|
„Opfer einer Gehirnwäsche durch das kapitalistische Gesellschaftssystem!“ – Die Bezeichnung, die eine Diskutan-tin und langjährige Aktivistin der Frauenbewegung im Publikum des Frauencafés für die jüngere Frauengeneration übrig hat, erzeugt Widerspruch bei anderen Gästinnen der Veranstaltung, bei der gerade Helga Pankratz als Frau der Monate Dezember 2005/Jänner 2006 geehrt wird. Aber stimmt es nicht, dass junge Frauen heute zuwenig politisiert sind? Immerhin fehlt es traditionellen feministischen Orten wie dem Frauenzentrum Wien immer wieder an Aktivistinnen und auch an Publikum, um einen dichten Veranstaltungsbetrieb aufrechterhalten zu können – die FZ-Bar hat beispielsweise nur mehr an zwei Abenden in der Woche geöffnet. Und auch im Frauencafé gab es an so manchen Abenden im Jahr 2005 nur gedämpftes Interesse an politischen Buchpräsentationen und Diskussionsveranstaltungen.
Frauenorte in der Krise – die feministische Bewegung vor dem Aus?
Jenseits der traditionellen Frauenorte zeigt sich ein anderes, ja geradezu konträres Bild: Großes Interesse an den Ladyfesten 2004 und 2005 in Wien, gut besuchte queer-feministische Veranstaltungen in deren Umfeld, ein erfolgreiches Lesben-Vernetzungspicknick im August 2005, aus dem sich in der Folge der Plan entwickelt hat, das erste österreichweite Lesbentreffen seit 15 Jahren stattfinden zu lassen. Konzerte mit feministischen Bands und Frauenbands in Veranstaltungsorten wie dem rhiz, dem B72, dem Fluc. Eine Reihe von Frauenbanden-Festen in den vergangenen Jahren, bei denen junge Bands sich ausprobieren und vor allem ausdrücken konnten. Feministische Radiosendungen auf Radio Orange, mit an.schläge TV sogar feministisches Fernsehen auf Okto. Und das DJane-Kollektiv Quote bleibt mit seinem feministischem Anspruch auch erfolgreich. Blüht der Feminismus also doch auf?
Feminismus lebt – und Leben ist Veränderung.
Er gedeiht sogar, allerdings haben die jungen feministischen Bewegungen gegenwärtig ihre Basis weniger in Institutionalisierung und fixen Orten, sondern in Vernetzungen untereinander und mit anderen Institutionen. Konsequenterweise speisen sich diese Bewegungen eher aus Events – vom Workshop, der Soliveranstaltung, dem Konzert bzw. der Djane-Line über Ladyfeste bis zum Seminar an der Universität – und damit zusammenhängenden spontanen Zusammenschlüssen von Feministinnen als aus der Verankerung in fixen Organisationen. Aus dieser Sichtweise überrascht es nicht, wenn Vertreterinnen von feministischen Institutionen den Eindruck bekommen, dass der Nachwuchs ausbleibt und mit der jüngeren Generation politisch einfach nichts mehr los oder anzufangen sei. An drei aktuellen Beispielen sollen an dieser Stelle unterschiedliche Vernetzungspolitiken vorgestellt werden.
[1] Ladyfest05 Wien
Das Ladyfest05 Wien () fand von 7.-9. Oktober 2005 als internationaler Event statt. Das Organisationskollektiv konnte auf Vorarbeiten und Vernetzungen des (nicht deckungsgleichen!) Organisationskollektivs von Ladyfest 2004 zurückgreifen. Weltanschaulich zwar heterogen, aber erkennbar auf das Erbe der Punk- und Riot Grrrls-Bewegung und Begriffe wie Antirassismus, Anti(hetero)sexismus, queer-feminism und Do-it-yourself-Kultur bezogen, hatte das Ladyfest05 keine monolithische, aber spürbar klardefinierte politische und kulturelle Ausrichtung. International sind Ladyfeste und queer-feministische Veranstaltungen aus ihrem Umfeld über Webseiten und zahlreiche persönliche Kontakte vernetzt – auf diesen Wegen ergaben sich auch Kontakte etwa zu Bands und Workshopleiterinnen, die dann auch für Einladungen zur Veranstaltung genützt wurden. Da das Ladyfest über keinen eigenen Veranstaltungsort und kein Budget für Raummieten verfügte, war die Kooperation mit anderen ideell nahestehenden Gruppen eine Vorbedingung für das Zustandekommen des Ladyfest 05.
[2] Lesbentreffen 2006
Das Lesbentreffen 2006 () wird von 1. bis 3. September 2006 stattfinden und ist daher derzeit noch in einer frühen Organisationsphase. Das Ziel ist eine österreichweite Vernetzung zwischen lesbischen Frauen und ihren Organisationen. Der weltanschauliche Hintergrund ist feministisch und gegen Diskriminierungen ausgerichtet, aber anders als beim Ladyfest nicht aus einer bestimmten sozialen Bewegung hervorgegangen und daher offener. Zwar liegt es nahe, sich bei einem Lesbentreffen 2006 auf die Tradition der neun bisherigen österreichweiten Lesbentreffen (1980-1991) zu beziehen, allerdings gibt es klare Unterschiede. Der auffälligste: Anders als die bisherigen Treffen soll der Veranstaltungsort nicht in Wien liegen – geplant ist das Europacamp bei Weißenbach am Attersee. Weiters lässt sich nicht einfach auf den Erfahrungen bisheriger Lesbentreffen aufbauen, da der zeitliche Abstand sehr groß ist und die neue Initiative eher die Herausforderung eines Neuanfangs als die einer Fortsetzung zu bewältigen hat. Derzeit finden die Organisationstreffen im Frauencafé Wien statt, allerdings sind bereits Austauschtreffen mit Organisationen und Einzelpersonen außerhalb Wiens in Vorbereitung, um zentralistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Auch das Lesbentreffen 2006 besteht aus einer freien Assoziation von Organisatorinnen, zu der Interessierte jederzeit dazustoßen können...
[3] Frauencafé Wien
Auch traditionelle feministische Orte wollen aktuelle Entwicklungen mittragen: Anders als die Events Ladyfest05 und Lesbentreffen 2006 steht das Frauencafé Wien jedoch vor der Herausforderung, seine Identität als seit 1977 bestehender Ort feministischer Bewegung mit einer Identität als gleichwertiger Teil der neuen feministischen Netzwerke zu koppeln. Schon die bisherige Bereitschaft, sich mit neueren feministischen Bewegungen zu vernetzen, brachte Resultate: So war das Frauencafé Veranstaltungs- und Ausstellungsort für das Ladyfest 05 und beherbergt derzeit auch die Organisationstreffen für das Lesbentreffen 2006. Auf der anderen Seite gab es im vergangenen Jahr Kooperationen mit der Aktion „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ der Frauenhetz und auch dem Frauenzentrum Wien (After-Parade-Party und Silvesterfest). Unter dem Vernetzungsnamen „Republica Feminista“ sollen im laufenden Jahr weitere Kooperationen geschlossen werden.
Welche Probleme sich bei derartigen Kooperationen ergeben können, zeigte bei der Vorbereitung des gemeinsamen Silvesterfests im Frauenzentrum, als einige Frauen im Frauenzentrum den Standpunkt einnahmen, die zwischen Frauencafe und FZ-Bar ausgemachte und am Flyer angekündigte Genderpolitik „Frauen aller Identitäten welcome!“ könne nicht angewendet werden, da im FZ ein Transgender-Ausschluss bestehe. Zum Glück konnte das Missverständnis beim anschließenden Plenum ausgeräumt werden und die Einigung erzielt, dass die gemeinsamen Veranstaltungen auf jeden Fall speziellen Vereinbarungen unterliegen. Die Gebundenheit des Frauencafés an das Lokal in der Lange Gasse 11 wird bei den Kooperationen wie schon in der Vergangenheit immer wieder dadurch überwunden, dass auch Veranstaltungen außerhalb des „Stamm“-Lokals unter dem Namen „Frauencafé Wien“ abgehalten werden. Ein Ziel für das Jahr 2006 ist die weitere Verschränkung von Eventkultur innerhalb des Cafés mit kulturellen und politischen Inhalten, wie es im Dezember zum Beispiel mit der Veranstaltung „Gender Chaos Vol#1: gay party“ gelungen ist: Eine Party als Widerspiegelung von Queer Theory!
Perspektiven für die Zukunft.
Feministische Orte und feministische Events müssen nicht gegensätzliche Organisationsstrukturen von feministischen Bewegungen darstellen. Die Events finden oft in größeren Abständen statt, dazwischen ist es schwierig, eine Kontinuität aufrechtzuerhalten. Hier können feministische Orte ihre Qualitäten ergänzend ausspielen und eine ständige Infrastruktur für die neuen feministischen Bewegungen bereitstellen. Und so andererseits selbst den Beweis antreten, dass der politische Feminismus auch 2006 lebt!
|