New York, New York
Von 27. Februar bis 10. März 2006 fand die 50. Sitzung der Frauenstatutskommission der UNO in New York statt. Daniela Reiter über Mentoring, Wissenstransfer und ein feministisches Kontinuum in der internationalen Frauenpolitik

 

„Young women nowadays take everything for granted“. Vor einem Jahr, im März 2005 sitze ich im UNO-Hauptgebäude in New York bei der 49. Sitzung der Frauenstatuskommission und höre diesen Satz von einer Rednerin am Podium. „Aber das stimmt doch nicht!“, möchte ich laut rufen, weiß aber um den Verhaltenskodex auf der BesucherInnen-Tribüne. Ich bin verärgert und tausche meine Überlegungen mit meiner Schweizer Kollegin aus: Es war nicht so einfach, hier herzukommen, aber die Gelegenheit, bei der Nachfolgeveranstaltung der vierten Weltfrauenkonferenz teilzunehmen, war all die Mühen wert.

Beitrag leisten.
Wir sind beide in den nationalen Jugendvertretungen unseres Landes im Gleichstellungsbereich aktiv, Irene in der Frauenkommission der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) und ich als Genderbeauftragte der österreichischen Bundesjugendvertretung (BJV). Als Mitarbeiterin der Interessenvertretung der Kinder und Jugendlichen werde ich nicht müde, darauf hinzuweisen, dass junge Menschen nicht nur Lernende sind, sondern aus ihrer Lebensrealität heraus Wissen vermitteln können.
Wir sind beide zum ersten Mal bei der CSW und uns schwirrt der Kopf: So viele spannende Themen, die spezielle UNO-Sprache, neue Abkürzungen und dazu all diese tollen Frauen aus der ganzen Welt – angeblich sind alleine als Vertreterinnen von NGOs 5.000 Frauen in New York. Die Atmosphäre ist umwerfend und vor allem die Anwesenheit von Frauen, die seit mehr als dreißig Jahren für Frauenrechte aktiv sind, beeindruckt und beflügelt mich.
Ich bin zwischendurch so richtig euphorisch: Da möchte ich gerne weiterarbeiten, das Erbe antreten, meinen Beitrag für ein feministisches Kontinuum leisten. Umso härter trifft mich daher die Aussage über „die jungen Frauen“.
Was SAJV und BJV seit 2003 verbindet, sind die Mentoring-Projekte für junge Frauen im Bereich der Politik. Im Jahr 1999 startete „Von Frau zu Frau“, für das die SAJV im Jahr 2003 mit dem Preis des Europarates „Young Active Citizens“ ausgezeichnet wurde. Nach dem Import der Idee nach Österreich wurde daraus „genderize!“, mein Hauptprojekt als Genderbeauftragte und eine persönliche Freundschaft zu Veronika Neruda, die das Schwesterprojekt in der Schweiz leitet.
Das Einarbeiten in die CSW ist aufwändig und wäre ohne die Hilfestellung von erfahreneren Teilnehmerinnen nicht möglich. Irene und ich lernen rasch sehr viel, würden uns das aber systematischer wünschen. Kein Zufall, dass uns als erstes Mentoring in den Sinn kommt, um innerhalb der internationalen frauenpolitischen Arbeit den Wissenstransfer zu gewährleisten. Die Idee zu einem Parallel Event entsteht.

Nächste Teilnahme.
Ein Jahr später findet die 50. Sitzung der CSW statt, und ich bin dank finanzieller Unterstützung durch das BMGF wieder dabei. Die beiden Arbeitsschwerpunkte in diesem Jahr lauten „Enhanced Participation of Women in Development“ und „Equal Participation of Women and Men in Decision-making Processes at all Levels“, als „Emerging Issue“ werden die Geschlechterdimensionen von internationaler Migration behandelt.
Wir organisieren unser Parallel Event gemeinsam mit Rosy Weiss, der Präsidentin der International Alliance of Women, die im Pilotdurchgang von genderize! als Mentorin dabei war. Unter dem Titel „Empowering Young Women in Politics through Mentoring Programmes“ stellen wir die Mentoring-Projekte vor und diskutieren mit dem internationalen und breit gefächerten Publikum. Das Ergebnis entspricht dem Stand unserer Diskussion in der BJV: Mentoring ist auf dem Weg zu einer De- facto-Gleichstellung nur ein Mosaikstein unter vielen, aber ein wichtiges Instrument zur Weitergabe von Wissen und zur Überbrückung einer gewissen Leerstelle zwischen den Generationen.
Ich interessiere mich besonders für die Veranstaltungen zu „Women in Decision Making“ und höre in Sitzungen und Parallel Events viel zu Erfahrungen mit Quotenregelungen, etwas zu „100 Jahre Frauenwahlrecht in Finnland“ und immer wieder die Forderung nach Mentoring, damit auch der Nachwuchs gefördert wird. „genderize!“ stößt als Good-Practice-Example auf reges Interesse und ich bin froh, ausreichend Folder in englischer Sprache mitzuhaben.
Die große Bandbreite der aktiven Frauen, die die Teilnahme an dieser Konferenz zu einem besonderen Erlebnis werden lässt, spiegelt sich auch in der Ausstellung „1000 Women for Nobel Peace Prize“. Diese wird während der zwei Wochen gezeigt und präsentiert ebenso spannende Frauen wie die Auswahl der potenziellen Kandidatinnen für die erste Frau als UN Secretary General. Die Initiative „Time for a Woman“ wurde von der Frauenrechtsorganisation Equality Now im November 2005 gestartet und zielt auf Bewusstseinsarbeit für die bevorstehende Wahl der Nachfolge von Kofi Annan ab1.

Wir sind viele.
Die Zeit verfliegt viel zu schnell. Was ich mit nach Hause nehme: Das beruhigende Gefühl nicht alleine zu kämpfen. Neue Kontakte zu Frauen aus verschiedenen Ländern und teils vage, teils konkrete Pläne für gemeinsame Projekte. Neue Anregungen und kreative Ideen für Themen, die mich in meiner Arbeit schon länger beschäftigen.
Ein weiteres Thema ist 2006 die Planung eines Mehrjahres-Arbeitsprogramms für die CSW. In einem der kommenden Jahre wird es schwerpunktmäßig um Mädchen und junge Frauen gehen, aber nicht erst dann wollen wir darauf aufmerksam machen: Wir nehmen nichts als gegeben hin, es geht vor allem um unsere Zukunft – und um ein feministisches Kontinuum.

Die Frauenstatuskommission (Commission on the Status of Women, kurz: CSW) der Vereinten Nationen wurde als eine funktionale Kommission des Wirtschafts- und Sozialrats 1946 eingerichtet, um Empfehlungen und Berichte an den Rat zur Förderung der Frauenrechte in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Sozial- und Bildungswesen vorzubereiten, sowie Empfehlungen an den Rat, um bei „Emerging Issues“ unverzüglich die Aufmerksamkeit auf den Bereich der Frauenrechte zu lenken. Das Ziel der Kommission ist es, die Implementierung gleicher Rechte von Frauen und Männern als Grundsatz zu fördern. Nach der vierten Weltfrauenkonferenz 1995 in Beijing beauftragte die Generalversammlung die CSW, den Follow-Up-Prozess zur Konferenz in ihr Programm zu integrieren, regelmäßig die kritischen Bereiche in seiner Aktionsplattform zu prüfen und seine Katalysatorrolle im Etablieren einer Gender-Perspektive in die Aktivitäten der Vereinten Nationen zu entwickeln. Die aktuelle Arbeit der CSW ist in ihrem Mehrjahres-Arbeits-Programm festgelegt und eng an die Aktionsplattform und das Ergebnisdokument von der 23. Sondersitzung der Generalversammlung (Beijing +5) 2000 gebunden, um deren effektive Implementierung zu gewährleisten. Die Kommission begann mit 15 Mitgliedern und besteht nun aus 45, die vom Wirtschafts- und Sozialrat für vier Jahre gewählt werden. Die Kommission trifft sich jährlich für eine Periode von zehn Arbeitstagen. Neben den Hauptsitzungen finden Parallel Events statt, die von verschiedenen Regierungsdelegationen und NGOs organisiert werden. Mehr Infos unter http://www.un.org/womenwatch/daw/csw/

Die Bundesjugendvertretung, kurz BJV genannt, wurde als Jugendvertretung in der derzeitigen Form durch das Bundes-Jugendvertretungsgesetz (B-JVG) am 1.1.2001 eingerichtet und ist mit 43 Kinder- und Jugendorganisationen die Interessenvertretung für junge Menschen in Österreich. Die Mitgliedsorganisationen haben unterschiedliche Ziele und weltanschauliche Hintergründe, ein Ziel ist ihnen allen gemeinsam: Sie machen sich für die Anliegen junger Menschen in Österreich stark und setzen sich dafür ein, dass junge Menschen politisch mehr mitbestimmen können. Seit 2004 organisiert die Bundesjugendvertretung genderize!, das Mentoring-Projekt für junge Frauen. Als Mentorinnen wirken Frauen, die das weite Feld der Politik repräsentieren: Politikerinnen, Vertreterinnen verschiedener Nicht-Regierungs-Organisationen, Glaubensgemeinschaften und der Verwaltung. Für ein Jahr können über zwanzig junge Frauen zwischen 18 und dreißig ihrer Mentorin über die Schulter schauen, Einblicke in ihr Arbeitsleben bekommen und Netzwerke knüpfen, während sie ihrer Mentorin das Wissen und die Lebensbedingungen einer jüngeren Generation vermitteln. Der zweite Durchgang geht im April 2006 in die Halbzeit. Infos über den so eben erschienen Bericht und Bestellungen unter www.jugendvertretung.at.