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Ob Nannerl auch eine bedeutende Komponistin hätte werden können, wenn ihr Vater sie so gefördert hätte wie den Bruder? Diese Frage stellten sich die SchülerInnen des Musikums Salzburg, als sie mit der Erarbeitung des Musicals „Nannerls Traumreise“ begannen, das in den nächsten Monaten in St. Gilgen und Umgebung aufgeführt wird. Nannerl Mozart geht mit einem DJ auf eine Reise durch Zeit und Raum: nach Hollywood, Los Angeles, in ein Wirtshaus, zum Song-Contest. „Nannerl will aber irgendwann zurück, mit ihrer Erfahrung von heute. Sie begegnet sich selbst als ältere Frau – und muss sich entscheiden, wie ihr Leben weitergehen soll.“ Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, hat sogar Maria Anna Mozart die freie Wahl. Genau die hatte sie zu Lebzeiten selten.
„Wunderkind“.
Nannerl und ihr Bruder Wolferl waren die einzigen überlebenden Kinder von Anna Maria und Leopold Mozart. Fünf weitere Kinder starben kurz nach der Geburt. Nannerl wurde am 31. Juli 1751 in Salzburg geboren, fünf Jahre später Wolfgang Amadeus. Beide galten jahrelang als Wunderkinder am Klavier, gingen gemeinsam, begleitet vom Vater, auf lange Konzertreisen durch Europa. Vater Leopold schrieb 1764 in einem Brief: „Mein Mädl ist eine der geschicktesten Spilerinnen in Europa.“ Und in der „Europäischen Zeitung“ war zu lesen: „Es war ganz etwas Bezauberndes, die vierzehn Jahre alte Schwester dieses kleinen Virtuosen mit der erstaunlichsten Fertigkeit die schwersten Sonaten auf dem Flügel abspielen ... zu hören. Beide Thun Wunder.“
Von Anfang an war jedoch ein Unterschied bei der Behandlung der kleinen Künstlerin und des noch kleineren Künstlers zu erkennen. Wolfgang wurde in den Briefen des Vaters und in Zeitungskritiken in die Nähe des Göttlichen gerückt. Sein nicht zu leugnendes musikalisches Ausnahmetalent warf stets einen Schatten, der groß genug war, um Nannerls ebenso große Fähigkeiten zu verdunkeln. Das wurde noch unterstützt durch den damaligen Geniekult. Nannerl war nicht nur eine im 18. Jahrhundert lebende Frau mit allen Einschränkungen, die sich daraus „natürlich“ ergaben, sondern noch dazu die Schwester eines kleinen Genies.
Biografie im Mozartjahr.
„Warum ist aus dem einstigen Wunderkind nichts als eine Salzburger Klavierlehrerin geworden?“ fragt Eva Rieger in ihrer Biografie „Nannerl Mozart“. Die Autorin begnügt sich nicht mit einer einfachen Antwort, sondern nimmt sich alle verfügbaren Quellen (Briefe, Reisenotizen, Tagebuchauszüge, Zeitungsartikel) vor, um ein detailliertes Bild der Existenzbedingungen der Künstlerin im Kontext der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts zu zeichnen. Es sind verschiedenste Rahmenbedingungen und familiäre Einzelentscheidungen – was damals fast ausschließlich hieß: Entscheidungen des Familienoberhauptes – die das Leben der Nannerl bestimmten. Ein erstes Resümee lautet: „Nannerl war nicht ein Opfer ihres Bruders, wie zuweilen behauptet wird, sondern den Geschlechtsbildern ihrer Zeit unterworfen, die Frauen sozial, ideologisch und psychologisch an den Mann, den Produzenten von Kultur, banden.“
Wie sehr dieses Denken ausgehend von männlicher Kunst und Geschichte bis heute wirkt, zeigt schon die Geschichte von Eva Riegers Biografie: Als 1991 dem 200. Todestag Wolfgang Amadeus Mozarts gedacht wurde, sah der Insel Verlag auch eine Verkaufschance für die erste wissenschaftlich fundierte Biografie der Schwester. Zehn Jahre später, zum 250. Geburtstag Nannerls, gab es jedoch keine Neuauflage der vergriffenen Taschenbuchausgabe. Erst jetzt im Mozartjahr 2006 war die Zeit wieder reif für die erweiterte Neuausgabe.
Erziehung und Musikunterricht.
Im 18. Jahrhundert hielt der Rationalismus Einzug: Bis dahin geltende strenge Erziehungsideale vermischten sich mit den Leitlinien der Aufklärung; was auch hieß, dass in Erziehungsfragen zwischen Jungen und Mädchen sowie zwischen Kindern niederer und höherer Stände unterschieden wurde.
Noch galt keine Schulpflicht. Bildung für Mädchen sollte es zwar geben, aber nur so weit, dass sie weiterhin zur „Zierde des Mannes“ dienen konnten. Mädchen aus niederen Ständen bekamen nur Elementarunterricht, Mädchen aus höheren Ständen lernten zusätzlich die Grundsätze der „nützlichen“ Künste und Wissenschaften. Im 18. Jahrhundert entstanden auch erste große Ausbildungsstätten wie Universitäten und Gymnasien. Diese waren allerdings ausschließlich für Jungen und Männer gedacht – Mädchen wurden systematisch benachteiligt. Vater Leopold richtete sich bei der Erziehung seiner beiden Kinder genau nach den gesellschaftlichen Konventionen. Nannerl bekam mit sieben Jahren ersten Klavierunterricht. Der Vater wollte sie zur guten Spielerin ausbilden, er ließ sie aber erst Konzerte geben, als auch Wolferl alt genug dafür war, um neben ihr zu sitzen. Sie studierte die gleiche Literatur, die gleichen instrumentalen Techniken wie ihr Bruder, aber nicht jene Techniken, die ein Mann traditionellerweise für die eigentliche Berufsausübung als Musiker bekam. Leopold gab ihr nur so viel Unterricht, wie sie für den Beruf als Pianistin und Klavierlehrerin brauchte. Das Geigen- und Orgelspiel ebenso wie Kompositionsunterricht gab es anscheinend nur für Wolfgang.
Heiratsfähig.
Auch was die Heiratstraditionen betrifft, waren die gesellschaftlichen Normen im 18. Jahrhundert in Bewegung. War die Verheiratung der Kinder bis dahin vor allem Aufgabe der Eltern, kam nun der aufklärerische Gedanke vom freien Individuum dazu. Gegen den Willen der Eltern zu heiraten, galt aber weiterhin als moralisch verwerflich – vor allem für Frauen. Konnte Wolfgang seine Constanze gegen das Wohlwollen des Vaters heiraten, ohne geächtet zu werden, hätte Nannerl eine Entscheidung gegen den Vater gesellschaftlich gebrandmarkt.
Mit 16 Jahren endete für Nannerl Mozart das Abenteuer der Konzertreisen. Sie war ins heiratsfähige Alter gekommen, konnte nicht mehr als Wunderkind gelten, aber eine eigenständige Karriere als Künstlerin war eben auch nicht vorgesehen. Sie blieb also zuhause in Salzburg, führte Briefverkehr mit ihrem reisenden Bruder, und wenn ihn die Mutter auf Reisen begleitete, den Haushalt. Nebenbei verdiente sie dringend gebrauchtes Geld als Klavierlehrerin.
Tatsächlich geheiratet hat Nannerl aber erst mit 33 Jahren – und zwar nicht den Mann, den sie wollte, sondern den, den ihr Vater für sie ausgesucht hatte: einen viel älteren Witwer und fünffachen Vater. Mit ihm zog sie ins verschlafene St. Gilgen, wo sie am Kultur- und Musikleben in der Landeshauptstadt nur mehr mittels Briefverkehr mit der Familie teilnehmen konnte. Sie bekam selbst weitere drei Kinder. Den erstgeborenen Sohn nahm Vater Leopold zu sich, der sich nach dem Auszug der Tochter wohl einsam gefühlt hatte, wie Eva Rieger beschreibt: „…er suchte nach einer Aufgabe. Das Kind kam gerade zur rechten Zeit, und er konnte sich einbilden, Nannerl einen großen Gefallen zu tun.“ Das einstige Wunderkind musizierte weiterhin mit Begeisterung – an einem von der feuchten Seeluft verstimmten Klavier.
Vermarktung.
Zwei Jahre nach der Geburt des ersten Sohnes starb Vater Leopold, einige Jahre später folgte der Bruder. Nachdem auch Nannerls Ehemann 1901 gestorben war, kehrte sie zurück nach Salzburg, wo sie bis zu ihrem 76. Lebensjahr Klavierunterricht gab.
Nach dem Tod des Genies Wolfgang wurde sie von mehreren Verlagen um Manuskripte gefragt, um das Leben ihres Bruders nachzuzeichnen. Es könne „kein Zufall“ sein, vermutet Eva Rieger, dass die Briefe des Vaters und Wolfgangs fast vollständig erhalten sind, hingegen die von Mutter und Nannerl geschriebenen Schriftstücke großteils verschollen sind. Vermutlich hat Nannerl selbst viele Briefe weggeworfen - ganz der allgemeinen Meinung folgend, dass von Frauen Produziertes nicht viel wert ist. Erhalten geblieben sind so vor allem ihre Erinnerungen an den Bruder.
Der übermächtige Schatten Wolfgang Amadeus Mozarts ist bis heute nicht verblasst. Nicht nur die Mozartstadt Salzburg schöpft die gesamte Palette der Vermarktung aus und veranstaltet ab 30. Juli ein dreitägiges „Nannerl-Fest“. Der Tourismusverband des selbsternannten „Nannerl-Orts“ St. Gilgen will auch vom Mozartjahr profitieren, weshalb sie das Nannerl-Musical in Auftrag gegeben haben. Tourismuschef Franz Mayrhofer: „Seine Schwester Nannerl hat jahrelang hier gelebt. Sie war nicht unbedingt glücklich. Aber das ist nicht der Kern der Botschaft.“ Dabei sollte genau das – der Grund für das „Unglück“ einer Künstlerin im 18. Jahrhundert und wie diese Strukturen bis heute nachwirken – die Leitfrage einer feministischen Erforschung des Lebens der Nannerl sein. Sie starb am 29. Oktober 1829 in Salzburg. Auf eigenen Wunsch hin wollte sie nicht im väterlichen Grab beigesetzt werden, sondern in der Kommunengruft am Friedhof St. Peter. Eine der wenigen freien Entscheidungen der Anna Maria Mozart.
Literatur:
Eva Rieger: Nannerl Mozart. Das Leben einer Künstlerin. Erweiterte Neuausgabe. Insel Verlag 2005, 20,40 Euro |