wer fremd ist, kann einem vertraut werden. Das heißt, Fremdheit ist ein Verhältnis, eine Beziehung. Freud sagt, nicht das Fremde macht aggressiv, sondern in der Aggression machen wir uns die anderen fremd. Wir gehen in Distanz zu ihnen. Nun ist diese soziale Distanz oft – nicht immer  – mit Machtverhältnissen verbunden. So werden ja generell soziale Hierarchien in unserer Gesellschaft dadurch aufrechterhalten, dass man sich gegenseitig meidet und keinen Umgang miteinander pflegt. Man hat eigene Stadtteile, eigene Schulen, heiratet untereinander etc. Das kann viele Gründe haben. Von Seiten der Mehrheitsangehörigen bedeutet es oft, Distanz gegenüber den Minderheiten zu halten, von Seiten der Minderheiten kann das Zusammenleben dazu dienen, sich vor Übergriffen und Dominanz zu schützen.

Was wird tatsächlich durch das Kopftuch bzw. die Kopftuchdebatte ver- bzw. enthüllt?

Die Kopftuchdebatte ist keineswegs neu. Schon zu Zeiten des Kolonialismus haben die Eroberer geglaubt, sie müssten die muslimischen Frauen entschleiern, um sie zu „befreien“. Oder denken Sie an die „Entführung aus dem Serail“, dem ein ähnliches Motiv zu Grunde liegt. Auf alle Fälle hat dieser Befreiungsimperialismus die muslimischen Frauen selbst in ziemliche Konflikte gestürzt, denn wenn sie den Schleier ablegten, unterwarfen sie sich den kolonialen Eroberern, wenn sie ihn aber aufbehielten, unterwarfen sie sich dem heimischen Patriarchat. Es gab dementsprechend unter muslimischen Frauen eine heftige Debatte, die bis heute anhält.

Welche Rolle spielt die Kopftuchdebatte im Einwanderungsdiskurs?

Aus Sicht der Mehrheitsangehörigen hat die Betonung der Unterdrückung und Rückständigkeit der Muslima in erster Linie die Funktion, sich gegenüber dieser Gesellschaft als emanzipiert und fortschrittlich darzustellen. Natürlich ist die Unterdrückung von Frauen ein schwerwiegendes Problem. Das Kopftuch zu verbieten ist in dem Zusammenhang jedoch unlogisch. Man verstellt den Kopftuchträgerinnen den Zugang zur Berufstätigkeit, und zudem müsste man sich ja in erster Linie an die Verursacher, also an die Männer richten.

Was macht das Kopftuch zu einem derart symbolträchtigen Kleidungsstück?

Es hat sehr vielfältige Bedeutungen. Im westlichen Diskurs konzentriert man sich vor allem auf seinen Stellenwert im Geschlechterverhältnis. Aber es hat natürlich etwas mit Religiosität zu tun, ob man sich mehr oder weniger der Religion verpflichten will. Auch kann es eine Frage des Traditionalismus sein, dass man das Kopftuch als Gepflogenheit übernimmt, wie das bei uns auf dem Land ja teilweise noch der Fall ist. Schließlich kann es einen bestimmten sozialen Stand markieren oder das Verhältnis zu Fragen der Sexualmoral und weiblicher Ehrbarkeit. In der aktuellen Debatte spielt sicherlich der Gegensatz zwischen christlich-westlicher Dominanz und islamischer Minderheitenkultur eine entscheidende Rolle.

Würden Sie uns Ihren persönlichen Standpunkt zur Kopftuchdebatte verraten?

Mich interessiert vor allem die Bedeutung der Kopftuchdebatte für die christliche Mehrheitsgesellschaft und für feministisch orientierte Frauen, weil ich mich selbst auch so verstehe. Dabei glaube ich, dass es vielfach Widersprüche und Konflikte innerhalb des westlichen Emanzipationskonzepts sind, die z.B. Feministin- nen dazu veranlassen, sich bei dieser Frage so eminent zu echauffieren.
Das gilt z.B. für die Frage von Gleichheit oder Verschiedenheit der Geschlechter, der Trennung von Männer- und Frauenräumen, Fragen von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, oder in Bezug auf die Fragen von Sexualisierung der Öffentlichkeit oder dem Einfordern von Respekt und Achtung. Wir haben ja in unserer Gesellschaft eine große Kluft zwischen dem Anspruch auf Emanzipation und der Wirklichkeit.

Welche Auswirkungen hat eine multikulturelle Gesellschaft auf Frauen migrantischer Herkunft?

Der Multikulturalismus ist ein politisches Konzept, das von allen politischen Lagern für sich beansprucht werden kann. Es gibt z.B. einen konservativen Multikulturalismus, wie wir ihn in Südtirol erleben können oder sogar einen rechtsextremen in Form des Ethnopluralismus, wo es auch um die Wahrung kultureller Unterschied geht – allerdings schön säuberlich voneinander getrennt. Aber es gibt natürlich auch kritische und emanzipatorische Formen, denen es vor allem darum geht, dass jede/r Einzelne seine kulturelle Zugehörigkeit leben kann, sie für wichtig oder unwichtig erachten kann, aber auf keinen Fall von anderen in eine Kultur hinein gezwungen wird. Kultur wird hier als Chance sich zu verwirklichen, aber auch als Möglichkeit sozialer Kontrolle gesehen. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Ich glaube nur, dass Frauen mehr als Männer der sozialen Kontrolle durch Kultur ausgesetzt sind, weil sie für Erziehung und Weitergabe von Kultur in erster Linie als zuständig gelten und sie selbst gewissermaßen zum kulturellen Aushängeschild einer Gesellschaft werden können, wie wir am Beispiel des Kopftuchs ja anschaulich demonstriert bekommen.

Inwiefern unterscheidet sich Rassismus gegenüber Migrantinnen von jenem gegenüber Migranten?

Es gibt sicherlich unterschiedliche Formen von Rassismus, je nachdem auf wen er abzielt und von wem er ausgeübt wird. So hat der Rassismus gegenüber Frauen oft deren Hypersexualisierung zur Folge, wenn man in der exotischen Frau nur noch das „Sexwesen“ sieht. Gleichzeitig kann der Rassismus aber den „anderen“ Frauen auch ihre Geschlechtlichkeit absprechen, so wenn man etwa in der Arbeitsmigrantin nur noch den Arbeitsmenschen sieht. Beides gilt bis zu einem gewissen Grad auch für Männer – aber wohl nicht in der extremen Form – wenn wir etwa an das riesige Ausmaß von Zwangsprostitution und Menschenhandel von Frauen aus den unterschiedlichen Ländern denken.

Welche Rolle spielen Frauen als rassistische Täterinnen?

Ich kann mich noch gut erinnern wie schwer es für uns war, die wir mit der feministischen Bewegung gerade gelernt hatten, uns als Opfer patriarchaler Diskriminierung und Machtverhältnisse zu sehen, dass das keineswegs ausschließt, an anderen Machtverhältnissen zu partizipieren. Schon in den 1980er Jahren haben wir anhand der Frage, welche Rolle die deutschen „arischen“ Frauen im Nationalsozialismus spielten, feststellen müssen, dass sie nicht nur keineswegs widerständiger waren als die Männer – obwohl der Nationalsozialismus ja als eine Extremform des Patriarchats gelten kann; sondern dass viele Frauen begeistert dabei waren und manche diese Zeit sogar als Befreiung erlebt haben. Sie durften hinaus aus dem engen Familienmilieu, waren wichtig für die Gesellschaft und haben vielfach auch Karriere gemacht. Die Erweiterung des eigenen Handlungsspielraums ist gerade auch für Frauen verführerisch, selbst wenn es auf Kosten anderer geht. Das gilt ja auch für den Kolonialismus und die Rolle der „weißen Herrin“. Es sind eben verschiedene Machtdimensionen, die sich hier überschneiden und so die Gleichzeitigkeit von Diskriminierung und Dominanz bewerkstelligen. Auf alle Fälle schützt die eigene Diskriminierung keinesfalls vor der Diskriminierung anderer, sie kann sogar ein Motiv dafür sein.

Inwiefern ist die „Ethnisierung von Sexismus“ der Versuch mehrheitsdeutsche Männer vom Sexismusvorwurf zu entlasten?

Sexismus heißt ja, dass Macht und Gewalt auf dem Geschlechterverhältnis basieren. Wenn nun die Gewalt von mehrheitsdeutschen Frauen in erster Linie oder gar ausschließlich dem „fremden“ Mann oder dem „schwarzen“ Mann zugeschrieben wird, dann wird der eigene davon entlastet und frau entlastet sich selbst von der Scham, in einem unwürdigen Verhältnis zu leben. Es hilft ihr, die Augen vor der Realität zu verschließen.

Birgit Rommelspacher, Jg. 1945, ist Professorin für Psychologie mit dem Schwerpunkt Interkulturalität und Geschlechterstudien an der Alice Salomon Hochschule und Privatdozentin an der Technischen Universität Berlin. Veröffentlichungen zu diesem Thema u.a.: „Ausgrenzung und Anerkennung. Deutschland als multikulturelle Gesellschaft“. Campus, 2002. Demnächst erscheint „Der Hass hat uns geeint“. Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene. Campus, 2006.