![]() |
Die Rosinen im großen Flirren |
|
Mit ihrem „Kampflied“ bekennen sich Les Reines Prochaines nicht nur zur Notwendigkeit des feministischen Kampfes, sondern auch zu ihrer Schwäche für Balkanrhythmen. „Die Strategie der Selbstverständlichkeit hat Grenzen“ und „der Geschlechterkampf tobt“ verkünden sie darin. Zu hören ist es auf ihrer neuen CD „Starke Kränze“, aber nun auch monatlich auf Okto als Titellied von an.schläge tv. an.schläge: Vor 18 Jahren haben Les Reines Prochaines mit Gesang und einem Synthesizer begonnen. Mittlerweile spielt ihr bei euren Performances Saxophon, Klarinette, Bass und Trompete. Wie verlief diese Entwicklung? Les Reines Prochaines: Zuerst waren die Reines ja nur zu dritt: Muda Mathis, Regina Florida Schmid und Teresa Alonso. Dann kamen Fränzi Madörin und Pipilotti Rist dazu und damit auch neue Instrumente und neue Stimmen. Die Lust, alte, in der Kindheit erlernte, aber auch neue Instrumente hervorzuziehen und auch die Freude, ein herumstehendes Instrument zu erlernen, ist bei allen Reines vorhanden. Wir sind ja auch eine Autorinnenband, das heißt, es bringt jede ihre Songs und Ideen inhaltlich und formal ein, auch ihre Vorstellungen von Sounds. Die Reines sind derzeit Michèle Fuchs, Fränzi Madörin, Barbara Naegelin, Muda Mathis und Sus Zwick. Die Künstlerin Pipilotti Rist ist euer wohl prominentestes ehemaliges Bandmitglied, es gibt aber mittlerweile eine recht ansehnliche Liste ehemaliger Königinnen. Woher rührt dieser auffallend hohe Verschleiß? Und gab es wichtige Impulse und Veränderungen durch neue Frauen? Also wir finden, das ist gar kein hoher Verschleiß! In den 18 Jahren gab es mit den jetzigen fünf Königinnen derer fünf, die sich anderen Projekten und Aufgaben zugewandt haben. Bekanntlich ändern sich im Verlauf der Zeit Lebenssituationen und Prioritäten. Dazu kommt, dass wir projekthaft arbeiten, das heißt, jede Königin kann zu Beginn eines neuen Projektes entscheiden, ob sie weiter mitmachen, aussetzen oder sich anderem zuwenden möchte. Nur dank dieses Konzepts existieren Les Reines Prochaines überhaupt schon solange. Eure Konzertprogramme sind Performances und einige Stücke funktionieren wohl auch nur auf der Bühne und nicht auf CD. Versucht ihr, Musik auch im Hinblick auf ihr eigenständiges Funktionieren - sprich, auch für die nächste Veröffentlichung – zu machen oder ist sie für euch weiterhin nur ein Teil des Gesamtacts? Wir sind ein ausgesprochener Liveact und erarbeiten nie ein Programm im Hinblick auf eine CD. Die Performance ist der Musik vollkommen gleichwertig. Die CDs kommen nicht wie bei anderen Bands zu Beginn eines Programms heraus, sondern mittendrin, wenn die Songs sich auf der Bühne schon bewährt haben. Von unseren fünf CDs gibt es zwei live aufgenommene: „Alberta“ und „Protest und Vasen“. Im Studio haben wir sie dann noch verfeinert, auf dass sie auch ein Hochgenuss fürs Ohr sind. Aber es ist schon klar – Les Reines Prochaines sind eine wahrhaft rohe Sache. Ihr nennt u.a. „Pop-Volkstum und Dadaismus“ als Inspiration für eure Arbeit. Was bietet das Schweizer „Pop-Volkstum“ an Verwertbarem? Wir denken da einerseits an wirklich gute, alpine, erdig-ätherische Volksmusik, jenseits des Mainstreams, aber auch an Volksmusik aus aller Welt. Wir lieben Blasmusik vom Balkan. Inspirieren lassen wir uns auch von Volks- und religiösen Bräuchen, weniger im tieferen Sinn, sondern mehr als ästhetisch und emotional aufgeladene Ausdrucksformen, vor allem von katholischen wie zum Beispiel von Prozessionen, Altären, heiligen und heidnischen Ritualen. Aber auch Pop, Kirmes und Kitsch sind ästhetische Ideale für uns. Ein „Stich in die eitrige Geschlechterverhältnisbeule eures bergigen Landes“ war die Wahl von Christoph Blocher in den Bundesrat, schreibt ihr auf eurer Homepage. Ihm musste dort eine Frau weichen, eine Einzige ist noch übrig. Die Schweiz war mit Liechtenstein europäisches Schlusslicht bei der Einführung des Frauenwahlrechts. Was gibt es bei euch aus feministischer Perspektive sonst noch für Nachholbedarf? Ja das viel, viel, viel zu späte Frauenstimmrecht ist eine große Schmach. Die Schweizer haben die Tendenz, alles auszusitzen, auch längst Überfälliges. Wenn es dann soweit ist, rutscht Mann dann schon. Neuerungen steht man grundsätzlich defensiv gegenüber. Konkret gibt es da natürlich noch sehr viel zu tun. Es mutet eigenartig an, seit Jahrzehnten immer wieder die gleichen Forderungen zu formulieren wie: Kinderkrippen, Tagesschulen, Mutterschaftsurlaub, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, mehr Frauen in höheren Positionen... In einem Interview thematisiert ihr gegenüber der WOZ den Mangel an politischer Positionierung von KünstlerInnen. Die Kunst sei es, „politisches Interesse flirren“ zu lassen, ohne wirklich konkret zu werden. Auf eurer neuen CD werdet ihr vor allem mit dem „Kampflied“, aber auch mit dem „Preisausschreiben“ sehr konkret. Warum? Weil die Ausnahme die Regel bestätigt und weil das die Rosinen im großen Flirren sind. Und es tut auch gut, sich ab und an angreifbar zu machen. Aber man muss mit seinen Ausbrüchen sparsam umgehen. Ebenfalls in der WOZ stellt ihr fest, dass der Feminismusverdrossenheit der 1990er Jahre mittlerweile neue, post-feministische Politisierungen gefolgt seien. Wenn ihr in diesem Zusammenhang von „Artikulationen“ und neuen „Verbalisierungen“ sprecht, bedauert ihr damit auch einen Trend zum Intellektuellen, Theoretischen, zum „bloß reden“? Wir stellen fest, dass sich die jungen Frauen wieder vermehrt für feministische Themen interessieren. Auch bei uns ist ein großer Nachholbedarf an Intellektualisierung auszumachen, was bitternötig und gut ist. Wir wünschen aber jeder Generation unbedingt auch eine aktivistische Zeit. Wann seid ihr das nächste Mal in Wien zu sehen? Wenn wir ein neues Programm haben und wenn ihr uns einladet. Sehr gerne! |