Hurra, ein Bambi!Auch im vierten Spielmonat von Elfriede Jelineks "Bambiland" im Wiener Burgtheater präsentiert sich Regisseur und Hauptdarsteller Christoph Schlingensief hauptsächlich ohne Hose. Wieso? fragt sich Daniela Fohn
"Es fängt schon wieder an! Es fängt schon wieder an! Mama! Ich kann es nicht stoppen!" Michael rennt schreiend über die Bühne des Wiener Burgtheaters, reißt sich die Hose herunter, kippt sich Farbe über seinen Anzug, bis alles eingesaut ist, taucht seinen Hintern in blaue Farbe, stülpt sich einen frischen Margarinetiegel über seinen Schwanz. Zweijährige Jungs sind angepasste Spießer gegen diese geballte Wucht frühkindlicher Trieberfüllung. Allerdings wird "es" Michael alias Christoph Schlingensief, Aktionskünstler und Regisseur des mittlerweile zum Kassenschlager aufgestiegenen Stücks "Bambiland" von Elfriede Jelinek, an diesem Abend noch oft nicht stoppen können!
Dass die Inszenierung, von ein paar Zitatfragmenten, dem gemeinsamen Titel und ein paar Bambis einmal abgesehen, etwas mit dem Text der Schriftstellerin zu tun hat, kann so gut wie ausgeschlossen werden. Jelineks Stück beschäftigt sich mit dem Irakkrieg, mit Amerika, seinen Waffen und Allah, der zwar sämtliche Streubomben und Marschflugkörper zu kennen scheint, aber auch nicht so genau weiß, was da in seinem Namen so alles passiert. Disneyworld für Soldaten.
Schlingensiefs Inszenierung thematisiert zwar teilweise auch den Irakkrieg, im Mittelpunkt des Geschehens steht aber seine "Church of Fear". Mit dem seit März 2003 propagierten Ruf nach Recht auf Terror und Angst ("Man hat uns unseren Glauben genommen, unsere Angst nimmt man uns nicht."; "Terror Jetzt") ist Jelineks Bambiland zu einem Teil von Schlingensiefs Atta-Zyklus (der seinen Namen von einem der Terroristen der 11.-September-Attentate herleitet) mutiert. Zeitgleich in Zürich und Berlin finden des Aktionskünstlers Porno-Terror-Bambi-"Massaker" statt.
Zu Beginn kann das Stück noch mit einem gewissen Überraschungseffekt punkten. Die ersten Minuten sind kritisch, absurd und witzig und versprechen einen kurzweiligen Theaterabend. Nach einer halben Stunde Schlingensiefscher Selbstinszenierung wird es dann (zumindest mir) sterbenslangweilig. Alle männlichen Protagonisten haben sich inzwischen mehrmals ausgezogen, ein überdimensionaler Atta-Film, der sich im Laufe des Abends zu einem Pseudo-Porno entwickelt, "überzieht" im wahrsten Sinne des Wortes die Szenen auf der Bühne. Die dazwischen geäußerten, durchaus interessant scheinenden Textpassagen (mit oder ohne Jelinekbezug), sind akustisch leider kaum zu verstehen.Unklares Frauenbild. Auch das von Schlingensief gezeichnete Frauenbild verwirrt. Menschenverachtend behandelt werden ja sämtliche ProtagonistInnen, Frauen erfahren jedoch wesentlich grausamere Misshandlungen. So jagt man im Atta-Film eine dicke Frau durch unterirdische Gänge, um sie dann zu vergewaltigen, während literweise rotes Blut aus ihrem Körper quillt. Auch die "Farbbeschüttung" der jungen Braut wirkt besonders brutal. Ob zu brutal, sei dahingestellt. Offen bleibt nämlich, ob sich Schlingensief einfach keine Gedanken über das transportierte Frauenbild gemacht hat und somit einer dieser politisch korrekten Machos ist, die in der Kunstszene nur allzu oft vertreten sind, oder ob er diese überbordende Brutalität Frauen gegenüber sehr wohl überlegt und beabsichtigt, die Umsetzung dieser Gesellschaftskritik jedoch ein wenig ungeschickt ausgeführt hat.
Warum sich Christoph Schlingensief so oft ohne Hose präsentiert, bleibt auch am Ende des Theaterabends rätsel- umwoben. Wollte er schockieren?
Wollte er provozieren? Selbstdarsteller Schlingensief hat den Medien mehrmals bedeutet: Nein! Provozieren um des Provozierens Willen wollte er nie. Was wollte er dann? Aber sogar mit diesen Fragen haben die ZuschauerInnen an diesem Abend keine Chance. Zehn Minuten vor Schluss fragt eine Hauptdarstellerin in die Menge, was das Publikum denn eigentlich in einem Stück wolle, in dem es um nichts gehe, ein Porno gezeigt werde und die ersten ZuschauerInnenreihen mit eingesauter Kleidung den Heimweg antreten müssten? Tja, warum eigentlich wirklich? Betretenes Schweigen. Vielleicht weil das Stück doch nicht so schlecht ist?inhalt l über uns l inserieren l abonnieren l archiv l forum.netz l kommentare l wyber.space l links l mail an uns