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Körper in Rahmen passen |
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Alle schienen zu wissen, was sie sahen, als die Arbeiten von Tanja Ostojic und Carlos Aires auf den Rolling Boards erschienen. Es waren „Porno-Plakate“ (J.Cap/Krone), „sexistisch“, „herabwür- digend“, „geschmacklos“, schlichtweg „ein Skandal“, „untragbar“ in EU-Präsidentschaftszeiten wie diesen (B.Prammer, B.Stadlbauer). Dabei schien alles gut geplant. Das Gedenkjahr 2005 sollte nahtlos in die Projektion der österreichischen Zukunft in der EU übergehen und das ginge, laut Initiatoren des Projektes 25PEACES, am besten mit europäischer Gegenwartskunst. Die Präsentation sollte ein kulturfähiges Österreich repräsentieren‚ es „in Augenhöhe mit Europa performen„ und „die Mozartkugeln zum mitnehmen nach Hause durch einen Kunstkatalog ersetzen“. (W.Lorenz). Offensichtlicher kann es nicht sein, die EU-Präsidentschaft Österreichs wurde mit der Europa-Ausstellung beworben. Das ist klar, wenn Auftrag wie Finanzierung von staatlicher Seite (ob direkt oder indirekt) kommen und öffentlicher Raum zum Ausstellungsort wird. Die KuratorInnen wollten mit dem Projekt den „politischen und wirtschaftlichen Hegemonie-Anspruch der EU“ thematisieren, und über die Arbeiten „das Konstrukt Europa reflektieren“(Seidl, Probst). Das war ein guter Vorsatz, der unter den falschen Rahmenbedingungen schlecht umgesetzt wurde. Es fehlte an Hintergrundinformationen zu den KünstlerInnen und zur Thematik. Prostitution nötig. Die Arbeiten verschwanden hinter den unzähligen Werbeplakaten im öffentlichen Raum, zur Ansicht der Bilder kam es erst durch ihre ständige Wiederholung in den diversen Medien. Tanja Ostoijc's Bild wurde teilweise sogar angeschnitten, so das der weibliche Unterleib noch mehr ins Zentrum des Betrachters/der Betrachterin rückte. Der postulierte Porno wurde sozusagen zum echten Porno zurechtgeschnitten. „Pornografie liegt im Auge des Betrachters“, wie Carlos Aires behauptet? Pornografie arbeitet mit einem komplexen Bildaufbau, sie impliziert eine Ästhetik, die Macht- und Gewaltverhältnisse ausdrückt und reproduziert. Der weibliche Körper ist dem männlichen Blick unterworfen und wird zur vermessbaren Oberfläche. Das pornografische Bild ‚entleert' die Frau und macht sie zum Objekt der Lust des Sehens. In Ostoijc's Bild aus der Serie „Integration Project“ 2000-2005 geht es um das Zeigen eines patriarchal-strukturierten und sehr aktuellen Gewaltverhältnisses zwischen Körper, Geschlecht und Grenzpolitiken auf europäischer Ebene. Ihre Arbeit fokussiert auf das weibliche Geschlecht als eine Möglichkeit des Zugangs und der „Integration“ in den europäischen Raum. Sie stellt damit die Frage: Welche Frauen müssen sich in welcher Form prostituieren, um in die EU zu gelangen? Die bestehenden Migra- tionsbedingungen in den Westen und Norden unterstützen die Objektivierung und Sexualisierung der Frau und lassen sie in diesem Sinne zur entpersonifizierten Akteurin im Kontext neuer Grenzregime werden. „Meine Erfahrung sagt mir, dass es die innere Message eines Werkes ist, die eigentlich die Provokation auslöst, und nicht die Direktheit meines weiblichen Körpers“ bestätigt Tanja Ostojic. Es scheint so, denn der öffentliche Raum ist voll von der Inszenierung des weiblichen Körpers. Dieser dient als reizvolle Oberfläche, als Auslöser von Konsumverhalten und Medium kapitalistischer Profitlogik. Und hier noch einmal die Frage: Was ist der österreichischen Öffentlichkeit zumutbar? Die Palmers-Plakate, beispielsweise? Ist es nicht bedenklich, dass sie auf sexistische, herabwürdigende und geschmacklose Weise ein Frauenbild transportieren, das sich in den Kinderköpfen Österreichs manifestiert? Spaß bei Seite: Palmers-Plakate konstruieren einen symbolischen Zusammenhang über den ein gesellschaftlicher Konsens besteht, deshalb unterliegen sie nicht der Zensur. Weiblicher Körper, lasziv, in Spitzenwäsche verfügbar, sexy sein kostet was – das ist normal und wird alltäglich auf den Straßen visualisiert. Das Palmers-Bild ist „verständlich“, es ist lesbar und vor allem, es ist legitimierte Pornografie. Vielleicht in der schlimmsten Version, in dem die Objektivierung der Frau den Lustgewinn an kapitalistischer Verwertung steigern soll. Verfügbarkeit.
an.schläge: Wie kann eine Frau in EU-Unterhose einen derartigen Aufruhr verursachen? Ist die Öffentlichkeit so stark vom männlichen Blick dominiert, dass eine sexistische Werbung „normal“ erscheint, die Produktion einer Künstlerin aber als Provokation? Wenn jemand weibliche Körper sexualisiert oder mit dieser Art von Bildern spielt, dann bitte keine Künstlerinnen in der Öffentlichkeit – das machen wir lieber selber? Tanja Ostojic: Ich stimme deinem Statement zu, aber ich denke, warum diese Arbeit so viel Aufregung erzeugt hat, liegt in dem Umstand begründet, dass sie an einem für Werbung reservierten Platz veröffentlicht wurde, aber nicht die Funktion einer positiven Werbung für die EU erfüllte. Außerdem gehört der weibliche Körper auf dem Bild – also meiner – zu jemand, der nicht Teil des EU-Territoriums ist. Jemand, der diskriminiert wurde, weil er oder sie nicht BürgerIn dieses elitären politischen und ökonomischen Raumes ist. In der Kärntner Krone beschwerten sich interviewte PassantInnen, dass sie nicht verstehen könnten, was ihnen die Künstlerin sagen will. Aber sollte Kunst nicht gerade offen für verschiedene Interpretationen sein und mit den Widersprüchen in den einzelnen Menschen arbeiten? Was wolltest du rüber bringen? War vielleicht der Kontext falsch? Ich wollte so genannten Minderheiten in der EU Sichtbarkeit verleihen. Und gleichzeitig die von den Medien produzierten Bilder der Abstraktion und Dämonisierung von „Minderheiten“ ansprechen. Besonders die Stereotypen zum „Krieg gegen den Terror“. Die Interpretationen des besagten Bildes sind vielfältig, je nachdem wer es anschaut: Die Geburt einer Einheit für die einen, die Verhinderung derselben für die anderen, oder für einige die vermehrten Schwierigkeiten nicht ebenfalls unter dem neuen Schutzdach zu sein. Eine mögliche Einladung in den ersehnten Status? Leider haben die KuratorInnen die adäquate Information nicht rechtzeitig veröffentlicht. Außerdem ist die ganze Kampagne „25peaces“ hoch problematisch, ich habe den Kontext der gesamten Serie erst zu spät mit gekriegt. Wie fühlst du dich nach dieser offenen Zensur durch hochstehende Politiker in Österreich? Warst du überrascht? Seit der Biennale in Venedig 2001 bist du doch schon an Aufregung gewöhnt? Die Entfernung meiner Bilder von den Rolling Boards berührt mich persönlich nicht. Doch ohne Zweifel zeigt diese Zensur Gefahren für die Zukunft Österreichs auf – besonders für kritische Kunst, für Künstlerinnen und alle Kunstschaffenden von außerhalb der EU. Ich werde in meinen Werken den kritischen Blick auf die Ausschließungspolitik der EU beibehalten. |